Michael Moore bei Venedigs Filmfestspielen: Provokationsfolklore vom Feinsten
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 06.09.2009 - 15:07Venedig (RPO). Ein pausbäckiger Junge schreitet aus der Kirche, selig strahlend, ein stolzer Messdiener. "Als Kind wollte ich Priester werden", kommentiert Michael Moore diese Bilder aus dem Off. Geworden ist er Filmemacher, aber einer, der gern predigt. Das tut er auch in seinem neuen Film "Kapitalismus - eine Liebesgeschichte", der jetzt bei den 66. Filmfestspielen von Venedig seine Premiere erlebte und viel beklatscht wurde.
Einen Skandal hat das Festival durch ihn also nicht bekommen, dafür das zu erwartende filmische Pamphlet.
In gewohnter Weise montiert Moore Spielfilmschnipsel, Interviewbrocken und Szenen, in denen er selbst in Aktion tritt, zu einer Doku-Collage. Diesmal um der Welt vor Augen zu führen, was aus den USA geworden ist: Ein Land, in dem redliche Menschen ihre Häuser, Jobs, Hoffnung verlieren und Sitztstreiks organisieren müssen, um ausstehende Löhne zu bekommen.
Moores These ist: Amerika ist keine Demokratie mehr, weil die Menschen das Wirtschaftssystem, das sie beherrscht, nicht durchschauen. Und weil einige Wenige ihren Einfluss auf höchster politischer Ebene nutzen, um alle Regeln aus dem Weg zu räumen, die sie daran hindern, rücksichtslos reich zu werden.
Doch das ist abstrakt - Michael Moore aber ist ein populärer Filmemacher mit Volksbildungs- und Kassenerfolgsambitionen. Also hält er sich nicht mit Theorie auf, sondern personalisiert, emotionalisiert, erzählt Geschichten. Von den amerikanischen Piloten zum Beispiel, die so wenig verdienen, dass sie nebenher kellnern müssen. Oder von Jugendlichen, die wegen Nichtigkeiten ins Gefängnis kamen, weil das privat betrieben wurde und nur volle Zellen sich rentieren. Oder von Firmen, die Lebensversicherungen auf ihre Mitarbeiter abschließen und Millionen kassieren, wenn die früh versterben. Alles traurig und wahr. Und wenn Moore mit einem Geldtransporter vor die maroden Banken fährt, um das Geld der Bürger zurückzufordern, wird es manchmal sogar ein bisschen komisch.
Leider kommt Moore vor lauter Geschichten allerdings wenig zu den Hintergründen, zum System, das er doch eigentlich attackieren will. Sein Film soll ja unterhalten, also müssen Tränen fließen. Und so sieht der Zuschauer Arbeiter, die um ihren Job weinen, Mittelständler, die um ihr Haus weinen, Kinder, die um ihre verstorbene Mama weinen, deren Lebensversicherung eine Supermarktkette kassierte.
Dabei wird der Film erst richtig spannend, wenn Moore sich einmal hinter die politischen Kulissen wagt und zum Beispiel Senatoren vor die Kamera bekommt, die erzählen, unter welchem Druck sie die Milliarden für die Banken bewilligt haben, wie schnell das gehen musste und wie wenig sie informiert waren. Aber da forscht Moore nicht weiter. Lieber fährt er vor die General-Motors-Zentrale, verlangt den Chef zu sprechen und kann dann filmen, wie überfordertes Wachpersonal rüde seine Kamera wegschiebt. Provokationsfolklore, die Brisanz nur suggeriert.
Moore liefert also wenig Neues zum Thema Kapitalismuskritik, doch es gelingt ihm, offensichtliche Missstände in seinem Land einzufangen und anzuprangern. Und das ist erschreckenderweise so unterhaltsam, wie Moore das beabsichtigt hat. Er liefert Anschauungsmaterial, denken muss der Zuschauer selbst. Besonders klug ist das nicht. Und radikal schon gar nicht.
Ein echter Favorit für den Goldenen Löwen ist in Venedig also noch in Arbeit. Wie so vieles auf dem Lido, der gerade eine Baustelle ist. Auf dem Festspielgelände wird ein neues Riesenkino mit 2400-Mann-Saal errichtet. Damit demonstriert Italien Selbstbewusstsein, schließlich stehen die Festspiele in harter Konkurrenz etwa zum fast zeitgleich stattfindenden Festival in Toronto. Vielleicht wird ein Deutscher bald zum Rang Venedigs beitragen: am Donnerstag geht Fatih Akin mit seinem neuen Film "Soul kitchen" ins Rennen.
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