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Kino-Kritik: Sühne in Afghanistan

VON ALBERT BAER - zuletzt aktualisiert: 17.01.2008 - 12:25

Düsseldorf (RP). Ein Telefonanruf konfrontiert den Schriftsteller Amir (Khalid Abdalla), der vor mehr als 20 Jahren mit seinem Vater aus Afghanistan in die USA flüchtete, wieder mit der Vergangenheit. Mit jenen Tagen seiner Kindheit, als er seinen besten Kumpel Hassan verriet, was ihm immer noch große Schuldgefühle macht. „Es gibt eine Möglichkeit, es wiedergutzumachen. Du musst nach Hause kommen“, sagt ihm der Anrufer, der ihm berichtet, dass der Sohn seines Jugendfreundes in die Hände der Taliban geraten sei.

Das Drama "Drachenläufer" basiert auf einem Bestseller von Khaled Hosseini.  Foto: Universal
Das Drama "Drachenläufer" basiert auf einem Bestseller von Khaled Hosseini. Foto: Universal

So beginnt das Drama „Drachenläufer“ von Marc Forster („Monster’s Ball“, „Schräger als Fiktion“), dessen jüngste Regiearbeit auf dem gleichnamigen Bestsellerroman des Exil-Afghanen Khaled Hosseini basiert, der im Jahr 2003 erschien und in mehr als 34 Ländern inzwischen acht Millionen Mal verkauft wurde. Im Buch verarbeitete der Autor eigene Erlebnisse und schmerzhafte Erfahrungen: Auch er floh einst mit seiner Familie aus dem zentralasiatischen Staat.

Es ist erstaunlich, mit wie viel Feingefühl Forster die Vorlage umsetzt und den Zuschauer mit auf eine Jahrzehnte umspannende Reise durch bewegende Erinnerungen nimmt. In einer Rückblende führt der Film zurück ins noch friedliche Kabul der 70er Jahre. Amir (Zekeria Ebrahimi), der ängstliche Sohn eines privilegierten Paschtunen, und Hassan (Ahmad Khan Mahmoodzada), der mutige Sprössling des Hausdieners aus dem benachteiligten Stamm der Hazara, wachsen gemeinsam auf.

Trotz ihrer Klassen- und Charakterunterschiede sind die Jungs dicke Freunde. Gemeinsam wollen die Zwölfjährigen den traditionellen Wettbewerb im Drachenfliegen gewinnen. Hassan ist der beste Drachenläufer der Stadt. Er weiß blind, wohin er rennen muss, um beim Wettkampf die bunten Drachen der anderen Kinder einzusammeln. Und blind vertraut er auch Amir.

Doch als Hassan von drei brutalen Paschtunen-Jugendlichen geschlagen und vergewaltigt wird und Amir dabei seinen Freund feige im Stich lässt, ist das Ende ihrer unbeschwerten Kindheitstage gekommen. Von diesem Verrat erholt sich ihre Beziehung nicht mehr, und beim Einmarsch der sowjetischen Truppen trennen sich die Wege der beiden endgültig.

Amir wächst in den USA auf, Hassan in einem Land, das in Bürgerkriegen, Besatzung und in der Schreckensherrschaft der Taliban untergeht. Glaubwürdig, weil realistisch und ganz nah an den Figuren skizziert Forster kindliche Vorstellungswelten, den abrupten Bruch der Freundschaft, die überstürzte Flucht und stellt dies alles vor den Hintergrund der historischen Ereignisse.

„Drachenläufer“ verknüpft kleine und große Geschichte zu einem Lehrstück über private und politische Krisen, doch vor allem ist der Film die stille Beschreibung einer schuldbeladenen tragischen Freundschaft. Zur Überzeugungskraft hat auch beigetragen, dass Forster mit afghanischen Schauspielern sowie Laiendarstellern sowohl in der Landessprache Dari als auch in Englisch gedreht hat, was der komplexen Handlung angemessene Authentizität verleiht. Man sollte den Film also nach Möglichkeit in der Originalfassung anschauen.

Erst zum Ende, wenn der nach Vergebung suchende Amir mit angeklebtem Bart und unter Lebensgefahr in sein geschundenes Heimatland zurückkehrt, verliert der Film etwas seinen lyrischen Ton und setzt auf einmal doch auf die Wirkung irre dreinblickender Taliban- Schurken, einiger Actionszenen und kitschiger Musik. Das ist allzu simple Hollywood-Dramaturgie.

Insgesamt aber schafft Forster den Spagat zwischen Kunst und Kommerz. Und gönnt dem Zuschauer ein versöhnliches Ende, das in einem Drachen, der in den USA befreit in den Himmel steigt, ein schönes Bild findet.

Wie diese sensible Filmsprache zum nächsten Projekt des in der Nähe von Ulm geborenen Regisseurs passt, bleibt abzuwarten: Als nächstes dreht Marc Forster den neuen James-Bond-Film.


 
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