Start am 11. Dezember: Tintenherz pocht zu schnell
VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 11.12.2008 - 07:21Düsseldorf (RP). Iain Softley hat den fantastischen Roman „Tintenherz“ von Cornelia Funke verfilmt. Entstanden ist ein extrem hektisch geschnittener Abenteuerfilm. Doch die Schnelligkeit der Bilderfolge kann über die wenig ergreifende Gestaltung der Szenen nicht hinwegtäuschen.
Bücher raunen, rappeln, tuscheln, wenn man nur an ihnen vorübergeht. Schlägt man sie auf, kreischen sie manchmal los. In Iain Softleys „Tintenherz“ jedenfalls, der Verfilmung von Cornelia Funkes gleichnamigem Bestseller. Wer da nie hineingeschaut hat, bekommt im Kino gleich anfangs einen Grundkurs zum entscheidenden Magiefaktor in der Vorlage. Die Trennwand zwischen Realität und Roman, Körperwelt und Buchstaben, ist dort durchlässig. Besondere Individuen, Silberzungen genannt, können beim lauten Vorlesen Türen zwischen den Welten aufstoßen. Etwas aus den Büchern tritt dann leibhaftig herüber zu uns. Etwas aus unserer Welt muss dafür hinüber ins Buch.
Softleys „Tintenherz“ steht also vor demselben Problem wie einst die von Bernd Eichinger produzierte Verfilmung von Michael Endes „Die unendliche Geschichte“. Die Lust und Macht des Lesens soll gefeiert werden, in einem Medium, das mit Bildern versunken dasitzender Schmökerer arg wenig anfangen kann. Die Scheu vor der Ruhe der Lesenden führt dann zu extremen filmischen Überreaktionen, zu kurzatmiger Schnittwut und manischer Getriebenheit.
Brendan Fraser, der auf besonderen Wunsch Funkes besetzt wurde, spielt den Vater Mo, der als Silberzunge seine Frau unvorsichtigerweise in einem Buch hat verschwinden lassen und nun sehr darauf achtet, seiner Tochter Meggie (Eiza Bennett) ein ähnliches Schicksal zu ersparen.
Nur klappt das nicht so mit der Vorleseabstinenz, wie er sich das gedacht hat. Er wird von einem tragischen Kerl namens Staubfinger (Paul Bettany) verfolgt, der unbedingt wieder in seine Buchwelt zurückgelesen werden möchte. Und er wird vom Schundbuchschurken Capricorn (Andy Serkis) erpresst, der einen Dämonenkumpanen aus seinem Ursprungsbuch herausgeholt haben will, um mit dem zusammen unsere Welt zu erobern.
Der Brite Iain Softley, Jahrgang 1958, hat in Hollywood immer wieder Filme vorgelegt, deren Potenzial sich zwar erkennen ließ, deren Gestaltung aber irgendwann in Routine, Plattitüde oder verquälten Kompromiss abrutschte, wie bei „K-Pax – Alles ist möglich“ (2001) oder „Der verbotene Schlüssel“ (2005).
„Tintenherz“ ist ein wenig anders. Hier ließe sich, hätte man nicht die an etlichen Stellen veränderte und durchweg verkindlichte Vorlage im Kopf, kaum noch das Potenzial erkennen. Beständig reißt der Film uns voran. Eine seiner längsten Einstellungen dauert fünfzehn Sekunden. Vier Sekunden sind schon viel Zeit für einen Kamerablick, gern knallt schon nach einer halben, nach einer, nach zwei Sekunden das nächste Bild auf die Leinwand.
Das als hippelige Unruhe zu bezeichnen, wäre noch geschmeichelt. Die Hysterie der Gestaltung kreischt uns unablässig ins Ohr: „Gleich kommt was anderes, gleich kommt was anderes, gleich kommt was anderes.“ Als fassten wir, kaum dass ein Bild sich aufbaut, schon einen Widerwillen dagegen und müssten nun mit aller Macht der Änderungsverheißung am Weglaufen gehindert werden.
Nun ist es aber nicht so, dass uns dieser Blickwechselkoller eine Unzufriedenheit einredet, die sonst gar nicht da wäre. Die wilde, von aufdringlicher Musik begleitete Voranschneiderei muss kaschieren, dass kaum eine Einzelszene prägnant, ergreifend, bedeutungssicher gestaltet ist. Was schwer wundert, ist Roger Pratt doch ein findiger Kameramann, der für Terry Gilliam „König der Fischer“ und „Twelve Monkeys“ und zwei der Harry-Potter-Filme fotografiert hat.
Funkes Buchvorlage ist poetisch kunstdemokratisch. Theoretisch kann dort jeder noch so holprige Text durch eine Silberzunge wirkmächtig werden. Der Leseranteil am Literaturgenuss wird also betont. Softley hat das falsch verstanden. Er glaubt, unsere Zuneigung zu den Figuren und sein Wirbelwindtempo würden schon darüber weghelfen, dass ihm keine schönen Bilder eingefallen sind. lll
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