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Film-Kritik: Wenn Träume fliegen lernen: Peter Pan neu erzählt

zuletzt aktualisiert: 07.02.2005 - 14:54

Der verwegene Piraten-Look scheint Johnny Depp zu gefallen. Mit Augenklappe und buntem Kopftuch ist er ab 10. Februar in "Wenn Träume fliegen werden" auf der Leinwand zu sehen. Allerdings ist das Meer in seinem neuen Film ein grüner Londoner Park.

Dabei ließ sich Depp bei seiner Rolle des schrägen Freibeuters in "Fluch der Karibik" vom fantasievollen Elan von "Finding Neverland" (Originaltitel von "Wenn Träume fliegen werden"), inspirieren: Der Film wurde nämlich vorher abgedreht, kommt aber erst jetzt ins Kino. Besser spät als nie, denn als Schriftsteller James M. Barrie, der sich mit Piraten -, Indianer- und Cowboy-Spielen aus der Realität fort träumt, hat Johnny Depp erneut einen einmaligen Charakter entworfen.

Der Film verdichtet auf zauberhafte und sinnvolle Weise jene Schlüsselerlebnisse, die den Londoner Bühnenautor zu seinem unsterblich gewordenen Stück "Peter Pan" inspirierten. Barrie, zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein erfolgloser Bühnenautor, lernt bei seinem täglichen Spaziergang im Park die freigeistige Witwe Sylvia und ihre vier Söhne kennen, mit denen er sofort begeistert umhertobt. Trotz der Eifersucht seiner Ehefrau Mary und der Verbote von Sylvias gestrenger Mutter Emma wird er zum Hausfreund, großen Bruder und später zum Beschützer der Rasselbande.

Kate Winslet spielt in dem Streifen an der Seite von Johnny Depp. Foto: Buena Vista

In der heutigen, für Kindesmissbrauch sensibilisierten Zeit wäre diese Beziehung wohl noch viel anrüchiger als damals im spätviktorianischen London. Hat sich nicht auch der Pädophilie-verdächtige Michael Jackson von "Peter Pan" inspirieren lassen und seine Ranch "Neverland" getauft? Doch der historische James M. Barrie, so intime Zeitzeugen, war nicht nur über diesen Verdacht erhaben. Zwar schien er sich in Sylvia - laut den Worten des echten Barrie "die schönste Kreatur ", die er je erblickt hatte - verliebt zu haben. Doch eigentlich hatte seine Frau, die Frust im Ehebett gewohnt war, keinen Grund zur Besorgnis, obwohl Kate Winslet so attraktiv und (trügerisch) vital wie nie aussieht.

Johnny Depp spielt Barrie als einen seltsamen, aber sympathischen und letztlich ergreifenden "Heiligen", der in den Spielen der Kinder endlich einen Schlüssel zur kreativen Verarbeitung seines eigenen Kindheitstraumas findet. Ein Getriebener, der seine Musen ebenso sehr braucht wie sie ihn: Die Filmversion erfindet ein geistiges Tauziehen zwischen Barrie und dem kleinen Peter, der durch den Tod seines Vaters zu schnell erwachsen wurde. Barrie, der nicht erwachsen werden kann, will ihn unbedingt in die tröstliche Märchen-Fluchtburg locken. Und als Sylvia zu husten anfängt, wird seine Mission noch dringlicher.

Liebeserklärung an die Bühne des Lebens

Mit schlafwandlerischer Sicherheit traf Barrie mit seinem Plädoyer für die Kraftquelle kindlicher Fantasie einst den Nerv der Zeit. Ein Jahrhundert später gelingt es dieser starbesetzten Verfilmung erneut, die Magie von Barries Vision selbst ins müde Herz einer Special-Effects-gesättigten Zuschauerschaft zu transportieren. Regisseur Marc Forster, der bereits mit "Monster's Ball" Meriten gewann, drückt erneut exakt auf die richtigen Knöpfe, um auch den abgebrühtesten Zuschauer zum Griff nach dem Taschentuch zu bewegen.

Über große Kinderaugen hinaus aber handelt es sich hier wie etwa in "Shakespeare in Love" in bester angelsächsischer Tradition um eine Liebeserklärung an das Theater als Spiegel und Bühne des Lebens, bei dem selbst durch märchenhafte Verfremdung hindurch Allzumenschliches enthüllt wird.

Herrlich ironisch fällt nebenbei die poetische Rückkoppelung zwischen Realität und Fiktion ins Auge, wenn Barrie die putzwütig-grimmige Mutter mit einem Kleiderhaken in der Hand erwischt - und sofort die Idee zum bösen Käpt'n Hook und seiner Hakenhand hat.

Dass dieses siebenfach Oscar-nominierte Melodram sein Publikum durch seine gefühlige Lesart von Barries Leben und durch seine putzige Ausstattung einfangen will, kann man ihm nicht übelnehmen. Zumal zum Abschluss Peter Pan ganz ohne nostalgischen Bühnenzauber als Botschafter zwischen Leben und paradiesischem "Neverland"-Jenseits tragisch-symbolische Größe gewinnt. Seine bange Beschwörung "Glaubst du an Märchen?" wird zur Schicksalsfrage, in der Kitsch und Wahrheit so zielgenau zusammenknallen, dass im Saal garantiert das große Schneuzen ausbrechen wird.

Quelle: ap

 
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