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Kinostart "Taxi Teheran"
Im Taxi durch Teheran

Taxi Teheran: Jafar Panahi dreht heimlich Kinofilm in seinem Taxi
Jafar Panahi ist Taxifahrer in Teheran. Bei seinen Fahrten lässt er heimlich die Kamera laufen. FOTO: dpa, kde
Düsseldorf. Der Iraner Jafar Panahi steht in seiner Heimat unter Hausarrest. Trotzdem hat er einen Film gedreht, heimlich, in einem Taxi, das er selbst durch Teheran kutschiert. Entstanden ist ein bewegendes, humorvolles Plädoyer für die Freiheit. Von Dorothee Krings

Dieser Film handelt von Enge, Einschüchterung, von der existenziellen Begrenzung und Bedrohung eines Künstlers. Doch "Taxi Teheran" ist an keiner Stelle bitter, anklagend oder wehleidig, sondern ein fast heiterer Film über Menschen, die unterschiedlich auf die Wirklichkeit blicken und sich in ihrem Alltag mühen. Er ist getragen von Humor, Güte, einer großen Traurigkeit über die Verhältnisse, vor allem aber von einer tiefen Menschlichkeit. Das ist die widerspenstige Stärke dieses Films, der die Macht der Kunst nicht nur behauptet, sondern einlöst.

Jafar Panahi lebt in Teheran. Er hat Filme gemacht wie "Der Kreis", ein packendes Drama über die Ohnmacht der Frauen in seiner Heimat, oder "Offside" über die hilflosen Versuche weiblicher Fußballfans, ihren Lieblingssport im Stadion zu erleben. Panahi hat sich während der Präsidentschaftswahlen 2009 im Iran der Grünen Bewegung angeschlossen, ist ins Gefängnis gekommen, in Hungerstreik getreten und wurde am Ende zu sechs Jahren Haft verurteilt und für 20 Jahre mit einem Berufsverbot belegt. Das war vor fünf Jahren.

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Seither lebt Jafar Panahi unter Hausarrest und hat heimlich drei Filme gedreht. "Taxi Teheran" ist sein jüngstes Werk und sein raffiniertestes, weil es mit Realität und Fiktion spielt, die Lage eines kritischen Regisseurs in einer Diktatur reflektiert und zugleich lebendige, unterhaltsame, berührende Episoden aus dem Leben erzählt.

Panahi hat seinen Film heimlich in einem Taxi gedreht mit einer Kamera, die vorn auf das Armaturenbrett geschraubt ist. Im beengten Innenraum eines Autos inszeniert er ein Kammerspiel mit dokumentarischen Elementen. Denn das Taxi kutschiert er durch das reale Teheran. Man gewinnt Eindrücke vom Alltag in der 12-Millionen-Einwohner-Stadt, und es steigen Menschen ein und aus, die aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammen, diverse politische Überzeugungen vertreten. Manchmal äußern sie die explizit, etwa, als eine Lehrerin und ein Arbeiter über die Todesstrafe diskutieren.

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Meist sind es aber scheinbar unpolitische Unterhaltungen, die trotzdem viel über die soziale wie politische Lage im Iran verraten. Etwa, als ein Mann einsteigt, der den Fahrer sofort als Panahi enttarnt, sich als Fan und hauptberuflichen Raubkopierer outet, der Woody-Allen-Filme ins Land schafft, und sich nun zu seinen Kunden fahren lässt. Der Mann schwadroniert über sich und die Welt, über das Leben in einer totalitären Gesellschaft und die Schlauheiten, mit denen der kleine Mann versucht, sich den Alltag dennoch erträglich zu machen.

Pahani sitzt milde lächelnd am Steuer und lässt die Leute reden. So wirkt dieser Film realistisch wie eine Doku und ist doch verdichtete Wirklichkeit, gespielt von Menschen, die viel riskieren. Man spürt diesen rebellischen Geist - und die Leidenschaft fürs Filmemachen. Und das berührt und beschämt.

Irgendwann fährt Panahi an der Schule seiner kleinen Nichte vor. Das Mädchen steigt ein, richtet seine eigene kleine Kamera auf den Onkel und beginnt ihm zu erklären, wie man Filme macht, die den Regeln der Zensoren entsprechen: keine Kontakte zwischen Mann und Frau, nur die Guten tragen Krawatten und so fort. Dann steigt der Onkel aus, auf der Straße steigt ein Hochzeitspaar ins Auto, wird von einem Jungen beklaut. Das Mädchen filmt, doch die Wirklichkeit will sich nicht an die Regeln halten. Es sind absurde, kleine Szenen wie diese, die die Komik und die Tragik dieses Films ausmachen.

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Die Berlinale-Jury hat den Film Anfang des Jahres mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Sie hat damit nicht nur ein politisches Zeichen gesetzt. "Taxi Teheran" ist ein komischer Film, der einem die Tränen in die Augen treibt. Weil er an die Freiheit glaubt. Und an die Macht des Kinos.

Quelle: RP
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