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Film-Kritik: Tony Takitani: Ich shoppe, also bin ich

zuletzt aktualisiert: 06.06.2005 - 11:53

Shoppen bringt im Allgemeinen volle Tüten, leere Geldbeutel und viel Spaß - wenn es im Rahmen bleibt. In der japanischen Literaturverfilmung "Tony Takitani" schlägt eine shoppende Frau jedoch arg über die Stränge und steuert geradewegs in eine handfeste Krise...

"Ladys who shop", heißen solche kaufwütigen Damen unter Marketingfachleuten, und ihr Powershoppen wird zum stillen Drama ausgebaut. Im Zentrum steht der Einzelgänger Tony Takitani, der ganz in seinem Beruf aufgeht: Der Grafiker verdient viel Geld mit dem hyperexakten Zeichnen von Maschinen. Er verliebt sich in das Mädchen Eiko, weil sie sich so gut anzuziehen versteht wie keine andere Frau. Eiko erweist sich als perfekte Hausfrau, ist aber süchtig nach Designermode, was Tonys Geldbeutel allmählich überstrapaziert. Und sie nimmt sich fest vor, mindestens eine Woche lang nicht in Boutiquen zu gehen.

Nicht umsonst ist der Schriftsteller Haruki Murakami inzwischen Kult beim urbanen Lesepublikum, das bereits sehnsüchtig auf diese erste Murakami-Verfilmung wartet. Murakamis Geschichten kreisen stets um die existenzielle Entfremdung seiner Helden in einer rätselhaft gewordenen Welt. Und dass etwa Frauen bei Frust teure Schuhe kaufen und Japanerinnen mit riesigen Einkaufstüten durch Nobelboutiquen flanieren - diese Verhaltensweisen bekommen durch das feinfühlige Melodram eine bedrückende, aber vor allem poetische Dimension.

Ein Psychologie würde bei den Protagonisten wahrscheinlich eine innere Leere diagnostizieren, die sich in zwanghaften Handlungen ein Ventil sucht; Soziologen und der Papst würden Kapitalismus und Konsum als Wurzel allen Übels beklagen. Doch die Inszenierung vermeidet ebenso wie das Buch moralische Kurzschlüsse und komponiert aus Musik, Interieurs und hingehauchten Gesprächsfetzen ein Film-Gedicht über eine allgemein gültige Sehnsucht nach Liebe und Schönheit. Ein spröder Off-Monolog streift das Schicksal Tonys und seines Vaters, ein Jazz-Musiker, der im Krieg unter die Räder geriet und dessen Eltern durch die Atombombe starben: allzu schnell durchgewunkene Tragödien, deren Gift im todeinsamen Tony bis heute nachwirkt.

Sucht nach Schönheit und Perfektion

Die Protagonisten, die stets die von der Erzählstimme angefangenen Sätze zu Ende sprechen, werden zu Symbolen: Vater und Sohn werden ebenso vom selben Schauspieler (Issey Okata) dargestellt wie Eiko und ihr Ersatz, Hisako (Rie Miyazawa). Denn Tony sucht in einer Anzeige ein Mädchen mit Eikos Kleidergrößen, um die Leerstelle nach dem Unfalltod seiner Frau auszufüllen: ein ganzes Zimmer voller Designerkleider.

Die Kamera beobachtet diese still gequälten Wesen in ihren extrem aufgeräumten, weißen Wohnungen so distanziert wie Fische, die ziellos in einem sterilen Aquarium hin und her schwimmen. Eiko kauft mitnichten angesagte Pseudo-Hippie- oder Jeansklamotten in kreischigen Farben, deren Gürtellinie sich unterhalb der Nieren und knapp oberhalb der Schamhaare befindet. Stattdessen bevorzugt sie Kostüme in eleganten Nichtfarben wie Creme, Silbergrau und Schwarz, die ihre zierliche Trägerin wie ein Püppchen oder vielmehr ein körperloses Phantom wirken lassen.

Diese kostbaren Kaschmir-Hüllen erinnern Tony an Eikos Haut und bringen die handfeste Hisako, der Kleider eigentlich schnurz sind, stellvertretend für ihn, zum Weinen. Letztlich führt die Sucht nach Schönheit und Perfektion in diesem durchästhetisierten Drama zum Tod oder zumindest zu einem Leben, das seinen Namen nicht verdient: Design ist nicht Sein.

Quelle: ap

 
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