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ein prophet panorama sony nur film
  Foto: Sony Pictures
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Grandioses Gefängnisdrama "Ein Prophet": Überleben hinter Gittern

VON THOMAS KLINGENMAIER - zuletzt aktualisiert: 11.03.2010 - 11:55

(RP). In einem grandiosen Gefängnisdrama erzählt der französische Regisseur Jacques Audiard von einem jungen Außenseiter im Knast, der lernen muss, in einer Gewaltordnung zu überleben – und sich dabei als gefährlich gelehrig erweist. Ein Meilenstein für den französischen Kriminalfilm.

Hinter Gittern, erzählt uns der Gefängnisfilm immer wieder, ist ein Verurteilter erst in zweiter Linie dem Regiment der Vollzugsbeamten unterworfen. In erster Linie bestimmen nun seine Mitgefangenen über ihn, und deren Tyrannei kennt keinen Grenzen und keine Beschwerdewege. Körperliche und seelische Misshandlung, sexuelle Versklavung, jede Art Demütigung und Erpressung – sie machen auch in dem französischen Gefängnis, in das uns Jacques Audiards meisterlicher "Ein Prophet" führt, die eigentliche Strafe aus.

Malik El Djebena (Tahar Rahim) ist gerade einmal 19 Jahre alt, als er einfährt, ein Kleinkrimineller, ein Amateur, einer, der hier drin eigentlich nur Opfer werden kann. Denn dieses Gefängnis wird kontrolliert von einer korsischen Gang. Deren Oberhaupt César Luciani (Niels Arestrup) hat weiter Kontakte nach draußen, zu seinem Clan und seinen Geschäftspartnern. Luciani kann Geld anweisen lassen und Gefälligkeiten organisieren, er schmiert Wärter und Zivilpersonal, er ist stets von einem Trupp seiner härtesten Schläger umgeben und regiert seinen Zellenblock wie ein Kriegsherr seine Burg. Bei den Korsen gelten nur die Korsen etwas, weshalb Malik sie fürchten muss.

Selbstbehauptung im Knast

Auf der anderen Seite des Hofes formiert sich seit einiger Zeit eine Gegenmacht, die Bärtigen, wie die Korsen durchaus beunruhigt spotten. Es sind die Araber im Gefängnis, oder besser gesagt, die Muslime. Akzeptiert wird nur, wer sich als Glaubensbruder geriert. Was aber weniger mit fleißigem Koranstudium zu tun zu hat als mit Ritualen der Männerbündelei. Malik ist zwar sichtlich maghrebinischer Abstammung, aber als Franzose aufgewachsen und fern aller Religion sozialisiert. Die Bärtigen halten ihn für einen ungläubigen Niemand, für einen potenziellen Verräter.

"Ein Prophet" wird nun aber kein langes Protokoll der Zermarterung und Zerfleischung eines Hilflosen zwischen den Fronten. Es wird ein Film über politische Instinkte, über energischen Selbstbehauptungswillen und das moralfreie Talent zur Manipulation. Gewiss, Malik wird zuerst geschunden, verhöhnt, mörderisch bedrängt. Und es dauert nicht lang, da findet er sich in die Dienste der Korsen gepresst, als entbehrliches Werkzeug der knastinternen Machtpolitik. Er sitzt dann in seiner Zelle und übt blutenden Mundes, eine Rasierklinge so in der Wange zu verstecken, dass er noch normal reden, aber die fiese kleine Waffe mit einem Zungenschlag hervorschnalzen lassen kann. So soll er an einen Mann in einer Einzelzelle herankommen, den es zu töten gilt.

Doch auch wenn Malik vorerst tut, was man von ihm verlangt, auch wenn er sich demütig als Aufwischer und Teemacher durch die Zellen der Korsen quetscht, er hat Großes vor, ohne sich vorerst groß aufzuspielen. Er hört zu, er lernt, er assistiert, er macht sich unentbehrlich. Er wendet seinen Makel der allseitigen Unzugehörigkeit in einen Vorteil, er verdingt sich als Bote und Unterhändler, als Grenzgänger zwischen den Parteien. Das ist aber noch keinesfalls der Gipfel all seiner Ambitionen.

Studie über den Griff nach Macht

 Jacques Audiards "Ein Prophet" hat ein Thema mit dem klassischen Gangster- und Knastfilm gemein, den Griff nach der Macht. Aber er ist mit seinem Porträt der Figuren, mit seinem Rhythmus, mit seinem politischen Gespür auch sehr modern: wir sehen hier – hoffentlich – die Zukunft des französischen Kriminalfilms.

Denn das Drinnen des Gefängnisses spiegelt nur das größere Draußen der multikulturellen Gesellschaft. Deren Konflikte wirken von hier aus nicht mehr wie Missgeschicke und Unfälle, sondern wie logische Konsequenzen des Systems. Der Knast erscheint als Labor, in dem wir ökonomische und politische Energieströme beobachten. Das Agieren der Häftlingsgruppen erinnert fast schon an verschlungene internationale Diplomatie, die auf Übervorteilung hinausläuft. Cesar, Malik und ein paar andere Akteure handeln nicht notgedrungen, sie entfalten lustvoll ihre Talente. In anderen Jahrhunderten wären sie vielleicht an der Spitze von Heeren und Barbarenhorden Reichsgründer oder Reichsvernichter geworden.

Das Konzept von Audiard geht nur auf, weil er großartige Schauspieler hat, weil Kamera und Setdesign uns die Orte als echt erleben lassen, weil genügend Lücken der Geschichte bleiben, um das Ganze nicht modellbaubieder wirken zu lassen. Wer kann, der baut sich seine eigene Welt und pfeift auf die Regeln der anderen, zeigt Audiard: in einem packenden, aber beunruhigenden Film.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

Quelle: RP

 
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