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Nina Hoss Berlinale 2013 Panorama
  Foto: dpa, Sven Hoppe
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Mit "Gold" im Wettbewerb: Nina Hoss – die Königin der Berlinale 2013

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 11.02.2013 - 21:15

Berlin (RP). Nina Hoss ist krank. Vielleicht hat sie vor der Eröffnungsgala der Berlinale zu lange auf dem Roten Teppich in der Kälte gestanden. Jedenfalls liegt sie nun daheim im Bett, sie erschien nicht zur Pressekonferenz ihres neuen Films "Gold", nicht zu dessen Premiere, und alle anderen Termine sagte sie auch ab. Die Königin ist abwesend, und dennoch sprechen alle über sie.

Der Berlinale-Palast ist für Nina Hoss, was für Boris Becker der Center Court in Wimbledon war: ihr Wohnzimmer. Vier Filme hatte sie bereits im Wettbewerb, zweimal saß sie in Jurys, 2007 gewann sie den Silbernen Bären für ihr Spiel in "Yella" von Christian Petzold. Im vergangenen Jahr schüttelten viele den Kopf, weil Hoss nicht noch einmal ausgezeichnet wurde, und wer "Barbara" gesehen hat, diesen wunderbaren Film, wird ebenso wenig Verständnis dafür aufbringen. Die 37-Jährige spielt eine Ärztin in der DDR, die wurde aus Berlin strafversetzt in die Provinz, und nun versucht sie, die Kontrolle über ihr Leben zu behalten, die Aussicht auf Glück zu verteidigen. Jede Bewegung, jeder Gesichtsausdruck stimmt, und man ahnt, dass die äußerliche Härte dieser Frau keine des Herzens ist.

"Nina-Hoss"-Figuren stehen gegen das System auf

Das berühmte Bild von Hoss als Barbara auf dem Fahrrad sollte man hochhalten, wenn jemand fragt, was die Leistung des deutschen Gegenwartskinos ist. Man sollte dem Fragenden sodann das Phänomen der "Nina-Hoss-Figuren" erklären: Sie wollen nicht mitmachen, sie stehen gegen ein System auf, in dem das Kollektiv der Maßstab ist, sie schützen ihre Individualität. Ihr Widerstand ist leise. Es gibt einige Leute, die Nina Hoss für die beste Schauspielerin in Deutschland halten.

Ihre Mutter Heidemarie Rohweder war ebenfalls Schauspielerin, sie gehörte zum Ensemble des Stuttgarter Staatstheaters. Vater Willi Hoss war Betriebsratsvorsitzender bei Daimler, später Bundestagsabgeordneter der Grünen, dann Entwicklungshelfer in Brasilien. Von ihren Eltern, betont Nina Hoss in Interviews, habe sie den Unterschied zwischen Haltung und Zurückhaltung kennengelernt. Sie engagiert sich in Wohltätigkeitsprojekten und gehört der Bundesversammlung an, die den Bundespräsidenten wählt. Hoss besuchte die Ernst-Busch-Schauspielschule, sie war im selben Jahrgang wie die ebenfalls berühmten Kollegen Devid Striesow, Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt und Mark Waschke. Und nachdem Bernd Eichinger sie 1996 für die Rolle der Edelprostituierten Nitribitt in "Das Mädchen Rosemarie" auswählte und bekannt machte, zog sie sich zunächst zurück, um in Ruhe die Abschlussprüfung hinter sich zu bringen. Über ihr Privatleben verrät sie wenig. Nina Hoss ist besonnen, sie weiß ihre Prominenz zu dosieren; sie gibt, was sie geben möchte.

Nun also "Gold", der erste deutsche Beitrag im Wettbewerb der Berlinale. Thomas Arslan hat ihn gedreht. Er wird wie Christian Petzold der Berliner Schule zugerechnet, jener Regisseursgemeinschaft, die sachlich filmt, mit langen Einstellungen und sorgfältigen Arrangements die Wahrheit zu finden sucht. Die Handlung spielt im Jahr 1898 im Nordwesten Kanadas. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe deutscher Auswanderer, sie suchen nach Gold. Der Film ist ambitioniert, aber misslungen, damit passt er gut in die Reihe der bisher präsentierten Wettbewerbsfilme. Das ist Theorie-Kino, Arslan geht es um Gruppendynamik, um gesellschaftliche Prozesse, und deshalb merkt er nicht, wie er seine Geschichte vernachlässigt und von einem Western-Klischee zum anderen tappt: das erschöpfte Pferd, dem man den Gnadenschuss geben muss, der Tritt in die Bärenfalle, die folgende Beinamputation mit Whiskey-Narkose und grober Säge. Bei der Pressevorführung wurde viel gelacht, obwohl "Gold" keine Komödie ist.

Nina Hoss geht unbeschadet aus dieser Produktion hervor. Sie spielt Emily Meyer, eine geheimnisvolle Person, entrückt irgendwie und doch präsent. Das liegt Hoss ja, sich Freiraum zu erkämpfen in einem Konzept mit starken ästhetischen Formvorgaben. Sie ist auf der Leinwand zu sehen, und man denkt: Nun sag doch bitte, was dich beschäftigt. Man stellt sich vor, wie leicht es diese Frau hätte, wenn sie sich ein wenig gehen ließe. Und weil der Zuschauer so denkt, ist er schließlich angetan, angerührt und aufgewühlt, wenn wie in fast jedem Nina-Hoss-Film der Moment kommt, da die Zuneigung stärker ist als alle Unnahbarkeit. Emily Meyer lernt einen Mann kennen, er wird der "Packer" genannt, und wie die beiden einander näher kommen, mag man sich gern ansehen.

Die Würde des Einfachen

Die Figuren, die sich Nina Hoss aussucht, umgibt Einsamkeit, sie lassen keinen zu sich, sie mögen niemandem vertrauen. Christian Petzold, mit dem Hoss bereits fünfmal drehte, sagte über sie, sie schreite durch ihre Filme wie durch ein Exil. Nina Hoss weiß um die Würde des Einfachen. Wie wirkungsvoll sie ist, sieht man vor allem in "Barbara", und man kann es auf dem Theater erleben. Hoss spielt am Deutschen Theater in Berlin, sie stand dort etwa in Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen" auf der Bühne, und der Regisseur Michael Thalheimer inszenierte es als Solo für seine Hauptdarstellerin: Er positionierte Hoss ganz vorne, karges Bühnenbild, sie sprach, und alle hörten zu, litten mit dieser Figur.

Für die Berlinale hatte Hoss sich probenfrei genommen, sie hätte in diesen Tagen nur einmal die Gutsbesitzerin Ranjewskaja in Tschechows "Kirschgarten" geben müssen. Umso trauriger für sie, dass sie nun nicht teilnehmen kann an ihrem Lieblingsfestival. Anwesend ist sie trotzdem.

Quelle: RP/felt
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