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Michael Fassbender im Interview zu "Slow West"
"Ich bin gierig nach intensivem Leben!"

Michael Fassbender spricht über Western-Film "Slow West"
Der britische Schauspieler Michael Fassbinder. FOTO: ap
Düsseldorf. Der britische Filmstar Michael Fassbender spricht im Interview über Freundschaftsdienste, Ängste und Begierden und darüber, was für ein Talent er von seinem deutschen Vater vererbt bekam.

Michael Fassbender, 38, ist so gefragt wie nie zuvor. Gerade steht er in Kanada als Magneto im neuen X-Men-Film "Apocalypse" vor der Kamera. Die erfolgreiche Fantasy-Franchise kommt im Mai 2016 ins Kino. Und noch in diesem Jahr wird er drei weiteren Filmen zu sehen sein: in "Steve Jobs" (ab 12.11.) und "Macbeth" (ab 29.10.) jeweils in der Titelrolle, außerdem im postmodernen Western "Slow West" (ab 30.7.) als schweigsamer Revolverheld und Kopfgeldjäger.

Wie kaum ein anderer Schauspieler seiner Generation zeichnet sich Michael Fassbender durch chamäleonartige Wandlungsfähigkeit aus. Als Beleg dafür gelten u.a. Filme wie "Hunger" (2008), "Eine dunkle Begierde" (2011), "Prometheus – Dunkle Zeichen" (2012) und "12 Years a Slave" (2013), für den er als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert wurde. Diese ausdrucksstarke Präsenz fällt auch im Gespräch auf. Seine warme Stimme verleiht seinen Worten viel Charme und Kraft. Er ist jede Sekunde hellwach und auf den Punkt. Eindringlich fixiert er sein Gegenüber mit seinen blau-grünen Augen und wirkt dabei nie unfreundlich oder distanziert, sondern stets offen und neugierig.

Szenenbilder: "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" FOTO: dpa, mjh

Mr. Fassbender, machen Sie gerne Filme, bei denen Sie weder den Inhalt noch den Titel kennen? Geschweige denn das Drehbuch gelesen haben?

Michael Fassbender (Lacht) Um Himmels Willen – nein! Bei "Slow West" war das die große Ausnahme. Der Grund dafür war, dass ich John Maclean bei seinem ersten Kinofilm einfach helfen wollte. Wir hatten vorher schon zwei Kurzfilme gemacht. Und ich war von Johns Arbeitsweise – und von dem, was dann dabei herauskam - sehr angetan. Schon damals sprachen wir oft darüber, wie schön es wäre, einmal gemeinsam einen abendfüllenden Film zu machen. Das war so vor fünf Jahren.

Haben Sie ihm bei der Entwicklung des Stoffes geholfen?

Fassbender Wir haben immer mal mit verschiedenen Ideen gespielt, vor allem wenn wir zusammen Motorrad-Touren unternommen haben. So etwas schweißt einen emotional sehr zusammen. Mittlerweile sind wir enge Freunde. Aber "Slow West" geht ganz alleine auf Johns Konto. Ich bin sehr stolz, dass wir diesen Film tatsächlich realisieren konnten. Es ist ein sehr unkonventioneller und origineller Western geworden.

Freundschaftsdienste können mitunter auch problematisch werden…

Fassbender …das stimmt, aber nicht bei uns. Denn John weiß ganz genau, was er will - und wie er es bekommt. Das ist für mich als Schauspieler immer sehr beruhigend. Denn es gibt nichts Schlimmeres als einen Regisseur, der nicht den blassesten Schimmer davon hat, wie sein Film eigentlich aussehen sollte.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit - das ist der Trailer FOTO: Youtube 20th Century Fox

Sie unterstützen mit Ihrer Star-Power Independent-Filme, die wohl nie finanziert worden wären, wenn Sie nicht darin mitspielten. Warum machen Sie das eigentlich?

Fassbender Wenn ich durch meinen Namen helfen kann, dass das ein oder andere Low-Budget-Projekt auch tatsächlich gemacht wird, bin ich sehr glücklich. Denn oft sind gerade das die erfrischend anderen und mutigeren Filme - im Vergleich zu den Blockbustern oder Mainstream-Movies…

…bei denen Sie aber auch gerne mitmachen.

Fassbender Natürlich. Denn nur durch diese meist sehr erfolgreichen Filme habe ich die – wie Sie sagen "Star-Power" -, die es mir ermöglicht, einen Independent-Film auf den Weg zu bringen. So zum Beispiel auch "Frank" (ab 27.8. im Kino), den ich so abgefahren fand, dass ich da einfach mitmachen musste. Abgesehen davon liebe ich als Schauspieler die Abwechslung. Ich will mich ja nicht ständig wiederholen. Und ich bin immer bereit, jungen und vielleicht noch unbekannten Talenten zu helfen. Ich finde das sehr aufregend. Das hält mich frisch und hungrig. In der Vergangenheit bin ich auch immer gut damit gefahren, zum Beispiel mit Steve McQueen. Als wir vor sieben Jahren unseren ersten gemeinsamen Film "Hunger" machten, hatte uns in der Filmbranche niemand wirklich auf dem Zettel.

"Solange die Sonne scheint, versuche so viel Heu wie möglich einzufahren2, haben Sie vor kurzem gesagt…

Fassbender …weil ich mich noch sehr gut an die Zeit erinnere, als ich als Schauspieler fast keine Angebote bekam. Und ich künstlerisch und finanziell so gut wie bankrott war. Diese Angst steckt mir immer noch ein bisschen in den Knochen. Das ist – neben dem Spaß, den ich an der Schauspielerei habe – bestimmt der Grund, warum ich zurzeit einen Film nach dem anderen mache. Wer weiß, wie lange das so bleibt. Dann bin ich wenigstens für die Regentage gerüstet.

Oscar 2014: Das sind alle Gewinner FOTO: ap

Was hat das wohl für mentale und emotionale Auswirkungen?

Fassbender Ich werde durch die vielen verschiedenen Anforderungen – gerade stehe ich zum Beispiel wieder als Magneto im neuen "X-Men"-Film "Apocalypse" vor der Kamera – als Schauspieler immer besser. (Lacht) Das hoffe ich wenigstens. Ob mich das charakterlich verändert hat? Da müssten Sie eigentlich die Menschen befragen, die mir nahe stehen. Ob die eine Veränderung bemerkt haben.

Sie selbst haben nichts bemerkt? Vom Schauspieler, der sich jahrelang kaum über Wasser halten konnte, zum gefragten Hollywood-Star – das hinterlässt doch Spuren!

Fassbender Natürlich hat das eine Auswirkung auf mein Leben. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich nach wie vor gegen Ruhmsucht und Egomanie gefeit bin. Ich habe nämlich eine sehr gute Arbeitsmoral, müssen Sie wissen. Ich lese alle Drehbücher, die ich angeboten bekomme, wähle dann den Film aus, der mir am meisten zusagt, erscheine pünktlich zu den Dreharbeiten und versuche den Job so gut zu machen, wie ich eben kann. Und sicher war es auch ein großes Glück, dass ich meinen großen Durchbruch erst relativ spät - mit Anfang 30 - hatte. Da hatte ich schon genügend Lebenserfahrung auf dem Buckel, und die hat mir sicher dabei geholfen, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit 20 hätte das vermutlich ganz anders ausgesehen.

Es dauerte gut zehn Jahre, bis Sie Ihren großen Durchbruch hatten. Was haben Sie denn plötzlich so anders gemacht als zuvor?

Fassbender Das ist ja das Verrückte: nichts! Der einzige Unterschied war, dass auf ein Mal eine Handvoll Regisseure an mich geglaubt haben. Plötzlich haben sie in mir etwas gesehen, das sie für ihre Filme gebrauchen konnten. Als Schauspieler bist du immer sehr davon abhängig, dass dir jemand die Chance gibt zu zeigen, was du kannst. So einfach ist das.

Wie verbringen Sie denn die oft sehr langen Wartezeiten in Ihrem Trailer, bevor man Sie zum Drehen abholt?

Fassbender Da lese ich sehr viel. Allerdings nur Drehbücher. Es ist schon Jahre her, seit ich zum letzten Mal einen Roman gelesen habe. Was für eine Schande! Das dürfte ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen (lacht). Und ich schlafe viel. Ich kann eigentlich immer und überall schlafen. Sie können das Licht anknipsen oder neben mir Trompete spielen – wenn ich schlafe, dann schlafe ich. Bei diesen "Power-Nickerchen" kann ich mich fantastisch erholen. Dieses Talent habe ich übrigens von meinem Vater geerbt.

Ihr Vater ist Deutscher, Ihre Mutter Irin. Haben Sie schon herausgefunden, welche Ihrer Charaktereigenschaften eher irisch und welche deutsch geprägt sind?

Fassbender Ich bin mir ziemlich sicher, dass die deutsche Seite in mir immer alles unter Kontrolle halten will, und die irische gerne alles über den Haufen wirft. Von meinem Vater habe ich definitiv meinen Hang zur Disziplin und zum Organisieren vererbt bekommen, was ich übrigens total gut finde.

Und was haben Sie von Ihrer Mutter mitbekommen?

Fassbender Vor allem sehr viel Lebensfreude und die Fähigkeit, lange und intensiv zu feiern (lacht).

Was treibt Sie mehr an im Leben – Leidenschaft oder Angst?

Fassbender Beides. Meist ist es doch eine Mischung aus beidem. Ich habe schon immer große Wünsche und Sehnsüchte gehabt, oder - wenn Sie so wollen - Begierden.

Begierden?

Fassbender Ich bin gierig nach intensivem Leben! Ich will Filme machen, Sex haben und tiefe, innige Freundschaften. Ich will Motorradfahren, neue Länder und interessante Menschen kennenlernen… Ach, die Liste ist viel zu lang. Und ich will Bestätigung, Anerkennung für meine Arbeit. Und zwar von den richtigen Leuten. Also von meinen Kollegen, die ich selbst sehr schätze. Das gibt mir Selbstvertrauen und Kraft.

Und wann kommt die Angst ins Spiel?

Fassbender Wenn ich als Schauspieler Risiken eingehe, ganz bewusst meine Komfortzone verlasse, mich neuen Herausforderungen stelle - das macht mir meist auch ziemliche Angst.

Angst wovor?

Fassbender Angst zu versagen, Angst mich vor versammelter Mannschaft lächerlich zu machen, Angst mich dadurch einzuengen oder so verklemmt zu sein, dass ich als Schauspieler gar nicht mehr richtig funktionieren kann.

Sehr ängstlich wirken Sie nun gerade nicht.

Fassbender Ich spreche ja auch nicht von der feigen Ängstlichkeit, sondern von der kreativen Angst, dem mulmigen Gefühl in der Bauchgegend, das einen vorwärts treibt und anstachelt Dinge zu tun, die man sich bisher noch nie getraut hat.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE ULRICH LÖSSL.

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