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Psychothriller "mother!"
Familientreffen im Horrorhaus

Filmkritik: Überzeugt MOTHER! von Darren Aronofsky?
Regisseur Darren Aronofsky bringt mit "mother!" ein allegorisches Gruselspektakel ins Kino, das mehr verspricht, als es halten kann. Von Martin Schwickert

Dass er die düsteren Abgründe der menschlichen Seele in cineastisch brillanter Form erkunden kann, hat Regisseur Darren Aronofsky in "Black Swan" bewiesen, für den seine Hauptdarstellerin Natalie Portman mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Dass er sich genauso frenetisch in der biblischen Wucht seines Stoffes verlieren kann, zeigte Aronofsky mit seinem kruden Nachfolgewerk "Noah", in dem sich Russell Crowe durch die Sintflut berserkerte. In seinem neuen Film "mother!", dessen Premiere soeben in Venedig gleichermaßen von Applaus wie bemerkenswert heftigen Buh-Rufen begleitet wurde, scheint der eigensinnige Filmemacher nun beide Fähigkeiten vereinen zu wollen.

Das sei vorab gesagt: Es ist kompliziert. Das erste Bild auf der Leinwand zeigt eine Frau in Flammen, die aus ihrem verbrannten Gesicht dem Publikum direkt in die Augen schaut. Nach einem harten Schnitt sieht man Javier Bardem, der einen Kristallstein aus der Asche der ausgebrannten Ruine holt und in einen Metallständer steckt, woraufhin sich das Haus wie von digitaler Zauberhand selbst zu heilen scheint und in seinen vorkatastrophalen Zustand zurückverwandelt.

Unter der Bettdecke erwacht eine Frau (Jennifer Lawrence) und greift neben sich ins Leere. "Liebling?" ruft sie und macht sich auf die Suche nach ihrem Mann. Die Handkamera bleibt ihr dicht auf den Fersen, so wie sie es in den nächsten zwei Kinostunden tun wird. Durch weit verzweigte Flure gelangt sie zur offen stehenden Haustür.

Liebe und Schrecken sind verbunden 

Von hinten umarmt sie plötzlich ihr Mann (Javier Bardem). "Du hast mich erschreckt" sagt sie, und mit diesen beiden Dialogzeilen sind zwei wichtige Pole der filmischen Erzählung benannt: Liebe und Schrecken werden sich in diesem Haus auf bizarre Weise verbinden.

Gleichzeitig bettet der Film die Geschichte mit dieser klassischen Anfangssequenz ins Horrorgenre ein, dessen historische Meisterwerke "Rosemary's Baby" und "Shining" sichtbar Pate gestanden haben. Der Mann und die Frau bleiben wie alle Figuren im Film namenlos. Er ist ein berühmter Schriftsteller, dessen Bücher viele Leser bewegt haben, der aber nun unter einer Schreibblockade leidet. Sie ist um einiges jünger als ihr Ehemann und scheint diesem treu ergeben. Neben ihrem Dasein als Muse widmet sie sich der Rekonstruktion des viktorianischen Hauses, das durch einen Brand schwer beschädigt wurde und vollkommen allein im Niemandsland steht.

Die heimische Zweisamkeit wird durch einen Mann (Ed Harris) gestört, der vorgibt, auf der Suche nach einem "Bed & Breakfast" zu sein und sich auf Einladung des Hausherrn bei ihnen einquartiert. Schon bald stellt sich heraus, dass der Chirurg Fan des Autors ist, der den Eindringling nicht nur als Bauchpinsler, sondern auch als Quell poetischer Inspiration zu schätzen beginnt. Seine Partnerin schaut dem seltsamen Treiben mit missbilligender Tatenlosigkeit zu.

Alte Testament zitiert 

Wenig später klopft auch die Ehefrau (Michelle Pfeiffer) des ungebetenen Gasts an die Tür und rückt den Gastgebern mit Ratschlägen zur Eheführung auf die Pelle. Die Situation eskaliert, als die beiden Söhne ebenfalls vorstellig werden, der eine den anderen im Streit erschlägt und schließlich die ganze Beerdigungsgesellschaft anrückt.

Spätestens mit dem Brudermord wird klar, dass Aronofskys allegorische Erzählung nicht nur mit Versatzstücken des Horrorgenres spielt, sondern auch das Alte Testament anklingen lässt. Ein "Paradies" wolle sie schaffen, sagt Jennifer Lawrence zu Beginn. Und wo der Garten Eden, Adam und Eva sind, ist der Sündenfall nicht weit und der Weg zur Apokalypse geebnet. Ein Zwischenhoch gönnt Aronofsky dem Paar, als sie schwanger wird, sich das Chaos beruhigt und er zu schreiben beginnt.

Aber die eheliche Harmonie ist von kurzer Dauer, als die Fans des Poeten das Haus stürmen und um die hochschwangere Titelfigur ein Hölle ausbricht, die die Bilder von Hieronymus Bosch wie naive Malerei aussehen lassen. Kultisches Sektengemurmel, Opferrituale, hysterische Plünderer, aufständische Demonstranten, bewaffnetes Militär nehmen das Heim in Besitz und veranschaulichen eine, aber nicht die einzige Botschaft des Films.

Egal, wie weit wir uns ins private Glück zurückziehen wollen, dem Chaos dieser Welt kann man nicht entkommen. Aber letztgültig lässt sich dieses allegorisches Horror-Spektakel nicht dechiffrieren, das auf der Leinwand eine eher verstörende als inspirierende Wirkung entfaltet und sich in seiner künstlerischen Pose viel zu wichtig nimmt.

Quelle: RP
 
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