Familie im Vorstadtgetto Londons: Trauriger Alltag in "All or Nothing"
zuletzt aktualisiert: 13.01.2003 - 09:34Frankfurt/Main (rpo). "All or Nothing" zeigt ungeschönt das Leben einer Arme-Leute-Familie in einem ärmlichen Vorort Londons. Alkoholismus, sexuelle Belästigung und Arbeitslosigkeit sind Thema. Nicht gerade ein "schöner" Film, aber ein sehr sehenswerter.
Was für eine Familie! Der Vater ist Taxifahrer ohne jede Perspektive. Die abgehärmte Mutter arbeitet als Kassiererin in einem Großmarkt und nebenbei als Dienstmädchen zu Hause. Die erwachsenen Kinder schaffen es nicht, sich abzunabeln. In der Pension Mutti werden sie immer dicker. Die Tochter jobbt als Putzhilfe in einem Altersheim, der Sohn liegt am liebsten auf der Couch, schaut Fernsehen und stopft Kartoffelchips in sich hinein. Den Gang zum Arbeitsamt verweigert er konsequent.
Mit diesen Figuren soll man sich also zwei Stunden beschäftigen? Die Frage, die man sich zu Beginn von "All or Nothing" stellt, hat sich bald erledigt. Denn der englische Regisseur Mike Leigh ("Lügen und Geheimnisse") versteht es meisterhaft, sein Publikum in die Welt seiner Protagonisten hineinzuziehen. Leigh ist ein Spezialist für die Verlierer und Zu-kurz-Gekommenen, für die Absteiger in der Leistungsgesellschaft.
Im Gegensatz zu seinem Kollegen Ken Loach, mit dem er gern verglichen wird, geht es Leigh aber in erster Linie um die Personen. So hat er als Schauplatz eine heruntergekommene Neubausiedlung im Süden Londons gewählt, aber er macht nicht die Unwirtlichkeit des Gettos für das Verhalten seiner Figuren verantwortlich. Leigh geht es um das Zusammenwirken von psychischem und sozialem Elend, ohne in dem einen eine Ursache für das andere zu suchen.
Er betrachtet Menschen, denen sich die Frage nach dem "Alles oder Nichts" gar nicht mehr stellt. Sie haben von vornherein verloren, für sie ist das berühmte Wasserglas halb leer. Wie für jenen Taxifahrer Phil, der zu spät aufsteht, um früh morgens die lohnenswerten Fahrten zum Flughafen zu bekommen. Phil ist ein Familienvater, der jede Autorität verloren hat.
Timothy Spall spielt ihn. "Der füllige Schauspieler, der so traurig und so mutlos gucken kann wie ein gestrandeter Wal", stand über ihn im Programmheft des Hamburger Filmfests eine wunderbare Beschreibung. Phil lebt in einer Art innerer Emigration, als würde er schon längst nicht mehr zu dieser Familie gehören.
Seine Lebensgefährtin Penny (Lesley Manville) - geheiratet haben die beiden nie - rackert sich ab und ist dabei gefühllos geworden. Erst nach einer Herzattacke ihres Sohnes ringt sich Phil die Frage an Penny ab: "Du liebst mich nicht mehr, oder?" Dieser Satz ist eine Befreiung. Es kommt ein Gespräch in Gang, wie man es in dieser Tiefe zum letzten Mal in einem Ingmar-Bergman-Film gehört hat.
"All or Nothing" zeigt Familien- und Beziehungsszenen, die manchmal auch die Grenzen zum Peinlichen überschreiten. Alkoholismus, eine unerwünschte Schwangerschaft samt verantwortungslosem Vater, sexuelle Belästigungen. Wohin man schaut: gestörte Beziehungen. Doch Mike Leigh scheint alle Figuren wenn nicht zu lieben, so doch zu akzeptieren. Distanz zu dem Psycho-Elend, das er zeigt, schafft er durch eine wunderschöne, klassisch anmutende Kammermusik. Die Hoffnung stirbt nie. Das macht "All or Nothing" so sehenswert.
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