"Alle Anderen" startet in den Kinos: Unfassbar gute Dialoge
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 18.06.2009 - 08:05Düsseldorf (RP). Am Donnerstag kommt der Film "Alle Anderen" der jungen Berliner Regisseurin Maren Ade ins Kino. Die Beziehungsstudie glänzt durch Frische und Wahrhaftigkeit - und mit den besten Dialogen, die man seit Jahren in einer deutschen Produktion gehört hat.
Ein Paar fährt in Urlaub, denkt man, das ist ja nun nicht gerade eine originelle Voraussetzung für einen guten Film. Aber dann ist dieser Film doch gut, so gut, wie es das lange nicht gab im deutschen Kino. Denn eigentlich kommen solche Filme aus Frankreich, wenn sie gelungen sind: Mann und Frau, sie reden und reden, zwischendurch essen sie und schlafen miteinander, und eigentlich passiert nichts, aber am Ende macht doch alles Sinn. Das ist hier nun genau so, nur dass es auch noch Spaß macht, sehr sogar, und dass es einen mitunter trifft, ziemlich hart. Urlaub ist gefährlich.
Dieser Film, das ist "Alle Anderen", das zweite Werk der 32-jährigen Regisseurin Maren Ade aus Berlin. Er erzählt von Gitti und Chris, einem Paar um die 30, es kommt aus der großen Stadt. Chris ist ein zu Hoffnungen Anlass gebender Architekt, Gitti Presselady bei einer Plattenfirma, aber jetzt sind sie auf Sardinien, in der mit Glasvogel-Sammlung, 70er-Jahre-Möbeln und Grönemeyer-CDs angefüllten Ferienwohnung seiner Eltern. In dieser stockmuffigen Atmosphäre aus feuchten Badehosen, dicken Teppichen und brockig gewordener Sonnencreme reden die beiden miteinander, wie sie das sonst nicht tun, weil die Zeit fehlt. "Findest Du mich eigentlich männlich?", fragt er. "Was?", sagt sie und lacht. "Nee, sag mal ehrlich", insistiert er. Und sie: "Was ist denn das jetzt für eine Frage?"
Dabei sind die beiden so flirtig und leichtsinnig und kindlich wie man nach einem heiteren Tag in der Sonne eben ist. Gitti gibt die drängende, lustige Lebenssäuferin; Chris den bedenkentragenden, weißnichtgenauen Taschenbuch-Leser. Als die beiden dem befreundeten Architekten Hans begegnen, einem Erwachsenen, der Erfolg hat, eine schwangere Frau und Spaß an krachenden Zoten, zerbricht das Gefüge unter dem Druck der tiefen Psychologie, die Beziehung droht im Subtext zu versinken. Gitti wird zur Kabarettistin, die das arrivierte Paar mit spitzen Bemerkungen vorführen möchte. Chris dagegen will bestehen, weil er sich genau dorthin sehnt, wo dieser Hans, den er eigentlich gar nicht mag, längst ist. "Guck doch mal, wie andere sich benehmen", sagt Chris zu Gitti, worauf der titelgebende Satz fällt: "Ich will aber nicht sein wie alle anderen."
Selten gab es präzisere, der Zeit gemäßere Dialoge in einem deutschen Drehbuch. "Ein Paar redet, das war meine Idee", sagt Ade. "Es sollte im Urlaub sein, weil dort Konflikte aufbrechen und alles möglich ist. Dann habe ich Dialoge geschrieben, einfach zur Figuren-Findung. Ich habe überlegt: Was könnte aus dieser Frau herauskommen?" Beraten lassen hat sie sich dabei von Valeska Griesebach ("Sehnsucht") und Ulrich Köhler ("Montag kommen die Fenster"), Regisseurskollegen der so genannten Berliner Schule. Das Kino dieser lockeren Gemeinschaft, zu der auch Christian Petzold ("Yella") und Angela Schanelec ("Marseille") gehören, stellt alltägliche Beobachtungen und schwebende Geschichten in den Mittelpunkt, legt Wert auf die Anordnung der Figuren im Raum, die Montage, kurz: das Kinematografische. Von "nouvelle vague allemande" sprechen einige. Man könnte es aber auch Kino der größeren Wahrhaftigkeit nennen.
Ade hat das Glück, das sie zwei Schauspieler dirigieren durfte, die perfekt in ihre Rollen passen. Birgit Minichmayr und Lars Eidinger, beide mehr auf der Bühne zuhause als auf der Leinwand, haben sich vier Mal je eine Woche mit ihr getroffen. Sie drehten am Tag, schauten abends Bergmanns "Szenen einer Ehe", Godards "Verachtung" und Antonionis "La Notte". Wie die Vorgänger filmt Ade die Liebe bei ihrem Kampf mit der Zeit, mit dem Vergehen. Im Gegensatz zu den genannten Filmen fehlt es bei "Alle Anderen" jedoch an Pathos und Theatralik, da ist scheinbar nichts inszeniert, die Dialoge wirken unmittelbar, beinahe wie abgefilmt. "Ich weiß, dass du mich liebst!", schreit er. "Tut mir leid, dass du das denkst", sagt sie. Es könnte echt sein.
Bereits in ihrem ersten, als Abschlussarbeit für die Hochschule für Fernsehen und Film in München noch digital gedrehten Kinofilm "Der Wald vor lauter Bäumen" bot Maren Ade diese psychologische Dichte. Die Hauptfigur, die schwäbische Jung-Lehrerin Melanie Pröschle, beginnt das Berufsleben derart arglos, dass es dem Publikum die Schamesröte ins Gesicht treibt. "Frischen Wind" wolle sie ins Kollegium bringen, sagt sie, als sie sich vorstellt. Sie versteht nicht, warum sich darüber niemand freut. Und als ihr die genervte Nachbarin, in der sie in der neuen Stadt so gern eine Freundin hätte, die Tür vor der Nase zuschlägt, klingelt sie und fordert die geliehenen Küchengeräte zurück. Ihr wird ein Kuchenblech gereicht; das Angebot, noch einmal miteinander zu reden, lehnt die Nachbarin ab, die Tür knallt. Aber Melanie klingelt abermals. "Hast du immer noch nicht verstanden?", fragt die Nachbarin, und Melanie sagt: "Doch. Aber die Salatschüssel fehlt noch."
Wer nun die Authentizität dieses Kinos als Realismus begreift, der irrt. Melanie Pröschle sitzt schließlich lächelnd auf der Rückbank ihres Golfs, das führerlose Auto fährt sie in die sonnenhelle Freiheit. Maren Ade gönnt sich und ihren Figuren stets einen Rest an Wunderbarkeit.
Am Ende von "Alle Anderen" schreit Gitti: "Ich liebe dich nicht mehr, ich fliege nach Hause." Chris sagt: "Das glaube ich dir nicht." Dann ringen sie miteinander, kämpfen. Und lachen.
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