Zur Premiere von "Mein Führer": Nazis im Kino - eine Untersuchung
VON SEBASTIAN FELDMANN - zuletzt aktualisiert: 10.01.2007 - 09:33Düsseldorf (RP). Ein „Deutsches Filmwunder“ diagnostiziert Dietrich Kuhlbrodt in seinem sarkastischen Buch „Nazis immer besser“ über die Entwicklung der Nazi-Rezeption im internationalen und vor allem im deutschen Spielfilm.
Kuhlbrodt, pensionierter Staatsanwalt („Sitte“; Nazi-Verbrechen), prominenter Filmjournalist sowie auffälliger Glatzkopf in diversen Christoph-Schlingensief-Filmen - also dem allseits Gebildeten ist angesichts des alten und neuen Filmmaterials eine ebenso haar- wie gedankensträubende These weniger ein- als aufgefallen: Nazis immer besser.
Zunächst einmal beschreibt er historisch korrekt die Behandlung der Nazis im nationalen und internationalen Film, der nach 1945 in die deutschen Kinos kam. Im deutschen Film wurde der Nazi gegenüber dem braven, treuen Wehrmachtssoldaten in die Ecke geschubst. Verdrängt. Höchstens als Buhmann zugelassen. Die Entlastung des „Frontschwein“-Normalsoldaten gegenüber der NS-, SS- etc.-Hierarchie war wiederaufbau-propagandistische Hauptaufgabe im Nachkriegsdeutschland.
Im historischen Teil geht Kuhlbrodt erstmal ausführlich auf die Verstümmelungen amerikanischer Filme ein. Wo etwa in „Casablanca“ mit Humphrey Bogart der deutsche Offizier Conrad Veidt in der Kinofassung eliminiert wurde: 20 Minuten fehlten.
Zur gleichen Zeit wurde der üble NS-Kult-Regisseur Veit Harlan („Jud Süß“; „Kolberg“) auf den Rücken begeisterten Publikums aus einem Hamburger Gericht getragen, wo er von der Anklage der Menschenrechtsverletzung wegen „Jud Süß“ freigesprochen worden war. Ohne Berufsverbot. Das muss man sich mal vorstellen.
Kuhlbrodt berührt sodann mit gebührender Ausführlichkeit Joachim Fests unsäglichen Dokumentarfilm „Hitler - Eine Karriere“ (1977). Und Syberbergs siebenstündige, sehr fragwürdige Saga „Hitler - Ein Film aus Deutschland“. Kuhlbrodt rafft die Botschaft zusammen: „Nazis, das waren die anderen, die Bösen, und mitnichten Parsifal, Wagner und das deutsche Bildungsbürgertum.“
Während Mitte der 80er Jahre Schlingensief („Hundert Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker“) und Romuald Karmakar („Warheads“) teils provokant, teils minimalistisch mit dem Thema umzugehen begannen, errangen nach der Wiedervereinigung Dokumentarfilme wie „Beruf Neonazi“ gebührende Beachtung.
Für die jüngere Zeit konstatiert Kuhlbrodt sozusagen eine Schönschreib-Reform, eine Kalligraphie des Nazismus im neueren deutschen Kino- und Fernsehfilm.
DietrichKuhlbrodt: „Deutsches Filmwunder - Nazis immer besser“. Konkret Literatur Verlag. 200 S., 15 Euro
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