Kino-Kritik: Suche nach dem verlorenen Sohn
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 06.03.2008 - 09:28Düsseldorf (RP). Manche Soldaten kehren nicht heim, auch wenn sie den Krieg überleben. Ihr Blick auf die Welt hat sich so verändert, dass sie eine ganz andere Heimat erkennen als jene, aus der sie aufbrachen. Dieses Gefühl der Entfremdung kann zu Krisen, Depressionen, gar zum Selbstmord führen. Das Schicksal der Veteranen färbt den Sieg mit Zügen der Niederlage. Aber der amerikanische Regisseur Paul Haggis („L.A. Crash“) hinterfragt den Krieg gegen den Terror nicht mit der Schilderung der normalen Verwirrung eines Kriegsheimkehrers.
„Im Tal von Elah“ erzählt eine rätselhaftere Geschichte der Nichtheimkehr. Der junge Soldat Mike Deerfield (Jonathan Tucker) hat achtzehn Monate im Irak zugebracht, hat seinen Vater Hank (Tommy Lee Jones), einen Ex-Militärpolizisten, am Telefon angefleht, ihn aus dem Schrecken seiner Stationierung herauszuholen.
Aber nun hat Mike Deerfield die Heckenschützen und Autobomben überlebt, ist zurück in den Staaten, aber eines Morgens nicht mehr beim Appell. Desertiert jemand, der das Chaos des Krieges überstanden hat, vor der Monotonie des Kasernenfriedens?
Hank glaubt nicht an ein Durchdrehen seines Sohnes, schon gar nicht daran, dass der Verschwundene in den Drogenhandel verwickelt und abgetaucht sein könnte.
Ohne eigene Theorie, was geschehen sein könnte, hat er doch einen beißenden Antrieb zur Recherche in New Mexico: das Misstrauen des ehemaligen Soldaten und Polizisten, die aktiven Kollegen gäben sich verdächtig früh mit fadenscheinigen Erklärungen und Hypothesen zufrieden.
Hank Deerfields Spurensuche, sein Aneinanderrasseln mit den Autoritäten gibt „Im Tal von Elah“ die äußere Form eines Krimis, mit der Haggis souverän umzugehen weiß. Aber die Ermittlung richtet sich nicht auf einen Einzelfall. Sie nimmt eine gesamtgesellschaftliche Verunsicherung in den Blick. Es ist nicht mehr wie früher, lernt Hank Deerfield, der Mann, der stolz auf seine Militärzeit war.
Haggis ist es nicht wichtig, ob die Vergangenheit tatsächlich besser war oder ob da verklärende Erinnerung ein falsches Bild gelebter Ideale zeichnet. Ihm geht es darum, dass die Bürger hier und heute dem Militär nicht mehr trauen, die Offiziere nicht mehr ihren Soldaten, die Soldaten nicht mehr ihrem Auftrag. Nach und nach holt ein Tüftler aus einem fast zerstörten Mobiltelefon Fetzen kleiner Handyfilmchen, die Mike im Irak gedreht hatte.
Diese wackligen Bilder signalisieren zweierlei: zum einen, dass die Amerikaner zuhause nicht die ganze Geschichte dessen kennen, was im Irak vor sich geht. Zum anderen, dass sie, durch den unablässigen Strom der privaten Zeugnisse der Heimkehrer, mehr wissen, als ihnen lieb ist.
Die Suche von Hank Deerfield nach seinem Sohn folgt anfangs der Frage: Wohin und warum ist er abgetaucht, oder ist ihm gar etwas geschehen? Aber bald wölben sich darüber neue Fragen: Was stellen unsere Kinder in diesem Krieg an und was stellt der Krieg mit unseren Kindern an?
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