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Interview mit Stefan Aust: RAF-Chronist rechnet ab

zuletzt aktualisiert: 24.09.2008 - 07:30

Düsseldorf (RP). Der frühere „Spiegel“-Chef Stefan Aust hat das Buch über die RAF geschrieben, das Vorlage ist für Bernd Eichingers Film „Der Baader Meinhof Komplex“. Das Drama kommt morgen ins Kino. Ein Gespräch über Austs Einblicke in die RAF und seine Meinung zum Film.

Auf die Villa von Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust ein Farbbeutel-Anschlag verübt.  Foto: ddp
Auf die Villa von Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust ein Farbbeutel-Anschlag verübt. Foto: ddp

Ihre Arbeit als Spiegel-Chef haben Sie mal als den „schönsten Job der Welt“ bezeichnet. Und was haben Sie heute?

Aust Mein Lebensplan war eigentlich immer: ein gutes Buch schreiben, einen Film machen und Chefredakteur vom Spiegel werden. Das war die Reihenfolge. Nun ist es ein bisschen umgekehrt gekommen. Aber das stört mich nicht weiter.

Und dass Bernd Eichinger Ihr Buch als Vorlage genommen hat…

Aust …ist ein Traum für jeden Journalisten. Man schreibt ein Buch, weil man per Zufall über jede Menge Vorwissen verfügt. Man möchte, dass das Buch den Leser erreicht. Dann wird es plötzlich nicht nur ein Bestseller. Es wird ein Buch, das einem selbst sehr wichtig ist. Und 20 Jahre später verfilmen es die besten Filmemacher der Republik. Was will man mehr?

Sie kannten Ulrike Meinhof aus Ihrer gemeinsamen Arbeit bei der Zeitschrift „konkret“. Haben Sie sie bewundert damals?

Aust Nein, bewundern und verehren trifft nicht den Kern. Ich habe sie geschätzt. Vielleicht auch bewundert für die Art, wie sie geschrieben hat. Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden war, was sie geschrieben hat. Es war eine wirklich beeindruckende Person.

Hätten Sie sie nach ihrem Untertauchen bei sich versteckt?

Aust Kann ich so nicht beantworten, weil ich dazu nicht gekommen bin. Sie hat mich nicht gefragt. Aber es hätte einen einzigen Grund gegeben, sie zu beherbergen.

Und der wäre gewesen?

Aust Sie zu fragen, ob sie und mit ihr die anderen Leute völlig wahnsinnig geworden sind. Denn wohin das führen würde, das konnte man auf den ersten Blick erkennen, am allerersten Tag.

Ab wann waren Sie entsetzt von dem, was sie tat?

Aust In dem Moment, in dem sie in den Untergrund abgetaucht ist. Ich kannte sie ja damals ein wenig und hatte schon recht bald das Gefühl, das sie mit ihrem Beruf der schreibenden Journalistin und Filmemacherin nicht mehr sehr zufrieden war, sondern dass sie etwas ganz anderes wollte.

Wäre sie besser Politikerin geworden?

Aust Auf jeden Fall. Aber sie war zu unruhig, wollte zu viel zu schnell erreichen. Und dann traf sie mit Andreas Baader und besonders mit Gudrun Ensslin definitiv die falschen Leute. Diese Umgebung war zu radikal für sie.

Ihre erste Äußerung nachdem Sie
den Film gesehen haben, war: „Ein Film für die Opfer“.

Aust Stimmt. Dazu stehe ich auch heute noch. Der Film zeigt, was Terrorismus eigentlich ist. Und Terrorismus ist übelstes, gemeinstes inhumanstes Töten von Menschen. Und ich glaube, es ist nötig, dies zu zeigen. Die RAF hat in ihren Papieren immer vom „Primat der Praxis“ geredet. Dahinter verbarg sich nichts anderes als das Töten von Menschen. Das muss man ganz ehrlich sagen. Man muss es ganz deutlich zeigen.

Im Film wird viel gezeigt, die Gewalt ist immer präsent, teilweise sehr drastisch. Aber es wird nicht spekuliert zum Beispiel darüber, wie die Gefangenen in Stammheim damals ums Leben gekommen sind.

Aust Der Film hat eine so starke Realität und bleibt so stark in den Köpfen hängen. Wenn Sie dann etwas zeigen, von dem Sie nicht genau wissen, ob es so gewesen ist oder nicht, dann denkt jeder Zuschauer, es war so. Und wir stellen eine Behauptung auf, die wir nicht beweisen können.

Dass immer noch spekuliert wird, ist ja eigentlich absurd. Gibt es denn noch geheime Akten? Und wenn ja, warum legt man sie nicht offen?

Aust Genau das habe ich auch immer wieder wissen wollen. Für eine Neufassung meines Buches habe ich die Fragen all den Politikern gestellt, die damals mit der Sache zu tun hatten.

Und die Antwort?

Aust War immer dieselbe: Natürlich können Sie alle Akten haben, die Sie wollen. Aber leider sind keine Akten mehr da. Aber dann, vor anderthalb Jahren, sind in einer baden-württembergischen Geheimschutzstelle viereinhalb Meter Akten entdeckt worden. Vor kurzem habe ich 60 Seiten davon gesehen. Die waren allerdings sehr interessant.

Testen Sie Ihr Wissen über den "Deutschen Herbst" in unserem Quiz.

Quelle: RP

 
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