| 14.56 Uhr

"Miss Hokusai"
Im Schatten des Vaters

Der japanische Zeichentrickfilm "Miss Hokusai" erzählt vom bekannten Künstler Katsushika Hokusai und seiner Tochter O-Ei. Von Nicole Scharfetter

Freundliche Worte hat Katsushika Hokusai nur selten für seine Mitmenschen übrig. Und wenn er mal was Gutes sagt über jemand anderes, macht er das gleich wieder zunichte mit seiner kodderigen Art. Katsushika Hokusai gehört zu der Sorte Mensch, die man als muffelig und grantig bezeichnen könnte. Und obwohl Hokusai kein netter Mensch ist, hat er doch eine Menge Fürsprecher, die Mutter seiner Kinder zum Beispiel und seine Meisterschüler, die von einem der bedeutendsten Vertreter des Ukiyo-e-Genres lernen wollen - und der für viele als Erfinder des Manga gilt.

Ganz besonders ist die Beziehung zwischen dem Künstler und seiner ältesten Tochter O-Ei, von der Keiichi Hara und Miho Maruo in ihrem neuen Film "Miss Hokusai" erzählen. Es ist die Geschichte, die sich hinter dem berühmten Werk "Die große Welle vor Kanagawa" verbirgt, das Katsushika Hokusai etwa um 1830 fertigte. Die Geschichte seiner Tochter, erzählt aus ihrer Sicht, die eine ebenso große Begabung hat wie der Vater, die aber immer in dessen Schatten steht.

"Es gibt da diesen schrulligen alten Mann", beginnt O-Ei, während sie durch Edo - das spätere Tokio - spaziert. Sie beschreibt ihren Vater, der zu diesem Zeitpunkt noch Tetsuzo heißt und im Laufe seines Lebens Dutzende Male seinen Vornamen ändern wird. Viel mehr als zwei Pinsel und vier Essstäbchen brauchen O-Ei und Katsushika nicht zum Überleben. "Wir kochen nicht. Wir räumen nicht auf. Wenn es zu schmutzig wird, ziehen wir um", sagt O-Ei.

So sieht der Alltag der schönen Japanerin aus, die sich gern frisiert, schöne Kimonos trägt und deren bester Freund ein kleiner Hund ist, mit dem sie nachts ihre Decke teilt. Sie eifert ihrem Vater nach, wird ihm aber nie gerecht. Zumindest lässt ihr Vater sie in diesem Glauben. Es ist eine Hass-Liebe, die O-Ei und Katsushika verbindet, sie sprechen wenig miteinander, und oft ist es O-Ei, die ihren Vater aus misslichen Lagen rettet, wenn sie zum Beispiel Bilder für ihn malt, die bei ihm in Auftrag gegeben wurden und die er in seinem Namen schließlich verkauft.

Eine durchgehende Handlung hat "Miss Hokusai" nicht, vielmehr werden Ausschnitte aus dem Zusammenleben von Vater und Tochter gezeigt. Mal sprintet O-Ei durch die Nacht, getrieben von den Feuerglocken, die in der Nachbarschaft zu hören sind. "Sobald sie läuten, kann ich nicht still sitzenbleiben", sagt sie. Mal spaziert O-Ei mit der jüngeren Schwester O-Nao durch den Schnee. Überhaupt hat die Künstlerin ein sehr enges Verhältnis zur Schwester, dem blinden Mädchen, das im Verlauf des Films immer kränker wird und um das sich der Vater einen feuchten Kehricht schert. Dann erzählt O-Ei ihrer Schwester von den Wellen, die der Vater so gerne malt, während sie in einem Bötchen den Fluss durchqueren - eine Anspielung auf "Die große Welle vor Kanagawa".

Auch einige Figuren stammen aus Hokusais Skizzenbuch, wie der Trunkenbold Zenjiro, den O-Ei nur Stümper-Sen nennt, weil er von ihr oder ihrem Vater abmalt und später trotzdem Karriere macht. Und Katsushika Hokusai selbst, der sehr viel Ähnlichkeit mit einem Selbstporträt aus dem Jahr 1839 hat. Mit einem Mann, der niemals lächelt und viele Falten auf der Stirn trägt - manche kommen vom Zorn, den er so oft auslebt, andere vom Alkohol, den er ständig trinkt. Hokusai ist alles andere als ein Vorzeige-Vater. Um die eine Tochter kümmert er sich nicht, die andere nimmt er mit nach Yoshiwara, in das Rotlicht-Viertel, wo die schöne Kurtisane Sayogoromo lebt, und deren Geschichte sich der Vater erschleicht, um Inspiration für eine neue Zeichnung zu bekommen. Durch ihn lernt O-Ei das Viertel kennen, einmal will sie sogar selbst die Dienste einer Prostituierten in Anspruch nehmen, um bessere Figuren zu malen, weil der Vater immer so kritisch mit ihr ist.

Keiichi Hara und Miho Maruo würdigen mit "Miss Hokusai" nicht nur das Erbe des berühmten japanischen Künstlers Katsushika Hokusai. Sie ehren vor allem seine Tochter O-Ei Hokusai, die nie so geschätzt wurde, wie sie es eigentlich verdient gehabt hätte.

"Miss Hokusai", Japan 2015 - Originaltitel: Sarusuberi - Miss Hokusai, Regie: Keiichi Hara, 90 Minuten, freigegeben ab sechs Jahren

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

"Miss Hokusai": Japanischer Zeichentrickfilm jetzt im Kino


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.