Thriller "Paranormal Activity": Nächtlicher Grusel im Spuk-Haus
VON PETER STEINHART - zuletzt aktualisiert: 19.11.2009 - 11:14(RP). Obwohl der Thriller "Paranormal Activity" von einem Amateur für 15 000 Dollar produziert wurde, hat er in den USA 100 Millionen Dollar eingespielt. Man sieht einem Paar in dem scheinbar dokumentarischen Film dabei zu, wie es sich gegen übernatürliche Phänomene zur Wehr setzt.
Fast zwei Jahre lang reiste Oren Peli mit seinem ersten Spielfilm zu diversen amerikanischen Festivals und bekam dort allerhöchstens herablassendes Lob – etwa die Empfehlung eines "Variety"-Kritikers für "eine Nische im DVD-Verleih". Dann begann sich endlich um diese kleine Talentprobe das zu entwickeln, was ihr Titel verspricht: "Paranormal Activity".
Übernatürliche Aktivität entstand, sobald kein Geringerer als Steven Spielberg den Film besichtigt und befunden hatte, daraus ließe sich was machen. Als Vorlage für eine neue, große Hollywood-Version vielleicht. Doch Spielberg meinte, es reiche auch, wenn das Original gekürzt, geglättet und mit einem neuen Schluss versehen werde. Und vor allem mit einer neuen Tonspur, die wohl das Vielfache der ursprünglichen Drehkosten von 11 000 bis 15 000 Dollar verschlungen hat. Paramount kaufte das veredelte Amateur-Produkt und startete Ende September ein "Guerilla-Marketing", das aus "Paranormal Activity" rechtzeitig zu Halloween den größten Gruselerfolg des Jahres machte: vom Einsatz als Mitternachts-Überraschung in einem Dutzend College-Kinos über geschickt geschürte "Mundpropaganda" im Internet bis zum landesweiten Massenstart in über 2500 Sälen.
100 Millionen Dollar hat der Film bereits eingespielt, und die Verleiher hoffen, dass er im Rest der Welt noch mehr einbringen wird als vor zehn Jahren jenes Taschengeld-Filmwunder, mit dem er nun regelmäßig verglichen wird: das "Blair Witch Project". Damals zogen Filmstudenten in die Wälder Virginias, um das Gruseln zu lernen. "Paranormal Activity" hält sich zwar ebenfalls an das Rezept von pseudo-dokumentarischen Amateur-Aufnahmen, gibt sich jedoch weit minimalistischer. Ein kleines Haus in San Diego (es ist das Wohnhaus des Autor-Regisseurs) ist der einzige Schauplatz, ein junges Paar das einzige Personal – einmal abgesehen von zwei kurzen Besuchen eines "Parapsychologen", der als Fachmann gegen den Spuk ins Haus gerufen wird und schnell kapituliert.
Von Handkamera-Wackeln á la "Blair Witch" bleibt der Zuschauer weitgehend verschont. Vielmehr wird streng an der Fiktion festgehalten, dass alle Aufnahmen von einer einzigen, meist auf einem Stativ steckenden, auch nachts laufenden Kamera im Schlafzimmer stammen. Vor allem zwei Effekte sind es, auf die Oren Peli baut: zum einen auf die Zunahme der merkwürdigen Geräusche und unerklärlichen Bewegungen rund um das in tiefen Schlaf versunkene ahnungslos-schutzlose Paar; zum anderen auf die Eskalation dämonischer Gewaltausbrüche, die sich außerhalb des Blickfelds der Kamera ereignen und durch die bloße Wahrnehmung als Lärm umso bedrohlicher wirken. Das ergibt so schönes, ganz ohne Special Effects erreichtes Grauen, dass es immer wieder und bis zum Überdruss wiederholt wird. Dogmatisch streng wie ein gewissenhafter Filmstudent versucht Oren Peli zu ergründen, wie wenig sich ereignen muss, um die Zuschauer das Gruseln zu lehren – solange, bis man sich nach den saftigeren Horror-Zaubereien von Hollywoods Poltergeistern sehnt.
Es liegt nicht an den beiden jungen Schauspielern, dass ihre Rollen arg schematisch wirken: Katie, das verängstigte, zur Hysterie neigende Opfer, das dem Freund anvertraut, schon seit der Kindheit von einem Dämon verfolgt zu werden; Micah, ganz der selbstsichere Mann, der ihr mit seiner Kamera beweisen will, dass es gar keinen Spuk gebe, und der vor lauter Freude an seinem neuen Spielzeug die Ängste seiner Freundin verdrängen will. Das hilft natürlich nichts. Beide sind dem Untergang geweiht, obwohl es bis dahin erstaunlich unblutig zugeht.
Das hat in den USA einige Kritiker so erfreut, dass sie diese "Paranormal Activity" zu einem Geniestreich verklärten, andere aber auch so gelangweilt, dass sie mit gereizten Kommentaren die meisterhafte Vermarktung störten. Der Film ist ein hübscher, kleiner, leider immer noch ermüdend langer Spaß, der in Europa mit der schweren Hypothek startet, wie ein Mirakel angekündigt zu werden. Dass ein Film mit einem Taschengeld-Budget Millionen einbringt, ist in Zeiten knapper Kredite natürlich besonders erfreulich. Doch als Patentrezept für Hollywood taugt er nicht.
Bewertung: 3 von 5 Sternen
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