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Kino-Kritik: Yella: Nina Hoss ist traumhaft gut

VON ULRICH KRIEST - zuletzt aktualisiert: 13.09.2007

In seinem meisterlichen Film „Yella“ schenkt Christian Petzold seiner Hauptfigur die Geschichte eines Lebens, das sie gern gelebt hätte. So beweist er auch im letzten Teil seiner Gespenster-Trilogie, wie man Filme in der Schwebe hält.

"Gehst du den Parkschein holen?" Nina Hoss in dem Film "Yella".  Foto: Piffl
"Gehst du den Parkschein holen?" Nina Hoss in dem Film "Yella". Foto: Piffl

Wie erzählt man mit Bildern und Tönen von der Gegenwart? Wie viele Bilder und Töne benötigt man und wie montiert man sie, um die Abstraktheit und Kälte der Beziehungen im neoliberalen Kapitalismus zu einem schlüssigen Film zu verdichten? Vergessen Sie bitte zunächst einmal die aktuell grassierende Mode der „warmherzigen Sozialkomödie“ über die kleinen, aufrechten Leute, wie wir sie von Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“) oder jüngst Bernd Böhlich („Du bist nicht allein“) vorgesetzt bekommen! Wo sich der Zuschauer wider alle Vernunft und Lebenserfahrung gefühlig einlullen lässt, weil die Protagonisten ihr Herz am rechten Fleck haben und sich so bewehrt durch die Unbill des Lebens menscheln, dass sich die Balken biegen.

Nein, Christian Petzolds Filme haben ganz andere Qualitäten. Obwohl sie oberflächlich spröde und bis hin zur Ellipse verdichtet wirken, entfalten sie beim genaueren Hinsehen einen ungeheuren Reichtum, weil sie von einer soziologischen wie auch ästhetischen Neugier durchdrungen sind, die sie aus der aktuellen deutschen Filmszene herausragen lässt. Petzold ist kein Manierist wie Tom Tykwer, kein Genre-Spezialist wie Dominik Graf und auch kein Melodramatiker wie Fatih Akin, sondern ihm geht es immer um das Registrieren und Verstehen von Haltungen im sozialen Raum. Die Präzision seiner Filme verdankt sich einem genuin politischen Interesse daran, wie unsere Gesellschaft funktioniert, wie sie sich in die Körper der Menschen einschreibt, sie diszipliniert und zurichtet fürs Funktionieren.

Dass sie dabei keine papiernen Thesenfilme sind, sondern prachtvoll gesättigte, sinnliche Erzählungen, die den Zuschauer auf verschiedenen Ebenen zum Mitdenken einladen, ist Resultat des Talents, Schwieriges in ganz Einfaches zu überführen und sich dabei aus dem Fundus der Filmgeschichte zu bedienen, Kamera, Farbdramaturgie und Musik stimmig einzusetzen.

In „Yella“, Petzolds achtem Spielfilm, ist all dies in geradezu meisterhaft gestalteter Form zu beobachten. Der Film erzählt zunächst die Geschichte einer verstörenden Fluchtutopie in eine Sphäre, in der alles ohne Geschichte und alles (buchstäblich!) im Fluss ist. Es ist eine klassische Auswanderergeschichte, der Traum vom radikalen Neuanfang, von der Bindungslosigkeit als Chance.

Früher wäre Yella (Nina Hoss) nach dem Ende ihrer Beziehung zum wirtschaftlich gescheiterten, vielleicht sogar gewalttätigen Kleinunternehmer Ben (Hinnerk Schönemann) in die USA gegangen. Heutzutage flieht sie aus dem trostlosen brandenburgischen Wittenberge in den Westen, in die surreale Landschaft des menschenleeren Hannoveraner EXPO-Geländes, wo Manager insolventer Firmen Hausverbot haben, wo mit allen Wassern gewaschene Händler des Risikokapitals in Luxuslimousinen von Termin zu Termin hetzen und nachts in menschenleere Funktionsmotels einchecken. Forever online. Professionelle Unbehaustheit.

Philipp (Devid Striesow) ist so ein Handlungsreisender in Sachen Private Equity, der Anschubkapital gegen Firmenanteile dealt. Yella wird seine Gefährtin, lernt schnell, sich in der Welt ritualisierter Übernahmeverhandlungen zu bewegen. „Yella“ bestätigt die alte These, dass Anschauung ohne Begriff leer ist, insofern der Film nicht nur eine Verfilmung von Motiven von Marc Auges Essay „Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit“, sondern auch ein Remake von Herk Harveys Horror-Klassiker „Carnival of Souls“ (1962) ist. Wie geht das zusammen?

Zwischen Yellas alter Welt und ihrem neuen Leben liegt eine Brück. Die passiert nur Yellas Traum vom besseren Leben, ohne die Emotionen, die Triebe, den Körper. Man sagt, im Augenblick des Todes zögen Bilder des Lebens als Film durchs Bewusstsein, „Yella“ zeigt Bilder eines möglichen Lebens – auf der Grundlage gemachter Erfahrungen. Heraus kommt ein Film, der auf der Logik des Traums beruht. Traumatische Erinnerungen werden unter neuen Bedingungen durchgespielt – ein lyrischer Tanz der Gespenster im Transit!

Quelle: RP

 
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