Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona": Penelope Cruz reizt auf der Leinwand
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 03.12.2008 - 21:58Düsseldorf (RP). "Vicky Cristina Barcelona", der neue Film des Regisseurs, ist eine charmante Tragikomödie über zwei junge Amerikanerinnen in Barcelona. Herausragend im gut aufgelegten Schauspieler-Ensemble ist Penelope Cruz. Sie spielt die Rolle ihres Lebens.
Das ist einer der magischen Kino-Momente des Jahres. Wie sie den Raum betritt, ihre Nebenbuhlerin sieht, in ihrer Rolle förmlich explodiert, eine Kaskade von Schimpfwörtern ausschickt, die Haare herumschleudert, Gift spuckt, mit den Fingern Löcher in die Luft sticht und von ihrem Ex-Mann im Film nur mit Mühen und unter Handgreiflichkeiten gebändigt werden kann. "Jetzt trinken wir erst mal was", sagt er zur Beruhigung, "was möchtest du?" Und sie sagt: "Wodka!", und dieses Wodka klingt nach Schlange und Skorpion, es klingt wie: dich umbringen und sie auch und vierteilen und teeren und in der Tiefsee versenken – alles in einem Wort.
Penelope Cruz hat von Woody Allen die Rolle ihres Lebens auf den Leib geschrieben bekommen. In der leichtfüßigen Sommer-Tragikomödie "Vicky Cristina Barcelona" spielt sie die Lebensliebe eines promisk lebenden Bohemiens. Es ist ein zartrosa und auf aristokratische Weise langweiliger Film bis zu ihrem Auftritt im letzten Drittel der Produktion. Danach ist er blutrot und ziemlich amüsant.
Nach der in London angesiedelten Trilogie aus "Match Point", "Scoop" und "Cassandras Traum" macht Woody Allen nun einen Ausflug nach Spanien. Zwei junge Amerikanerinnen wollen in Barcelona den Sommer verbringen, vielleicht auch erwachsen werden. Die patente Vicky (Rebecca Hall) steht kurz vor der Hochzeit mit einem fantasielosen Fürsorger von der Wall Street. Die in libidinösen Angelegenheiten eher frei denkende Cristina, deren Rolle Scarlett Johansson als romantische Schlafwandelei anlegt, hat sich mal wieder getrennt und erwartet den nächsten Liebestaumel. Eines Abends treffen die beiden Freundinnen auf den Maler Juan Antonio, und den spielt Oscar-Preisträger Javier Bardem als Verführer der allerfiesesten, aber unwiderstehlichsten Sorte.
Man sieht schon, es ist alles recht absehbar, leichtgewichtig, und ehrlich gesagt weht auch ein Hauch von Alterslüsternheit über die Leinwand. Aber überraschenderweise ist das alles egal, denn "Vicky Cristina Barcelona" ist hochgradig unterhaltsam, eine Sommernachts-Tändelei, seidig glänzend und nostalgisch. Der Trick des Regisseurs: Er lässt einen Erzähler das Geschehen aus dem Off kommentieren. Der ist allwissend, verrät die Gefühle der Protagonistinnen, verdichtet die Spannung, kittet Zeitsprünge und ironisiert die etwas konfuse Dramaturgie. Diese altväterliche Stimme mag zunächst nicht zur lustigen Über-Kreuz-Liebelei vor pittoresker Kulisse passen. Doch gerade das macht ihren Charme aus: Sie verleiht dem Film etwas Unschuldiges, wie in alten Jugendserien.
Vicky und Cristina lassen sich natürlich beide in den mit prallen Federkissen ausstaffierten Irrgarten der Liebe locken. Und dort wartet ein Drache auf sie, Maria Elena alias Penelope Cruz, eine Naturgewalt. Allen hatte sie in "Volver" von Pedro Almodovar gesehen, und er wollte mit ihr drehen, und sie sollte unbedingt auch bei ihm mit zerzaustem Haar auftreten. Die Amerikanerinnen im Film wussten nicht, dass man so lieben kann wie Maria Elena, das fasziniert sie, und ein bisschen von diesem furienhaften Wahnsinn der Leidenschaft wollen sie mitnehmen nach Hause.
Man fragte sich ja zuletzt, ob das sein muss, jedes Jahr ein neuer Woody-Allen-Film. Aber nach den letzten beiden eher mauen Produktionen ist ihm nun wieder ein heiteres Glanzstück gelungen. Das ist zu großen Teilen das Verdienst des Schauspieler-Ensembles, das befreit wirkt und bereit zum Himmelssturm: Penelope Cruz, die immer mehr zu einer Jekyll-und-Hyde-Figur zwischen Audrey Hepburns Rehaugen und Sophia Lorens Aufbrausen wird – mit etwas Beängstigendem, Mordlüsternem darin.
Javier Bardem, im wirklichen Leben der Verlobte von Cruz, der nach seiner Darstellung des ur-bösen Killers in "No Country for old Men" seine Wandlungsfähigkeit und Klasse beweist. Woody Allens derzeitige Muse Scarlett Johansson, die schwerelos zu sein scheint, ein Luftgeist, eine Elfe aus der neuen Welt auf Besuch im alten Europa. Und Rebecca Hall, der Gegenpol, pflichtbewusst und herrlich indigniert schauend, wenn Javier Bardem mit Unterstützung seiner mächtigen Hände von den Freuden der freien Liebe predigt.
Woody Allen war immer eher Geschichtenerzähler als Technik-Enthusiast. Es gibt auch in seiner neuesten Arbeit keine Einstellung, bei der man beeindruckt wäre ob der Fertigkeit oder Originalität. Barcelona bleibt ein Postkartenmotiv. Aber es geht schließlich um Touristinnen, die rauschhaft durch die Stadt irrlichtern und vor emotionalem Geflirre die Wirklichkeit aus dem Blick verlieren. Wer spekulieren möchte, wer die Ideengeber für diese Drehbuch-Idee waren, der landet rasch bei Henry James und dessen eleganten Exilanten-Geschichten. Auch von der Atmosphäre der sehnsüchtigen Texte spanischer Folklore ist viel enthalten. Eines dieser Lieder, "Barcelona" von Giulia y los Tellarini, zieht sich leitmotivisch durch den Film.
In der katalanischen Hauptstadt hat Woody Allen den dunklen Mantel abgelegt, der auf seinen letzten beiden Londoner Filmen lag. Der Ortswechsel tat ihm gut. Aber nun hat er genug von Europa. Seine nächste Produktion hat Allen bereits beendet. Sie spielt wieder in Manhattan. Sie kommt im Sommer ins Kino. Man wird sehen.
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