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Ein Kleid von Dior

Die faszinierende Dokumentation "Dior und ich" zeigt den Designer Raf Simons bei der Arbeit an seiner ersten Haute-Couture-Kollektion für das Pariser Modehaus. Er hat nur acht Wochen Zeit. Ein atemloser Film über eine fremde Welt. Von Philipp Holstein

Diese Szene ist unfassbar, zumal der Kerl am Anfang so kühl wirkte, arrogant beinahe. Aber nun sitzt er auf der Dachterrasse des Hauses, in dem gleich seine Modenschau stattfinden wird, und heult und weint und flennt. Unten posieren Sharon Stone und Marion Cotillard für die Fotografen, es herrscht tief dekolletierte Bussi-Bussi-Prosecco-Stimmung, doch oben laufen Raf Simons Tränen der Panik über die Wangen. Es ist der Wahnsinn.

"Dior und ich" heißt diese großartige Dokumentation, die Einblick gewährt in einen eigenen Kosmos, eine Welt, in der irrsinnig viel Geld ausgegeben wird, in der absurd erscheinende Ideen Wirklichkeit werden und das Leben so stark beschleunigt ist, dass man es nur mehr als Rauschen wahrnimmt. Es ist die Welt der Haute Couture. Im Mittelpunkt des Films des Franzosen Frédéric Tcheng steht der Designer Raf Simons. Der Belgier gründete 1995 sein eigenes Label und wurde bald berühmt für seine Herrenmode, für besonders schmal geschnittene dunkle Anzüge. Die Popkultur dient ihm als Inspirationsquelle für seine coolen Entwürfe, vor allem Punk und New Wave, und legendär waren die Pullover, die er mit dem Covermotiv der Joy-Division-Platte "Unknown Pleasures" bedruckte.

Simons wurde 1968 geboren, er steht für Minimalismus, deshalb passte er gut zum Puristen-Label Jil Sander, dessen Chefdesigner er 2005 wurde. Wundern musste man sich indes, als das Pariser Modehaus Dior 2012 überraschend bekanntgab, Simons folge auf den flamboyanten John Galliano, der nach antisemitischen Ausfällen nicht länger tragbar war. Der strenge Schweiger mochte nicht zum verspielten Stil Diors passen, und mit Haute Couture hatte Simons auch noch keine Erfahrung, mit jener Königsdisziplin der Mode also, die pro Kollektion 54 Kleider umfasst, von denen jedes mehrere hundert Stunden Handarbeit in Anspruch nimmt.

FOTO: dpa, sab

Der Film zeigt, wie Simons seinem Team vorgestellt wird, den Näherinnen und Büglern, und man weiß zunächst nicht genau, was man von diesem ungelenk wirkenden Mann halten soll, der ausschließlich Englisch redet und seinen Mitarbeitern nicht in die Augen sehen kann. Aber dann erfährt man, dass Simons nur acht Wochen Zeit hat, seine erste Kollektion zu entwerfen und fertigzustellen. Die Termine standen fest, bevor er gekommen ist, normalerweise bleiben vier bis acht Monate Zeit. Da ahnt man: Er ist beklommen.

Tcheng schneidet gegen die Szenen aus der Gegenwart schwarzweiße Aufnahmen von frühen Modenschauen und lässt Zitate aus dem Buch "Christian Dior et moi" des Unternehmensgründers darüber sprechen. Die Tradition des 1946 gegründeten Unternehmens wird mit der Moderne abgeglichen, und zwischen den Epochen sitzt Simons und sucht den Weg in die Zukunft.

Kinostarts der Woche FOTO: Moviepilot

Überhaupt sitzt er zumeist in diesen pausenlosen acht Wochen, die linke Hand vor dem Mund, eine Cola Light in Reichweite. Simons zeichnet nicht selbst, er sammelt Ideen in Dossiers und lässt seine Zuarbeiter auf dieser Grundlage Kleider entwerfen. Der Zuschauer begleitet ihn in eine Ausstellung mit Bildern von Gerhard Richter. Das bringt ihn auf den Gedanken, Gemälde auf Kleider zu drucken. Er wählt den amerikanischen Künstler Sterling Ruby, der abstrakte Bilder malt, die denen Richters ähneln. Und als man Simons sagt, dass die Zeit nicht reichen werde, die Fäden vor dem Weben einzufärben, wie er es sich wünscht, weil das Motiv dann so schön verschwommen aussieht, wird er zum ersten Mal sauer: "Wir haben bis fünf Minuten vor der Schau Zeit. Also los." Und dann klappt es tatsächlich.

Das Spektakuläre an diesem Film sind die zwischenmenschlichen Choreografien. Das hat etwas vom "Haus am Eaton Place" oder "Downton Abbey": oben die Herrschaften, unten die uniformierten Angestellten, die den Betrieb am Laufen halten. Beide haben ihre je eigenen Probleme, die unter dem immensen Zeitdruck entweder lautlos verschwinden oder explodieren. Und immer, wenn Dior-Chef Sidney Toledano auftaucht, versteht man, dass auch Raf Simons kein freier Mann ist. "Was wird das kosten?", fragt er, als Simons den Ort der Modenschau vollständig mit Millionen von Blüten tapezieren will, womit 50 Leute zwei Tage lang beschäftigt sein werden.

Dokumentationen aus der Modewelt haben derzeit Konjunktur. Man denke an "The September Issue" über die Zeitschrift "Vogue" oder an "The Last Emperor" über Valentino. Natürlich versprechen sich die Häuser davon einen Werbeeffekt. Aber "Dior und ich" ist keine Reklame, sondern ein wahrhaftiges Porträt, ein Glücksfall des Genres. Der stille Held dieses Films ist Pieter Mulier, Vertrauter von Raf Simons, seine rechte Hand. Er vermittelt zwischen Designer und Chef-Näherin, die sich zurückgesetzt fühlt. Er verteilt Streicheleinheiten und sorgt lächelnd für Wärme in jenen Momenten, da die Damen, die sogar an den Nähmaschinen in hochhackigen Schuhen arbeiten, ihre Nerven nur noch mit einem Griff aus der Haribo-Dose beruhigen können.

Das Ende ist fantastisch, eine Maske fällt von Simons Gesicht: Da steht ein Mensch, der weint. Erst aus Angst, dann aus Freude. Die Schau galt als Triumph.

Quelle: RP
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