"Brüno" kommt in die Kinos: Komik zweiter Klasse
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 09.07.2009 - 18:00(RP). Auf "Borat" folgt "Brüno": Der britische Satiriker Sacha Baron Cohen hat mit dem schwulen österreichischen Modejournalisten eine weitere Kunstfigur erschaffen. Auch der neue Film soll Tabus brechen und mit derber Komik unterhalten. Es gelingt ihm jedoch nur bedingt.
Man kommt mit einem eigenartigen Gefühl aus dem Kino. Nicht so wie beim Vorgänger-Werk "Borat" allerdings, anders eigenartig, vielleicht sogar: schal. Es fehlt die Heiterkeit, die aus dem Verführt- und Überrumpeltwerden resultiert. Das hier ist nun leider keine Verführung mehr, dafür ist es zu wütend, zu schwer und ehrlich gesagt auch fragwürdig in der Machart. "Brüno" ist nicht komisch. Sondern schmerzhaft.
Homosexueller Modejournalist aus Österreich
Brüno, so heißt der homosexuelle Modejournalist aus Österreich, den sich der 38-jährige englische Satiriker Sacha Baron Cohen als drittes Alter Ego ausgesucht hat. Cohen hatte gerade in Cambridge in Geschichte promoviert, als er im englischen Fernsehen den Rapper Ali G. spielte, der mit großer Naivität Politiker, Drogenbeauftragte und Jugendliche aus den verschiedenen Milieus befragte.
Die Angesprochenen antworteten mit entwaffnender Ehrlichkeit und halfen, den Wahnsinnspegel des Alltags zu messen. Man wusste nie genau, worüber sich Cohen eigentlich lustig machte, aber eben das machte den Reiz aus: Die Scherze gingen auf Kosten aller, und so mischte sich ins Gelächter stets ein bisschen Selbstironie.
Stilprinzip "Dokumödie"
Mit "Borat" perfektionierte Cohen sein Stilprinzip der "Dokumödie". In der Maske eines kasachischen Hinterwäldlers, der in die USA reist und die westliche Zivilisation erkundet, gelangen ihm Szenen, die so aberwitzig waren, dass man sie nicht vergessen wird. Die geniale Kunstfigur Borat kitzelte aus Würdenträgern und Funktionären ein Maximum an Wahrhaftigkeit heraus, auf seine Exotik reagierten sie mit Freimütigkeit und entlarvten ihren Rassismus, Sexismus, ihre Bigotterie. Fiktion und Realität wurden mit Erkenntnisgewinn gegeneinander ausgespielt.
"Borat" brachte 260 Millionen Dollar
Was "Borat", der 260 Millionen Dollar eingebracht hat, unwiderstehlich machte, ist die Tarnung. Die Pionier-Tat in Sachen Guerilla-Komödie kam als Schelmenroman daher, einer zieht aus in die Welt und besteht trotz Arglosigkeit oder gerade deswegen. Man öffnete diesem Kretin sein Herz wider besseres Wissen: Er war frauenfeindlich, politisch nicht korrekt und ein bisschen doof, und doch konnte man nicht anders. Zuschauer und Kunstfigur verbündeten sich und hüpften gemeinsam über die Grenzen des guten Geschmacks.
Hier liegt denn auch das Problem von "Brüno". Es gibt darin keine Erzählung und keine Selbstironie. Einzelne Gags sind perfekt gemacht, aber sie ergeben in loser Reihung keinen guten Film. Zwar entwirft Cohen seinem Brüno eine Biografie. Er verliert seine Stil-Sendung "Funkyzeit" und seinen Liebhaber, nachdem er bei einer Modenschau in einem Anzug aus Klettverschlüssen auf den Laufsteg geraten ist und sämtliche Kleider an ihm kleben blieben.
"Berühmtester Österreicher seit Hitler"
Also flüchtet er nach Los Angeles, um dort irgendwie zum Star zu werden, "zum berühmtesten Österreicher seit Hitler", und es allen zu zeigen. Begleitet wird er vom Gehilfen Lutz, den er nicht ernst nimmt und der doch sein einziger Freund ist. Aber Brüno hat als Figur wenig Reiz, eigentlich ist er nicht mal besonders, in einer amerikanischen Metropole zumal. Auch die mühsam choreografierte Liebesgeschichte zwischen Titelfigur und Lutz hilft da nicht. Sacha Baron Cohen wird das gemerkt haben, deshalb gestaltet er "Brüno" nach dem pornografischen Prinzip: Drastik, Übertretung, reine Wirkung, Schmerz.
Wo sich ihm die Prominenten aus dem Showgeschäft, die PR-Berater und Militärs nicht öffnen mögen, reichert er Interviews mit Spielszenen an. Da wird die spiritistische Begegnung mit einem Tänzer des Pop-Duos Milli Vanilli, die natürlich keine Unterleibsregion auslässt, bis zum Exzess ausgewalzt. Oder die Nacht mit den Cowboys, die Brüno immer verzweifelter zu schockieren versucht und es doch nicht hinbekommt. Es gibt lustige Stellen, etwa wenn die Sängerin Paula Abdul für ein Interview auf einem menschlichen Stuhl Platz nimmt und ganz ernst über ihr humanitäres Engagement zu erzählen beginnt. Allzu oft ist der Film aber langweilig und manchmal nervig.
Keine glaubwürdige Authentizität
Hinzu kommt, dass man Cohen die vorgebliche Authentizität nicht mehr abnimmt. Einige Interviews wirken inszeniert, von Schauspielern gesprochen. Das Gespräch mit dem Pfarrer etwa, der Brüno zur Heterosexualität bekehren soll. Oder die Szenen in der Militärakademie, in der Brüno mit flamboyant abgewandelter Uniform zum Dienst antritt. Der Macher äußert sich nicht zum Realitätsgehalt seines Werks.
Nachdem er während seiner gewaltigen PR-Kampagne für "Brüno" allerdings als Engel mit barem Gesäß auf dem Gesicht des sich als homophob stilisierenden Rappers Eminnem gelandet ist, erfuhr man, dass der Musiker eingeweiht war und auf Bestellung wegrannte. Wer dem Welt-Ungeist eine Falle stellt, fällt selber rein.
"Borat" musste man gesehen haben, weil der Film mit feinsinnig arrangierten Derbheiten die Grenzen der Komödie überschritt und somit ein Genre neu definierte. "Brüno" ist davon weit entfernt.
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