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Oscar für "Tödliches Kommando"
Der ganz alltägliche Wahnsinn im Irak

Der große Moment der Kathryn Bigelow
Der große Moment der Kathryn Bigelow FOTO: AFP
Hollywood (RPO). Der wichtigste Oscar des Abends ist zugleich der ungewöhnlichste. Denn das Kriegsdrama "Tödliches Kommando", das von der Jury zum besten Film gekürt wurde, kommt ohne bekannte Stars aus. Auch an den Kinokassen blieb der große Erfolg bisher aus. Ebenso bemerkenswert: Zum ersten Mal setzt sich eine weibliche Regisseurin die Krone der Traumfabrik auf. Der Film wird jetzt im zweiten Anlauf für Furore sorgen. Von Christian Sieben

"Das ist der Moment meines Lebens", jubelt Regisseurin Kathryn Bigelow. Die 59-Jährige schafft an diesem Abend eine Revolution. Denn zum ersten Mal in der über 80-jährigen Geschichte der Academy Awards erhält eine Frau die Auszeichnung für die beste Regie. Der zweite Oscar, den sie sich mit ihren Co-Produzenten für die Kategorie "Bester Film" teilt, wird da fast zum Beiwerk.

Achtungserfolg mit "Gefährliche Brandung"

Bigelow krönt an diesem Abend ihre Karriere, die bereits vor über 30 Jahren mit "The Set-up" ihren Anfang nahm. In Deutschland machte sie sich bisher vor allem durch ihren Kassenerfolg "Gefährliche Brandung" aus dem Jahre 1991 einen Namen. Der Actionfilm über eine Surfer-Gang mit Keanu Reeves und Patrick Swayze in den Hauptrollen überzeugte Kritiker und Kinofreunde.

Knapp 20 Jahre nach diesem Erfolg schnappt die Frau aus Kalifornien jetzt ausgerechnet ihrem Ex-Mann James Cameron den sicher geglaubten Oscar vor der Nase weg. Bigelow und Cameron waren zwischen 1989 und 1991 liiert. Cameron galt mit seinem 3D-Epos "Avatar" als großer Favorit auf einen Oscar für den besten Film. Beachtlich: Bigelow kam mit einem Mini-Budget von 14 Millionen Dollar aus. Camerons "Avatar" verschlang 237 Millionen Dollar reine Produktionskosten.

Leichtsinn, Alkoholexzesse, Schlägereien

"Tödliches Kommando – The Hurt Locker", so der vollständige Name des Dramas, beschreibt die Arbeit eines Bombenräumkommandos im Irak. Im Jahr 2004 erscheint der Krieg zwischenzeitlich beendet. Dennoch detonieren im ganzen Land immer wieder Bomben. Ein US-Räumkommando übernimmt die waghalsige Aufgabe, diese Sprengsätze zu entschärfen.

Der Film veranschaulicht den unvorstellbaren Druck, unter dem die Männer stehen – und wie sie ihn anschließend wieder loswerden: Durch übertriebenes Macho-Gehabe und mörderischen Leichtsinn, Alkoholexzesse und scheinbar grundlose Prügeleien.

Der Film verzichtet dabei auf eine durchgehende Dramaturgie, sondern reiht Episoden aneinander, viele davon eindrucksvoll mit einer Handkamera gedreht. Die verzweifelte Suche nach dem Zünder, das Lauern der Heckenschützen, die nackte Angst in den Augen – davon handelt dieser Film.

Was Arbeit im Irak bedeutet

Bigelow spart sich weitgehend das sonst übliche amerikanische Heldenpathos. Auch eine politische Aufarbeitung der Irak-Kriege gibt es nicht. Hochaktuell und politisch ist "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" dennoch. Veranschaulicht er doch, welche konkreten Konsequenzen politische Entscheidungen für die Menschen vor Ort haben. Was es bedeutet, im Irak zu arbeiten. Was es bedeuten kann, "den Frieden zu sichern". 

"Tödliches Kommando – The Hurt Locker", in dessen Ensemble Ralph Fiennes als einziger in Deutschland bekanntere Schauspieler mitwirkt, lief in Deutschland bereits im August des vergangenen Jahres an. Ein breites Publikum fand er nicht. Nach Angaben von Mediabiz.de sahen den Film bei uns gut 55.000 Filmfreunde im Kino. Nach dem in Kürze zu erwartenden Neustart in den Lichtspielhäusern dürften sich die Zahlen dramatisch ändern.

 
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