Ein Film warnt vor Kunststoffen im Alltag: Plastik im Blut
VON PHILIPP STEMPEL UND RAINER KURLEMANN - zuletzt aktualisiert: 25.02.2010 - 20:02Düsseldorf (RPO). Ein Dokumentarfilm zeigt auf irritierende Weise, wie sehr Kunststoffe unseren Lebensalltag durchdrungen haben. Es verrottet nicht, vermüllt die Meere und gelangt am Ende sogar in den menschlichen Körper. Jeder von uns hat Bestandteile von Plastik im Blut.
Die Kunststoffe haben eine seltsame Karriere gemacht – Plastik hat sein negatives Image abgelegt. Wir haben dafür andere Begriffe gefunden, die moderner klingen. Während Kunstfasern früher bestenfalls als Strumpfhosen einen positiven Eindruck hinterließen, erlauben wir der Funktionswäsche auf breiter Fläche gern den Kontakt zur Haut. Die schwere Glasflasche hat gegen ihre leichte Plastik-Schwester längst verloren. Die Transparenz der Flasche selbst werten wir gern als sichtbaren Beweis für Sauberkeit und Hygiene. Gern sind wir dem Irrtum gefolgt, dass Dinge die klar und rein wirken, auch so sind. Unser Gefahrenverständnis ist den Veränderungen der Produkte nicht gefolgt.
Vielleicht war der Film von Werner Boote deshalb längst überfällig. Der Dokumentarfilmer wird gelegentlich auch der Michael Moore Österreichs gerufen. Wer seinen neuen Streifen „Plastic Planet“ gesehen hat, weiß warum. Auf eine recht atemlose und mitunter polemische Art läutet er die Alarmglocken. Sein erklärtes Ziel: Er will aufrütteln und Aufmerksamkeit schaffen, für ein Thema, das fest mit unserem Alltag verknüpft ist. Den weitgehend kritiklosen globalen Verbrauch an Plastik und seine Folgen für Umwelt und Gesundheit.
Er macht auf bedrückende Art deutlich, dass wir längst die Kontrolle über die Auswirkungen unseres Konsumverhaltens verloren haben. Zu unseren Anforderungen an modernes Plastik gehört vor allem die Unverwüstbarkeit und eine exzellente Lebensdauer. Coca-Cola hat dafür mal den Werbeslogan "Unkaputtbar" geprägt.
Unkaputtbar gefährdet Tiere
Jetzt arbeitet sich die Natur an unserer Anforderug ab – und muss feststellen, dass die Industrie das Problem gut gelöst hat. Plastik verrottet nicht. Wenn die Tüten, Verpackungen und Flaschen unsere saubere Gebrauchswelt verlassen haben, sind sie aus dem Sinn. In Deutschland wird Plastikmüll überwiegend verbrannt, korrekt ausgedrückt: thermisch weiterverwertet. Wenn das nicht passiert, bleibt Plastik erhalten – länger als wir uns das vorstellen.
Boote ist für seinen Film rund um die Welt gereist, hat verschiedenste Regionen und ihren Umgang mit Kunststoffen erkundet, mit Experten gesprochen, Plastik-Produzenten und Umweltschützern. Die Fakten, die er zusammenträgt, sind drastisch: Über 300 Millionen Tonnen Plastik spucken Fabriken Jahr für Jahr aus, davon etwa ein Drittel in Form von kurzlebigem Verpackungsmaterial, das wenig später auf dem Müll landet. Die Belastungen für die Umwelt sind eine unmittelbare Folge. In jedem Quadratkilometer der Weltmeere schwimmen 18.000 Plastikteile.
Wir nehmen das kaum wahr – für Tiere bedeutet das die tägliche Lebensgefahr. Sich im Wasser bewegende Tüten werden gern mit Beute verwechselt oder beim Streifzug unabsichtlich aufgenommen. In fast jedem Tierkadaver findet sich Plastik. Die Tiere können direkt verenden oder fühlen sich mit vollem Magen satt.
Boote muss sich Vorwürfe gefallen lassen, er schüre Ängste. „Wenn Sie diesen Film gesehen haben, werden Sie nie wieder aus einer Plastikflasche trinken“, heißt es etwa plakativ in der Werbung für den Doku-Streifen. Der Regisseur weist solche Anschuldigungen aber zurück. Es gehen ihm nur darum, die Leute aufmerksam zu machen.
Nichts geht mehr ohne Plastik
Das gelingt ihm mit diesem Film auf bemerkenswerte Weise. Allein ein kleines Experiment zeigt eindrücklich, wie umfassend das Leben in der industrialisierten Welt bereits von Plastikprodukten geprägt wird. Eine Familie in den USA forderte er auf, sämtliche Plastikgegenstände im Haus zu identifizieren, zu sammeln und im Garten aufzustellen.
Der Foto-Beweis lässt den Betrachter stutzen. Schuhe, Tastaturen, Spielzeug, Möbel, Maschinen, Eimer und, und , und – ein Leben ohne Plastik ist in unserer Welt gar nicht mehr denkbar. Fast alles gibt es in irgendeiner Form auch aus Plastik – oft ist es einfacher zu verwenden, fast immer billiger zu kaufen.
Experten streiten über Gesundheitsrisiken
Neben dem Umweltaspekt nimmt in Bootes Film jedoch ein zweiter Bereich mindestens ebenso großen Raum ein: die Bedrohung für den menschlichen Organismus. Er hat das, was wir alle erleben sehr anschaulich gemacht. Für den Film unterzog sich das gesamte Team einem Bluttest. Ergebnis: Jeder hatte Substanzen, die für die Herstellung von Plastik verwendet werden, im Blutplasma. Boote fokussiert sich auf die Chemikalie Bisphenol A, er hätte auch andere Substanzen nehmen können.
Denn längst ist unser Blut zu einem Speicher unserer Lebensweise geworden. Es gibt zahlreiche fettlösliche Substanzen, die vom Organismus weder ausgeschieden noch abgebaut werden können. Im Jahr 2004 wurde das "dreckige Dutzend" weltweit verboten. Insektizide und Plastikgrundstoffe, die weltweit nachgewiesen wurden – selbst im Blut von Menschen, die nie damit gearbeitet haben. So ist es nur die natürliche Konsequenz, dass auch Plastikgrundstoffe im Blutplasma zu finden sind.
Bisphenol A ist ein wichtiger Vertreter, über dessen Gefährlichkeit schon lange diskutiert wird. Sehr wahrscheinlich ist es, dass der Stoff, die Spermienproduktion verringert, die Entwicklung des Gehirns beeinflusst und Einwirkungen auf das Erbmaterial hat. Offen ist allerdings die Frage, ab welcher Menge im Körper diese Probleme auftauchen. Hunderte Studien versuchen eine Art Grenzwert zu ermitteln, eine feste Antwort darauf gibt es nicht. Und wird es nie geben – denn natürlich lässt sich der Zusammenhang zwischen dem Stoff und den vermuteten Wirkungen beweisfest weder ermitteln noch messen.
Kritiker wie Boote warnen nun vor allzu sorglosem Umgang mit Stoffen, die Bisphenol A enthalten. Es ist nach Angaben des Bundesumweltamtes unter anderem in Trinkgefäßen, Babyflaschen oder sogar Schnullern enthalten. Wenn Bisphenol A nicht fest in den Materialien eingebunden ist, kann er entweichen und in den menschlichen Organismus gelangen. Für den Plastikverwender gibt es keine Möglichkeit das zu erkennen.
Unter Experten ist jedoch umstritten, ob Bisphenol A im Körper schädliche Wirkung entfalten kann. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht kein Risiko für die Gesundheit, solange der Stoff nicht in zu hohen Konzentrationen auftritt. Das Bundesumweltamt zeigt sich skeptischer, ebenso wie Gesundheitsbehörden in den USA und Kanada, die ein Risiko nicht ausschließen wollen. In Kanada sind bisphenolhaltige Babyflaschen inzwischen verboten.
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