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Forscher Matthias Horx
"Künstliche Intelligenz ist Science-Fiction, keine Wirklichkeit"

Matthias Horx: „Künstliche Intelligenz ist Science-Fiction, keine Wirklichkeit“
Nächster Halt 2045: So könnten die Städte der Zukunft aussehen, in denen sich der Mensch weit mehr durch die Luft fortbewegen könnte. FOTO: thinkstock
Düsseldorf. Fans der "Zurück in die Zukunft"-Filme fiebern dem 21. Oktober 2015 entgegen. Es ist das Datum, an dem der Protagonist Marty McFly dank seiner Zeitmaschine aus dem Jahr 1985 eintrifft. Der Zukunfts- und Trendforscher Matthias Horx erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, wie weit unsere Gesellschaft sein könnte, würde man jetzt 30 Jahre in die Zukunft springen. Von Max Plück

Herr Horx, der Futurist Ray Kurzweil hat prognostiziert, dass es 2045 möglich sein wird, menschliche Gehirne in Rechner zu übertragen. Ist die sogenannte Singularität eine realistische Erwartung?

Horx Das ist futuristischer Unsinn, der aber immer wieder großes Aufsehen erregen und seine Jünger finden wird. Weil es sich im Kern um eine religiöse Erlösungs-Vision handelt: Die Maschinen werden uns von Krankheit und Tod befreien und zu neuen Überwesen transformieren –  tolle Geschichte! Ich kann diese Sehnsucht nach der großen digitalen Himmelfahrt verstehen, aber alle Theorien der Singularität basieren auf grundlegenden Falschannahmen.

Und die wären?

Horx Das fängt schon damit an, dass man glaubt, dass Computer "intelligent” werden, nur weil sie immer schneller rechnen. Ob sich Technologie-Erfindungen "immer mehr beschleunigen”, wie das auf jeder Techno-Konferenz behauptet wird, ist gar nicht so sicher. Um 1900 herum wurde das Fliegen, das Funken, das Auto, die Elektrizität für jeden, das Flugzeug und noch -zig anderes erfunden. Das Penicillin und die Toilette haben das Leben der Menschen womöglich mehr verändert als das Smartphone. Das Internet ist ein Riesending, aber auf vielen anderen Sektoren stagniert Technik eher. Was ist mit der Weltraumfahrt? Den versprochenen Durchbrüchen bei der Krebstherapie? Viele technische Utopien haben sich kleinlaut verabschiedet. Aber wir glauben natürlich immer gerne, in einer ganz besonders sensationellen Innovations-Zeit zu leben. Wir nennen das die "Gegenwarts-Eitelkeit” ...

Bei solchen Zukunftsbetrachtung ist man schnell bei ethisch-moralischen Fragen. Wird der Mensch bis 2045 Ihrer Ansicht nach alles Denkbare in die Tat umsetzen oder werden moralische Diskussionen Fehlentwicklungen verhindern können?

Horx Weniger durch Diskussionen als durch Scheitern werden sich bestimmte Technik-Pfade nicht realisieren. Das sieht man ja schon an der heutigen Atomkraft: Sie galt vor 50 Jahren als Mega-Utopie, aber sie ist realistisch betrachtet einfach zu kompliziert und zu gefährlich und zu teuer. Oder der intelligente Kühlschrank: Kein Mensch möchte einen Kühlschrank haben, der dauernd im Internet nachbestellt, trotzdem preisen ihn die Hersteller immer wieder als großartige Neuheit an. Die großen Selektoren des Technischen Wandels sind Überdruss, "Zu-Kompliziert-Sein” und Mangel an Service. Viele unserer heutigen Innovationen sind in Wirklichkeit Gimmicks, die schnell wieder vom Markt verschwinden werden. Der amerikanische Technik-Kritiker Morozov hat das mal "Solutionismus” genannt: "Technik auf der Suche nach Problemen …”

Forscher Matthias Horx sprach mit unserer Redaktion. FOTO: DPA (3), Thinkstock (2), Schaller, Seybert

Die Moralfrage stellt sich vor dem Hintergrund des schon heute Möglichen: Mit einem 3D-Drucker und den passenden Bauplänen kann sich jeder schon heute ein funktionstüchtiges Schnellfeuergewehr basteln.

Horx Man kann aber auch mit ein bisschen Geduld, Geld und krimineller Energie ein Schnellfeuergewehr auf dem Schwarzmarkt kaufen.

Wie werden 3D-Drucker die Produktionsprozesse bis 2045 verändern?

Horx Additive Produktionsweisen halten auf vielfältige Weise Einzug in den Produktionsweg, weil sie in der Lage sind, ganz individuelle Formen zu generieren. Im Flugzeugbau, wo man besonders komplexe, oft bionische Formen braucht, wird sich zuerst 3-D-Druck in großer Fertigungstiefe durchsetzen. Es werden auch schon Häuser gedruckt, sogar Autos. Wichtig ist aber auch, dass die "Maker”-Bewegung das Design und die Produktion wieder näher zusammenbringt. Das eigentlich Revolutionäre liegt darin, dass man als Designer seine eigenen Möbel und Produkte herstellen kann. Das wirft viele Wertschöpfungsketten, in denen die "Fabrikanten” das Sagen hatten, über den Haufen. So, wie heute Autoren nicht mehr unbedingt Verlage brauchen, brauchen Gestalter in Zukunft keine Hersteller mehr.

Ein Stichwort im ethisch-moralischen Zusammenhang wäre auch das Baby aus dem Genbaukasten. Werden sich Eltern im Jahr 2045 ein Kind nach ihren Vorstellungen formen können?

Horx Fragen Sie sich selbst: Möchten Sie, dass ihr Kind ein "Drag and Drop”-Baby wird, also alle Eigenschaften vorher festgelegt sind? Ich glaube nicht. Der Grund ist, dass wir als Menschen Individualisten sind. Die genetische Lotterie beim Zeugen eines Babys ist unglaublich faszinierend. Dass sich zwei Menschen auf ein unglaubliches Zufallsspiel eingelassen haben, das Evolution heißt, ist eine fundamentale menschliche Erfahrung. Wenn Sie dagegen ein Baby aus dem Baukasten bestellen, werden sie immer nur eine Variante bekommen – so, als hätten sie einen Golf mit einem bestimmten Zubehör bestellt. Ok, manche Milliardäre werden das vielleicht machen. Aber ich glaube, die Mehrheit der Menschen hat da wenig Interesse daran. Etwas anderes ist es, wenn man durch eine In-Vitro-Behandlung die Wahrscheinlichkeit des Kindes, in seinem Leben schwere Krankheiten wie Krebs zu bekommen, gegen null bringen könnte. Das wird der Punkt, an dem die Human-Gentechnik ihren echten Durchbruch erlebt. Und das wird kommen.

Erinnerungen an "Zurück in die Zukunft" FOTO: afp, msc/fi

Welche weiteren Entwicklungen erwarten Sie bis 2045 im Bereich des Gesundheitswesens?

Horx Wir sollten dann endlich so weit sein, dass wir den Krebs besiegen können. Und viele andere heute noch unheilbare Krankheiten. Parkinson zum Beispiel. Allerdings könnte uns auf dem Weg dorthin das Gesundheitswesen um die Ohren fliegen, denn die ersten Behandlungen werden Millionen für den einzelnen Patienten kosten. Wir werden auch gesünder leben, noch länger, und besser "gemonitort”. Was heute einzelne Leute über sich wissen, ihren BMI, ihren Cholesterinspiegel, ihr Krankheitsrisiko, wird dann ein breites Wissen sein. "Was, Sie kennen ihre verbleibende Lebenserwartung nicht?” Wir werden viel achtsamer und kompetenter in Sachen Gesundheit werden. Und es wird trotzdem noch eine Menge Menschen geben, die ungesund leben! Nach der Devise: Lieber ab mit Schaden!

Schon heute leisten sich die großen Konzerne im Silicon Valley Abteilungen, die sich vor allem mit der künstlichen Intelligenz beschäftigen. Wie weit könnte diese Entwicklung  2045 vorangeschritten sein?

Horx Ich glaube nicht an die Künstliche Intelligenz. Ich halte das für einen "Antromorphismus”, also eine Projektion menschlicher Eigenschaften auf Maschinen. Das ist Sci-Fi, keine Wirklichkeit. Ein faszinierendes Märchen eben.

Science-Fiction-Autoren beschäftigen sich seit Langem mit der Thematik – etwa Isaac Assimov mit seinen Robotergesetzen. Muss es ein solches Grundgesetz für Maschinen geben?

Horx Das ist ja gewissermaßen der Grundcode jedes Roboters. Sie können ja kaum einen Roboter in einer Autofabrik einsetzen, der Menschen verletzt.

Bislang werden Roboter in erster Linie in der Industrie eingesetzt. Welche weiteren Bereiche werden bis 2045 vom Robotereinsatz profitieren?

Horx Lastwagen werden automatisch fahren, Züge und U-Bahnen auch. Aber ich glaube nicht an den vielbeschriebenen Pflegeroboter. Einfach, weil ein Roboter nicht "pflegen” kann, denn das ist eine genuin menschliche Fähigkeit, die viel mit Zuwendung und Berührung, mit Empathie zu tun hat. Roboter können vielleicht Menschen heben in einer Pflegestation. Sie können logistische Aufgaben übernehmen. Wir haben ja schon heute eine Menge mechanischer Helfer, auch die Waschmaschine ist im Grunde ein Roboter. Aber menschliche Roboter würden uns gruseln. Und sie sind auch gar nicht wirklich zu bauen, auch wenn das jeder glaubt. Wir glauben halt immer das, was schon hundert Jahre in den Märchenbüchern steht. Was früher die Gebrüder Grimm-Bücher waren, sind heute die futuristischen Fantasie-Bilder und -Filme.

Eltern stellen Filmszenen mit Kind nach: Erkennen Sie alle Werke? FOTO: Lilly & Leon Mackie

Nach einer Vorhersage des Kaspersky Lab wird es aufgrund der Rechnerkapazität und der AI 2045 eine weltweit selbstregulierte Infrastruktur geben, die sich um die Lebensgrundlage auf der Erde und die Verteilung der Ressourcen kümmert. Unheimliche Vorstellung, weil sie zu Machtmissbrauch führen könnte, oder Chance?

Horx Kapersky Lab muss solche Visionen erfinden, ebenso wie die Verkäufer von Handfeuerwaffen finstere Räubertruppen brauchen, um ihr Produkt anzupreisen. Aber "Verteilung von Ressourcen”? Um es mit Beckenbauer zu sagen: Schau'n wir mal!

Welche Erwartungen haben Sie für das politische System? Also Stichworte: Bürgerbeteiligung und Politikverdrossenheit.

Horx Ich finde, die Demokratie schlägt sich ganz wacker. An der Flüchtlingsdebatte und vielen anderen Beispielen sieht man, wie stark das Bedürfnis der Bürger nach Engagement ist. Wir leben in einer lebendigen Zivilgesellschaft, die sich auch streiten muss. Politikverdrossenheit ist vor allem auch ein medial gezüchtetes Phänomen. Heute ist es ja in den Medien common sense, alle Politiker als komplette Idioten darzustellen. Da sehe ich das eigentliche Problem: Dass in dieser Überkonkurrenz der Medienkanäle um unsere Aufmerksamkeit nur noch extreme und negative, letztlich populistische Meinungen und Positionen durchkommen. Das Schrille wird ständig verstärkt. Das zerstört das Vertrauen in Demokratie, in die Selbstverantwortung, die wir haben. Aber immerhin: Wir fangen langsam an, den medialen Überzeichnungen zu misstrauen.

Wie wird sich unser Kommunikationsverhalten in den kommenden 30 Jahren verändern?

Horx Wir werden die digitalen Exzesse langsam überwinden. In zehn Jahren wird es total uncool sein, ständig auf kleinen Bildschirmen herumzufummeln. Wir werden lernen, mit dieser unentwegten Erreichbarkeit und Erregbarkeit, die die digitalen Technologien erzeugen, moderierend zu leben. Wir werden, wie  wir das in unserer Trendsprache formulieren, Om-Line gehen. Also mit einer gelasseneren Geisteshaltung dort kommunizieren, wo etwas zu kommunizieren ist, und die Kiste auszustellen, wenn das sinnvoll und richtig ist. Übrigens wird dann kein Mensch mehr fernsehen, dafür werden wir in ziemlich atemberaubenden Realtime-Simulationswelten herumlaufen, Stichwort Virtual Reality. Wetten, dass das wieder eine heftige Sucht-Debatte gibt?

Der rasante technische Fortschritt führt auch zu einer Totalerfassung des Menschen. Große Digitalkonzerne wie Google und Facebook sammeln massiv Daten über jeden Einzelnen. Was lässt sich mit diesen Daten künftig anstellen?

Horx Nicht viel, weil wir bis dahin ein Regelsystem entwickelt haben werden, in dem wir wieder mehr Herr über unsere Daten sein werden. Es hat auch ungefähr 70 Jahre gedauert, bis sich die Anzahl der Verkehrstoten auf der Straße unter das Niveau eines Gemetzels entwickelt hat. Neue Technologien werden zunächst exzessiv genutzt, dann in einem langsamen Prozess gezähmt und "befriedet”. Bis dahin ist alles immer sehr gefährlich und schrecklich. Ich habe allerdings auch manchmal das Gefühl, dass wir das im Grunde wollen, überwacht zu werden. Das gibt uns ein Gefühl des Wichtigseins.

Betrachten wir das Thema Umwelt. Deutschland versucht gerade die Ökologiewende. Wie weit werden wir damit in 30 Jahren sein?

Horx Ziemlich weit. Wir werden so gut wie keine fossile Energieerzeugung mehr brauchen. 2045 werden die Häuser mehr Energie erzeugen als verbrauchen. Wir werden intelligente Energienetze haben. Storm gibt es als Flatrate. Wir haben dann soviel Energie, wie wir gar nicht verbrauchen können, denn die regenerativen Energiepotentiale sind gewaltig - wir stehen hier erst am Anfang eines enormen Innovationszyklus.

Die Ölreserven sind endlich. Was erwarten Sie im Bereich der Brennstoffe?

Horx Auch wenn Sie das jetzt verblüfft: Die Ölreserven reichen unendlich! Das Öl wird nämlich einfach im Boden bleiben. Weil wir längst andere Technologien haben. Wo man noch Brennstoffe braucht, wie vielleicht bei Flugzeugen, geht das auch mit Algenderivaten oder Wasserstoff oder anderen Substanzen, die man aus dem Naturkreislauf abzweigen kann. Fossile Substanzen zu verbrennen ist auf einem blauen Planeten einfach Blödsinn. So langsam kapieren wir das.

Schon heute wird im Bereich des autonomen Fahrens geforscht. Die ersten Fahrzeuge rollen bereits. Wie weit wird die Entwicklung gehen?

Horx Teilautonomes Fahren wird 2045 normal sein, vollautonomes Fahren in bestimmten Streckenabschnitten oder Stadtteilen mit verkehrsberuhigter Struktur weit verbreitet. Auf der gleichmäßig fließenden Autobahn können wir das Steuer loslassen. In den Städten fahren kleine Transportkapseln, die man per Sprachbefehl kommandiert. Was aus den vielen Taxifahrern dann wird, bleibt einstweilen unbekannt. Wird aber spannend.

Elon Musk treibt sein Space X Projekt voran, Barack Obama träumt von der Marsmission 2035. Was erwarten Sie für 2045?

Horx Als Kind des Space Age in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts würde ich sehr gerne noch eine Marsmission oder eine Mond-Kolonie erleben. 2045 bin ich 90. Ich werde mich anstrengen! Wie sagt man jetzt so schön? Wir schaffen das!

Welche Vorstellungen haben sie über das Ernährungsverhalten?

Horx Wir werden wieder lustvoller essen. Das, was heute Menschen mit einer ausbalancierten, aber auch lustvollen Ernährung praktizieren, wird common sense: Alles ist gesund, was schmeckt, Diäten sind Blödsinn, aber man muss sein Leben als Ganzes ausbalancieren. Denn der eigentliche Grund, warum man fett oder durch Essen krank wird ist, dass man durch vieles Essen etwas anderes kompensiert. Und übrigens: Wir werden keine Insekten und Würmer essen. Deutlich weniger Fleisch, aber nicht kein Fleisch.

Wie wird weltweit der Wohlstand verteilt sein und welcher gesellschaftliche Sprengstoff verbirgt sich dahinter?

Horx Unser Problem ist ja nicht, dass es viele Reiche gibt, sondern ob es viele bitter Arme gibt. Da ist der Trend positiv: Die Anzahl der Menschen, die unter der Existenzlinie leben, nimmt deutlich ab. Sie wird bis 2045 unter 5 Prozent gesunken sein.

Was ist mit Kriegen, was mit der Kriminalität und Kriminalitätsbekämpfung im Jahr 2045?

Horx Menschliche Aggression wird es auch übermorgen noch geben. Aber im Durchschnitt deutlich weniger. So, wie heute schon die Kriminalität in den meisten Ländern - nicht allen! - sinkt und auch die Kriegsopfer eher zurückgegangen sind. Das glaubt man nicht, wenn man die Meta-Daten nicht kennt, es stimmt aber. Wir werden also in einer friedlicheren Welt leben, in der es aber immer wieder Konfliktherde geben wird, vor denen wir uns ganz besonders fürchten, weil sie so selten geworden sind.

Gibt es Bereiche, für die Sie sich überhaupt keine Vorhersage für 2045 zutrauen. Und wenn ja, welche sind das und warum?

Horx Als systemischer Zukunftsforscher kann man im Prinzip zu allen Themen Prognosen formulieren, außer dem Wetter im Winter und den Frauen.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Menschen im Jahr 2045?

Horx Dass wir besser lernen, mit Angst umzugehen. Angst, wenn sie hysterische Formen annimmt, macht die Leute verrückt. Wir leben in einer Panik-Kultur. Diffuse Zukunftsangst verhindert die Zukunft.

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