"Edge of Love" mit Keira Knightley: Liebesdrama vor Kriegskulisse
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 23.07.2009 - 11:51(RP). John Maybury erzählt in "Edge of Love" aus dem Leben des walisischen Dichters Dylan Thomas. Doch eigentlich stehen zwei Frauen – Keira Knightley und Sienna Miller – im Zentrum dieses Zweiter-Weltkrieg-Liebesdramas, das an zu viel Stilwillen des Regisseurs scheitert.
Die Lippen der Frau glänzen rot, als seien sie lackiert. Ihr Haar hat sie in steife Wellen gelegt, eine Blumengirlande um den Hals gehängt, ihr Kleid ist schulterfrei. Und nun singt diese Südsee-Schönheit in einem der U-Bahn-Schächte Londons vom blauen Mond auf Tahiti, während oben die Bomben fallen. Amüsement während des Zweiten Weltkriegs. Greller könnte der Kontrast kaum sein.
Mit surreal stilisierten Bildern beginnt John Maybury seinen Film über das Leben des walisischen Dichters Dylan Thomas. Die Kamera versenkt sich in das von Computern perfektionierte Gesicht von Keira Knightley. Die spielt Vera, die verführerische Sängerin, die kurz nach ihrem Auftritt in der U-Bahn ihren Jugendfreund wiedertreffen wird – Dylan, den Trinker, Pazifisten und genialischen Dichter rauer Liebesverse. Die beiden sind sich gleich wieder nah wie in Jugendtagen, doch gibt es inzwischen eine Dritte im Bunde, Dylans Ehefrau Caitlin. So beginnt eine Dreiecksgeschichte, die so gar nicht in die Zeit passt. Denn der Dichter und seine Frauen ziehen nachts ungerührt durch schummrige Kneipen, während Bomben auf London niedergehen, Menschen sterben, Häuser in Trümmer fallen. Für die Drei bleibt das verdrängte Kulisse.
Bis Vera sich in den Soldaten William verliebt und der an die Front muss. Da versucht Maybury, aus seinen bis dahin recht belanglosen Bohème-Skizzen ein gewichtiges Liebes- und Kriegsdrama zu machen. William und seine Kameraden ziehen in den Krieg, der Dichter und seine Frauen aufs Land. Von nun an geht es um Freundschaft, Eifersucht, Alkoholexzesse, dann kommt William zum Heimaturlaub, passt nicht mehr zu Frau und Freunden, unterschiedliches Moralempfinden entlädt sich in Gewalt. Das Ganze spielt jetzt vor walisischer Kulisse, mit karger Küste, Regenwolken und Sperrholzhäusern, die Schüsse leicht durchdringen.
Maybury ist ein Regisseur, der in artifiziellen Bildern spricht. In Musikvideos oder seinem Porträt des Malers Francis Bacon hat er gezeigt, dass er entrückte Atmosphären erzeugen kann, befremdliche Stimmungen, wie sie sich auch in "Edge of Love" ankündigen. Doch hält Maybury diesen künstlichen Stil nicht durch, sondern will dann doch realistisch vom kompromisslosen Leben eines Dichters erzählen, der für seine Kunst lebt, nicht für den Krieg. Und von der Beziehung zwischen zwei Frauen, die zwischen Freundschaft und Liebe changiert. Und von der verheerenden Wirkung des Krieges, in den man nicht ziehen kann, ohne verändert heimzukehren. Natürlich ist das ziemlich viel für einen Film. Zumal Maybury all diese Themen nur seltsam zurückhaltend berührt, nicht ergründen will. So wirkt sein Versuch, Dichter-Biografie, Zeitporträt und Kriegsfilm zu verbinden, nicht aufregend neu, sondern nur unentschlossen.
Hinzu kommen völlig verfehlte Bildeinfälle. So verschneidet Maybury etwa die Geburt von Veras erstem Kind mit Szenen aus dem Krieg, in denen einem Kameraden ihres Mannes ein Arm amputiert wird. Das ist tragischer Kitsch und grober Unsinn, der zeigt, dass es in "Edge of Love" um ästhetische Effekte und nicht um erzählerische Wahrhaftigkeit geht. Der gesamte Film wirkt dekoriert bis maniriert, ohne dass darin eine bewusste Stilisierung zu erkennen wäre.
Und dagegen kommen dann auch die Schauspieler nicht an. Dabei sind Keira Knightley und Sienna Miller als rebellisches Freundinnenpaar durchaus überzeugend. Doch als die Geschichte an Dramatik gewinnt, finden sie keine Gesten für zunehmende Verzweiflung. Auch Matthew Rhys als Dylan Thomas bleibt ein konventioneller Trinkerdichter. Und selbst Cilian Murphy als verstört-verschlossener Kriegsheimkehrer entkommt dem Klischee nicht. So entlässt dieses Drama unbefriedigt, weil Maybury mit zu viel Stilwillen schöne Bilder aneinanderreiht. Gute Filme entstehen so nicht.
Bewertung: 2 von 5 Sternen
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