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Kino-Kritik: Woody Allen fast tragisch

VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 05.06.2008 - 09:35

Düsseldorf (RP). Wer jedes Jahr einen Spielfilm dreht und dieses Tempo seit vierzig Jahren durchhält, fordert Kritik heraus. „Der neue Woody Allen“ sei nicht so gut wie der vom letzten oder der vom vorletzten Jahr, hat sich als gängige Mäkelei eingebürgert. Und überhaupt sei ihm seit dem letzten Jahrzehnt nichts wirklich Gutes mehr gelungen. Woody Allen macht sich selbst Konkurrenz.

Colin Farrel und Ewan McGregor in "Cassandras Traum".  Foto: Constantin
Colin Farrel und Ewan McGregor in "Cassandras Traum". Foto: Constantin

Und nun „Cassandras Traum“. Er ist zwar kein erstklassiger, aber eben doch ein echter Woody Allen, und das will sagen: Er überragt das Niveau gängiger Kino-Dramen. Erzählt wird die Geschichte von zwei Brüdern in London, die ein reicher Onkel aus Amerika von allen ihren Geldnöten zu erlösen verspricht, wenn sie für ihn einen Mord begehen. Der Onkel ist über China angereist, und das muss genügen als Hinweis auf krumme Geschäfte, deren Enthüllung ihm ein Partner androht.

Tom Wilkinson spielt diesen reichen Onkel so zerstreut, als wäre er nie ganz bei der Sache. Doch gerade dadurch wirkt er so tückisch überzeugend beim Überreden der beiden Brüder: Terrys (Colin Farrell), des Spielers, der sich verschuldet hat, und Ians (Ewan McGregor), der vor einer kostspieligen Geliebten als großer Geschäftsmann auftrumpfen will.

Der 72-jährige Woody Allen gehört inzwischen zu jener Riege großer amerikanischer Regisseure, die auf ihre alten Tage, wenn sie in ihrer Heimat als zu großes kommerzielles Risiko abgetan werden, eher in Europa Geld für ihre Arbeit finden. Wie einst Erich von Stroheim, Sam Fuller oder Robert Altman. „Cassandras Traum“ ist nach „Match Point“ und „Scoop“ der dritte Film, den Woody Allen in London gedreht hat.

Diesmal ist die Femme fatale des Dramas keine sich üppig räkelnde Scarlett Johansson, sondern eine Frau, die sich mit der Rolle eines aparten Eisschranks begnügen muss. Und statt Bilderbuch-Luxus der englischen Upper Class gibt es nur kläglich scheiternde Bemühungen, proletarisches Londoner Milieu zu schildern.

In pathetischen Dialogen zerreden die beiden Brüder ihre Skrupel vor und nach dem ersten Mord, bis die Story beim Anlauf zu einer zweiten Untat erneut Fahrt gewinnt. Trotz vieler gelungener Szenen verspielt der Film den schon im Titel (mit dem Hinweis auf die antike Unglücks-Prophetin Kassandra) erhobenen Anspruch, sich zur großen Tragödie zu steigern.


 
 
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