"Deutschland 09": Laue Filme zur Lage der Nation
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 25.03.2009 - 20:25Düsseldorf (RP). "Deutschland 09" heißt das Gemeinschaftswerk von 13 Filmemachern. Ihre Beiträge verstehen Tom Tykwer, Fatih Akin und Dominik Graf als Kommentare zur Republik der Gegenwart. Doch der Titel täuscht: Der Film ist weder Bekenntnis noch Manifest. Er hat keine Wucht.
Wer nicht wütend genug ist, der hätte hier nicht mitmachen dürfen. Und auch wer derart zornig ist, dass er seine Gefühle nicht ins Bild bringen kann, hätte seine Teilnahme am Projekt absagen müssen. Ebenso hätte nein sagen müssen, wer zwar irgendwas fühlt, aber nur ungefähr erklären kann, was genau. Es geht bei dem Episodenfilm "Deutschland 09. Dreizehn kurze Filme zur Lage der Nation" nämlich nicht bloß ums Dabeisein, auch nicht nur um Tradition, sondern um so viel mehr: Das ist eine Botschaft an Zeitgenossen und Nachgeborene.
Dieser Film, wenn man ihn denn ernst nimmt, soll das Leben und Denken von uns hier und heute abbilden und für alle, die ihn ansehen – auch 30 Jahre später noch – darlegen, was den Menschen im Jahre 2009 nicht gefällt oder sehr gefällt oder veränderungswürdig erscheint. Aber das tut er nicht. Und das ist bitterschade.
Die talentiertesten Regisseure deutscher Sprache haben sich für "Deutschland 09" zusammengetan, darunter Wolfgang Becker, Fatih Akin, Hans Weingartner, Dani Levy, Dominik Graf. Der älteste ist 56, der jüngste 35 Jahre alt. Jeder war frei in der Gestaltung seines Beitrages. Einzige Maßgabe: Er darf nicht länger als zwölf Minuten sein. Die Initiatoren um Tom Tykwer wollten "individuelle Blicke auf das, was wir als Heimat erleben".
Da war Großes möglich: Bekenntnis und Manifest und Abenteuerspielplatz und Leitartikel. Der Fernsehsender Arte gab Geld, der Kulturstaatsminister und der Deutsche Filmförder-Fonds. Die Unterstützer erhofften sich Historisches, vielleicht eine Art Gruppe 47 des jungen deutschen Kinos. Denn ausdrückliches Vorbild der Filmemacher ist der Omnibus-Film "Deutschland im Herbst" von 1978.
"Deutschland im Herbst" ist anders
Damals mussten Volker Schlöndorff, Rainer-Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Edgar Reitz und andere filmen, weil sie verstört waren von Terror und Reaktion. In Dokumenten und Spielszenen kommentierten sie die Zeit, die man Deutschen Herbst nennt. Man sieht die Schleyer-Beerdigung, die Grablegung der RAF-Terroristen und in der eindrucksvollsten Episode Fassbinder in brutaler Diskussion mit seiner Mutter. "Deutschland im Herbst" ist ungerecht, knüppelhart und politisch. Ein Kunstwerk, das stört und wehtut.
"Deutschland 09" ist dagegen eher Fleißarbeit und weniger Ergebnis leidenschaftlichen Engagements. In 150 Minuten sieht man viel Belangloses und Peinliches. Nicolette Krebitz etwa lässt ein Berliner Mädchen in einer konspirativen Wohnung Ulrike Meinhof und Susan Sontag zusammenbringen und Reden halten und tanzen und rauchen. Das hört sich beim Lesen nach Kopfgeburt an, und das Zuschauen ist entsprechend schrecklich.
Auch Fatih Akin enttäuscht. Er lässt den jungen Schauspieler Denis Moschito ein Interview nachsprechen, das der deutsch-türkische Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz gegeben hat. Frank-Walter Steinmeier kommt darin nicht gut weg.
Dani Levy setzt ein Angela-Merkel-Double auf die Psychiater-Couch. Und Tom Tykwer filmt die Globalisierung, wie man sie schon tausend Mal gesehen hat: überall Starbucks.
Das fasst einen nicht an, und man denkt zu keiner Zeit: "Stimmt!" oder "Verdammt!" oder "Wir müssen was tun!" oder wenigstens "Uns geht es wirklich gut!". Man seufzt nur: "Ach ja" und "Tztztz" und "Je nun".
Dabei gibt es durchaus gute Ansätze, vor allem dort, wo dokumentiert wird. Isabelle Stever filmt Schüler bei einer Gesprächsrunde, in der geklärt werden soll, ob Marco weiterhin "Loser" genannt werden darf oder nicht. Ein Basiskurs in Demokratie. Dominik Graf besucht zum Abriss freigegebene Häuser. Ein deutsches Requiem auf Super 8. Und Hans Steinbichler lässt in seinem Spielfilm einen am Obersalzberg lebenden Unternehmer Amok laufen, weil seine Lieblingszeitung neuerdings die Frakturschrift abgeschafft hat und Bilder auf Seite eins druckt – "und dann noch von einem weinsaufenden Kommunisten". Ein Ausflug ins schwarzgallige Gaga-Land.
Aber eine Handvoll Sehenswertes genügt nicht, um dem Anspruch, den das Gemeinschaftswerk im Titel führt, gerecht zu werden. Man gewinnt den Eindruck, dass nur wenige Regisseure aus echtem Bedürfnis teilgenommen haben, dass keiner von seinem rasch schlagenden Herzen gedrängt worden ist. Es gibt so viele gesellschaftliche Konflikte, die des realen Sinns, der Vernünftigkeit und Auflehnung bedürfen. Die Zukunftslosigkeit bestimmter Milieus, die Gleichberechtigung, die Krise.
Höchstens ein Schmollen
Doch hinter diesen Filmen ist nirgendwo Zorn zu spüren, man kann höchstens von einem Schmollen reden. Und wer sagt, dass nicht nur Wut ein Grund zum Filmen ist, der hat natürlich recht. Aber da ist ja noch nicht mal Hunger oder Neugier oder Wollust. Der Film nimmt nicht Fahrt auf, er hat keine Wucht.
Lage der Nation? Nein. Niemand möge diesen Filmtitel wörtlich nehmen und als Generationen-Portrait missverstehen oder als Zustandsbeschreibung oder zeitgeistiges Bulletin. Er ist ein impressionistisches Nebenwerk von sehr begabten Regisseuren. 13 kurze Filme aus Deutschland. Mehr nicht.
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