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"Willkommen bei den Hartmanns"
Über die Flüchtlingskrise lachen

Willkommen bei den Hartmanns: Komödie von Simon Verhoeven
FOTO: dpa, udu gfh
Düsseldorf. Es ist ein Thema, das das Land wie kaum ein anderes polarisiert hat: Mit "Willkommen bei den Hartmanns" kommt nun eine Komödie über die deutsche Willkommenskultur ins Kino. Von Martin Schwickert

"Nein, Deutschlehrer haben wir mehr als genug. Die ganzen Rentner rennen uns hier die Bude ein", sagt der Leiter des Flüchtlingsheimes in freundlichem, aber bestimmten Ton. So hatte sich das Angelika Hartmann (Senta Berger) nicht vorgestellt.

Die ehemalige Schuldirektorin wollte helfen und Gutes tun, wo sie am Morgen eine arme Maus schon nicht vor dem tödlichen Zugriff der Katze retten konnte. Sie müsse endlich einsehen, dass sie nicht die ganze Welt retten könne, hatte ihr Mann Richard (Heiner Lauterbach) vom Balkon der Münchner Stadtrandvilla herunter gespöttelt.

Aber ganz so selbstlos ist Angelikas Helferwunsch nun auch nicht. Seit ihrer Pensionierung macht sich eine große Leere in ihrem Leben breit, die sie zunehmend mit gutem Rotwein zu füllen versucht. Die Kinder sind ja längst aus dem viel zu großen Haus. Sohn Philip (Florian David Fitz) ist ein Workaholic mit Aussicht auf einen Posten in Schanghai, einer gescheiterten Ehe und einem Sohn, für den er keine Zeit hat.

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"Wir sind hier nicht im Tierheim"

Tochter Sophie (Palina Rojinski) hingegen befindet sich nach mehrfachen Studienabbrüchen mit 31 immer noch auf der Suche nach dem richtigen Lebensweg. Und der Ehegatte scheint bis zum Umfallen an seinem Chefarztposten festhalten zu wollen, lässt sich beim Schönheitschirurgen die Augenfalten wegspritzen und hat neuerdings sogar einen Facebook-Account.

Als Angelika beim Familienessen verkündet, dass sie einen Flüchtling aufnehmen will, legt Richard mit großer patriarchaler Geste sein Veto ein. Wenig später findet er sich an der Seite Angelikas im Flüchtlingsheim wieder. "Wie läuft das hier? Suchen wir uns einfach einen aus?", fragt er. "Wir sind hier nicht im Tierheim", antwortet der Heimleiter. Die Wahl fällt schließlich auf den jungen Nigerianer Diallo (Eric Kabongo), der mit neugierigem Blick und Verwunderung die dysfunktionalen Familienverhältnisse der Hartmanns erkundet.

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Kaum mehr als ein Jahr nach Merkels "Wir schaffen das" macht Simon Verhoevens "Willkommen bei den Hartmanns" den Umgang der Deutschen mit der Flüchtlingskrise zum Gegenstand einer Komödie. Es ist ein Thema, das das Land wie kaum eine anderes polarisiert hat: Willkommenskultur und eine tragfähige Struktur freiwilliger Helfer auf der einen, "Pegida", AfD und rassistische Übergriffe auf der anderen Seite. Angesichts der Situation im Lande ist vielen Menschen das Lachen vergangen – vielleicht ist gerade das der beste Grund für eine komödiantische Herangehensweise.

Keine Standards politisch korrekter Reinheitsgebote

Verhoeven nähert sich dem Thema mit einer scheinbar sorglosen Attitüde, die ihm sicherlich viele zum Vorwurf machen werden. Sein Film nimmt die Wohlstandsperspektive der oberen Münchner Mittelklasse ein, die keine anderen Sorgen hat außer sich selbst. Zum gutbürgerlichen Familienchaos bietet der Nigerianer Diallo, der vor dem islamistischen Terror der Boko Haram nach Deutschland geflüchtet ist, einen starken Kontrast.

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Verhoeven inszeniert den Zusammenprall der Kulturen jedoch in einem abgesicherten Modus. Die Figur des Flüchtlings wird zum Katalysator im zerrütteten Familiengefüge, erdet das hyperventilierende Geschehen, stellt zur richtigen Zeit einfache Fragen und verschiebt angesichts des sehr viel realeren und tragischeren Schicksals die selbstbespiegelnde Problemperspektive der Hartmanns.

Dieses Verfahren entspricht sicherlich nicht den Standards politisch korrekter Reinheitsgebote. Obwohl "Willkommen bei den Hartmanns" in seiner Machart auf ein breites Publikum ausgelegt ist, will, kann und wird diese Komödie es nicht allen recht machen. Regisseur Verhoeven stürzt sich mitten hinein in den widersprüchlichen, emotionalen Zustand des Landes und zeigt die durchaus bizarren Effekte, die beim Aufeinanderprallen bundesdeutscher Luxusprobleme und Flüchtlingsschicksale freigesetzt werden.

Traumatische Fluchterlebnisse

Er tut dies ohne moralische Wertungen und politische Posen, sondern mit einer offensiven Leichtigkeit, die dem realen, gesellschaftlichen Diskurs längst abhandengekommen ist. Dennoch findet sein Film im humoristischen Getümmel Zeit, Raum und eine prägnante Form für die Darstellung der traumatischen Fluchterlebnisse, die über eine bloße Alibifunktion hinaus geht.

Auf komödiantischer Ebene spielt "Willkommen bei den Hartmanns" mit schnellen Pointen immer wieder auf die realpolitischen Verhältnisse an und spürt die Dissonanzen zwischen Mitgefühl und kultureller Ignoranz in der Willkommenskultur auf. Das alles hätte sicherlich sehr viel schärfer und satirischer formuliert werden können, aber innerhalb des Mainstream-Formates lehnt sich der Film punktuell auch immer wieder frech aus dem Fenster, ohne seine versöhnliche Grundhaltung aufzugeben.

Es wird sicherlich und hoffentlich noch andere, bissigere Komödien zu diesem Thema geben. Aber mit "Willkommen bei den Hartmanns" ist schon einmal ein guter Anfang gemacht.

Eine Video-Kritik zum Film sehen Sie hier. 

Willkommen bei den Hartmanns, Deutschland 2016 – Regie: Simon Verhoeven, mit Senta Berger, Elyas M'Barek, Heiner Lauterbach. 114 Minuten

 
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