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"Suffragette" mit Meryl Streep
Galionsfigur des Aufruhrs – eine einzige Enttäuschung

"Suffragette" mit Meryl Streep und Carey Mulligan: Galionsfigur des Aufruhrs
Meryl Streep als Emmeline Pankhurst in "Suffragette". FOTO: dpa, hjb
Düsseldorf. Das britische Drama "Suffragette" erzählt von Fabrikarbeiterinnen, die geholfen haben, das Wahlrecht für Frauen zu erkämpfen. Von Thomas Klingenmaier

Wird Geschichte eigentlich nur von denen gemacht, die in den Geschichtsbüchern namentlich erwähnt werden? Diese freche Frage linker Subjekte, die sich einst gegen die Denkmalskultur der Herrschenden richtete, darf man längst auch an die eher linke Geschichtsschreibung stellen. Auch die hat ihre Heldinnen und Recken, und spätestens, wenn der Kampf der Vielen dann fürs Kino aufbereitet wird, mag die Kamera sich gar nicht mehr lösen von den Außergewöhnlichen. Dieser Gefahr zumindest sind sich die Regisseurin Sarah Gavron und ihre Drehbuchautorin Abi Morgan bei "Suffragette" sehr bewusst.

Als Frauen als Menschen zweiter Klasse galten

Dieser britische Spielfilm will uns aus einer gar nicht so fernen Zeit erzählen, als Frauen auch im aufgeklärten Westen noch als Menschen zweiter Klasse galten, als die Forderung nach dem Wahlrecht den Verlust des Arbeitsplatzes, einen Schlag mit dem Polizeiknüppel ins Gesicht oder gar das Weggesperrtwerden zur Folge haben konnte.

Auch diese Zeit hat Heldinnen hervorgebracht, Anführerinnen, in deren Person und Schicksal sich schon zu Lebzeiten Erfahrung und Hoffnung vieler Menschen bündelten. In England, wo das Frauenwahlrecht erst 1928 eingeführt wurde, war Emmeline Pankhurst so eine Galionsfigur des Aufruhrs. Pankhurst (1858-1928) gehörte zu jenen Suffragetten genannten Konfrontationsfreudigen, die nach Jahren des Argumentierens, Bittens und Protestierens der britischen Männergesellschaft keinen Moment Ruhe mehr gönnen wollten.

Das öffentliche Verbrennen von Büstenhaltern, das Einschmeißen von Schaufensterscheiben, das verkehrsbehindernde Versammeln ohne Erlaubnis gehörten zu den Kampfmethoden, und die behördlichen Reaktionen waren brutal.

Meryl Streep spielt Emmeline Pankhurst

Von all dem erzählen Gavron und Morgan, sie machen es aber nicht an Pankhurst fest. Die wird zwar von Meryl Streep gespielt, hat aber nur einen sehr kurzen Auftritt. Morgan, Jahrgang 1968, die schon für Gavrons Kinodebüt "Brick Lane" das Drehbuch geschrieben hatte und die mit den Skripts zu "Shame", "Die eiserne Lady" und ihrer TV-Serie "The Hour" ihre Vielseitigkeit und Vielstimmigkeit bewiesen hat, will unsere Aufmerksamkeit auf ein beispielhaftes Schicksal in der Menge richten. Sie folgen der jungen Fabrikarbeiterin Maud Watts (Carey Mulligan), die anfangs mit den aufmüpfigen Frauen nichts zu tun haben will. Aber sie wird dann doch hineingezogen in einen Kampf, der große Opfer von ihr fordern wird.

An Carey Mulligans Leistung ist vermutlich nichts auszusetzen, hat man die 1985 geborene Britin doch aus "An Education" oder "The Great Gatsby" als charismatische Darstellerin in Erinnerung. Es fällt nur so verflixt schwer, sich hier auf sie einzulassen. Denn so wie die eigentlich sehr beeindruckende Ausstattung geht sie unter in der fahrigen Erzählweise, im hippeligen Hin und Her der Kamera und der Sprunghaftigkeit einer ungeduldigen Szenenmontage.

Bieder didaktisches Drehbuch

Morgans Drehbuch ist diesmal bieder didaktisch, es bemüht sich sehr, uns die Zeit und ihre Konflikte verständlich zu machen. Die Charaktere bekommen keine Luft zum Atmen, das Besondere und Eigenwillige muss ständig hinter dem Allgemeinen und Generalistischen zurücktreten. Nach kurzer Zeit wirkt "Suffragette" wie der überfinanzierte Teil einer Telekolleg-Schulfilmreihe, dessen etwas altmodisch-muffiger Belehrungswille nun von pseudohipper Häppchenpräsentation nachträglich aufgepeppt werden sollte.

Ob Sarah Gavron, die mit 46 Jahren noch relativ wenig Regieerfahrung vorzuweisen hat und noch nie eine so große Produktion verantworten musste, bei "Suffragette" schlicht den Überblick verloren hat oder das Opfer fremder Eimischung wurde, ist schwer zu sagen. Das Thema dürfte ihr am Herzen gelegen haben, auch, weil die Frauenbewegung von damals an Klassenschranken rüttelte und die Aufmüpfigen aus Oberschicht und Proletariat zusammenführte.

Das Ergebnis ist eine einzige Enttäuschung

Sarah Gavron, die Tochter des Millionärs und geadelten Labour-Politikers Robert Gavron, die in ihren Filmen von armen Einwanderern und Fabrikarbeiterinnen erzählt, ist gewiss nicht bloß routiniert an den Stoff herangegangen. Aber das Ergebnis ist eine einzige Enttäuschung, das weder die politische Wucht eines Film von Ken Loach noch die Sinnlichkeit eines schauwertstolzen Historienstücks zu bieten hat.

Suffragette, Großbritannien 2015 - Regie: Sarah Gavron mit Carey Mulligan, Helena Bonham Carter und Meryl Streep, 107 Min.

Quelle: RP
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