Duisburger Filmwoche: Preisgekrönt: Film über Grass-Verleger
VON PETER KLUCKEN - zuletzt aktualisiert: 08.11.2010 - 18:08(RP). Dokumentationen über Behinderte, über Sklavenarbeit und die Kunst des Buchverlegers machten das Rennen bei der Duisburger Filmwoche. Zu sehen waren diesmal 34 ausgewählte dokumentarische Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Der dokumentarische Film, der es vor einigen Jahren noch schwer hatte, ein größeres Publikum zu erreichen, ist mittlerweile Kino- und Fernsehsender-tauglich. So lief jüngst zur besten Sendezeit auf 3sat "How to Make a Book with Steidl", mit dem drei Tage zuvor schon die 34. Duisburger Filmwoche grandios eröffnet wurde. Die eineinhalbstündige Dokumentation der deutschen Filmemacher Jörg Adolph und Gereon Wetzel wurde nun mit dem begehrten Preis des Goethe-Instituts ausgezeichnet. Neben dem Preisgeld (2000 Euro) wird der Film angekauft, mit Untertiteln in mehreren Sprachen versehen und den Goethe-Instituten weltweit für ihre Filmarbeit angeboten.
Grass vollendet "Blechtrommel-Cover"
Der Film, der den Titel einer Insider-Broschüre des außergewöhnlichen Verlegers und Druckers Gerhard Steidl zitiert, zeigt den Protagonisten in seiner Göttinger "Papierhöhle sowie bei seinen Reisen nach Übersee, wo er mit international bekannten Autoren und Fotografen über sublime Gestaltungs- oder auch profane Finanzfragen diskutiert. Ein kleiner Höhepunkt des Films ist die Szene, in der Günter Grass mit dem Pinsel das Titelcover der Wiederauflage seiner "Blechtrommel" vollendet.
Die Dokumentation, die auch das Wohlwollen Steidls gefunden hat (er war Gast in Duisburg), zeigt den Drucker-Verleger bei seiner Arbeit. Die Stärke des Films besteht darin, dass er sich nur darauf beschränkt; denn Steidls Berufsleben ist Filmstoff genug. Ein dazu passender Satz aus der Begründung der Jury lautet: "Mit der gleichen ästhetischen Präzision, die ihren Protagonisten auszeichnet, betreiben auch die beiden Regisseure ihr filmisches Handwerk."
24 dokumentarische Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden in der vergangenen Woche in Duisburg vorgestellt und im Anschluss an die Vorführung im Beisein von Mitgliedern des Filmteams diskutiert. Eine Auswahlkommission hatte wochenlang mehrere Hundert Dokumentationen gesichtet und schließlich unter Leitung von Werner Ruzicka, der seit 1985 für die hohe Qualität des Duisburger Festivals bürgt, jenes Programm erstellt, das in diesem Jahr mit dem Motto "Horizont" versehen wurde. Thematische Vorgaben gibt es bei der Duisburger Filmwoche nicht. Um so bemerkenswerter, dass in diesem Jahr mehrere Filme gezeigt wurden, bei denen Menschen, die an Körper, Seele oder Psyche versehrt sind, im Mittelpunkt stehen.
Naiv-märchenhafter Film
Einer dieser Filme wurde mit dem Arte-Dokumentarfilmpreis (dotiert mit 6000 Euro) ausgezeichnet. "Von der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange" von René Frölke stellt den "geistig behinderten" 33-jährigen Jürgen vor, der bei seinen Pflegeeltern lebt. Jürgen arbeitet als Toilettenmann. Seine große Passion ist jedoch die Malerei. Die "naiven" Bilder gefallen auch Kunstkennern; wohl, weil sie authentisch sind. Der Film gleicht in seinem Aufbau einer komplexen Zeichnung, die nach und nach vollendet wird und bei der man anfangs als Betrachter nicht weiß, wie das fertige Bild aussehen mag. Der Film ist eine Sympathieerklärung an Jürgen, der stets freundlich und offen wirkt und der selber nicht erklären kann, wie er zu seinen Motiven findet.
Das Naiv-Märchenhafte von Jürgens farbigen Filzstift-Werken wirkt so suggestiv, dass René Frölke die Bilder nicht nur fotografiert, sondern sie gelegentlich – wie bei einem Zeichentrick – animiert. Ein schöner Kunstgriff! Weg aus dieser Traumwelt führen dann jedoch die Aussagen der Pflegemutter, die die "geistige Behinderung" von Jürgen immer wieder betont. Als Zuschauer sieht man das so nicht. Die Qualität des Films macht auch diese Form der "Reibung" aus.
"Auf Teufel komm raus" von Mareille Klein und Julie Kreuzer hieß der wohl heikelste Film, der in Duisburg vorgestellt wurde. Es geht um einen Sexualstraftäter, der nach jahrelanger Haft in das Haus seines Bruders zieht. "Auf Teufel komm raus" bekam einen Förderpreis und eine lobende Erwähnung. Ein Beitrag, nach Meinung der Jury verborgene Motive aufgedecke und unbequeme Entscheidungen über Schuld und Bestrafung erkunde. Und: "Vorgefasste Meinungen machen neuen Fragen Platz."
Der 3sat-Dokumentarfilmpreis (6000 Euro) schließlich ging an die österreichische Produktion "Die fünf Himmelsrichtungen" von Fridolin Schönwiese, in dessen Mittelpunkt ein mexikanisches Paar steht, das aus Not in den USA, in der Fremde, sein Glück sucht. Vermutlich vergeblich.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






