Reale Ereignisse der 'Rosenstraße'
zuletzt aktualisiert: 15.09.2003 - 09:47Berlin (rpo). Es ist die Geschichte des einzigen öffentlichen Massenprotests gegen die Judendeportation in Nazi-Deutschland: Ende Februar 1943 wurden die noch in Berlin verbliebenen Juden verhaftet und in provisorische Sammellager gebracht, unter anderem in die Rosenstraße.
Trotz Gewaltandrohung der Gestapo ließen sich ihre Angehörigen und Freunde, zumeist Frauen, nicht einschüchtern, demonstrierten und verharrten eine Woche vor dem Lager. Tatsächlich wurden die Inhaftierten - mehr als 1.000 - nach wenigen Tagen wieder frei gelassen.
Weitere 25 Juden, die in das Todeslager Auschwitz deportiert worden waren, wurden zwei Wochen später wieder nach Berlin gebracht. Das Besondere dabei war, dass sie offiziell mit Ausweispapieren versehen entlassen wurden.
Am 27. Februar 1943 lief die von der Gestapo so bezeichnete "Schlussaktion Berliner Juden" (auch: "Fabrik-Aktion") an. Männer der SS-Leibstandarte drangen in die Fabriken ein, um dort arbeitende Juden festzunehmen. Gestapo-Beamte und gewöhnliche Polizisten holten Juden aus ihren Wohnungen oder verhafteten sie auf den Straßen. Nach den Vorstellungen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sollte so das "Judenproblem endgültig gelöst" werden.
Vor allem Juden, die in Rüstungsfabriken arbeiteten oder in "Mischehen" lebten, also mit Nichtjuden verheiratet waren, fielen dieser Aktion zum Opfer. Als sie nicht nach Hause kamen, machten sich ihre Ehepartner Sorgen. Durch Nachfragen bei den Fabriken und der Polizei wussten bald viele, dass ihre Angehörigen in der Rosenstraße, ganz in der Nähe des Alexanderplatzes, inhaftiert waren. Die meisten der Verhafteten waren Männer. Die Mehrheit der Deutschen, die zur Rosenstraße liefen, um Näheres herauszufinden oder Lebensmittel zu bringen, waren also Frauen.
"Gebt uns unsere Männer wieder! Gebt uns unsere Kinder zurück!" riefen erst Hunderte, dann Tausende Frauen vor dem als Lager umfunktionierten Jüdischen Gemeindehaus in der Rosenstraße. Eine Woche hielten sie den Protest Tag und Nacht durch. 600 oder mehr waren zur selben Zeit vor dem Haus versammelt, am Ende hatten Tausende am Protest teilgenommen, über die genaue Zahl herrscht Uneinigkeit.
Nach und nach wurden die Insassen frei gelassen. So löste sich auch die Demonstration langsam auf. Diejenigen, die ihre Verwandten wieder hatten, kamen meist nicht wieder. Später wurden viele der Entlassenen wieder zur Zwangsarbeit eingeteilt. Viele von ihnen überlebten, andere wurden dann aber doch noch deportiert.
"Es blieb verdächtig ruhig rund um die Rosenstraße"
Der amerikanische Historiker Nathan Stoltzfus erklärt den Erfolg des Protests in seinem Buch "Widerstand des Herzens. Der Aufstand der Berliner Frauen in der Rosenstraße - 1943" aus dem unmittelbaren Kontext. Zum Zeitpunkt des Protests sei das Regime kurz nach der Niederlage der Sechsten Armee in Stalingrad und angesichts stark zunehmender Bombardements deutscher Städte durch die Alliierten besonders verwundbar gewesen.
Darüber hinaus sei die Führung auf die weitere Unterstützung der Bevölkerung in dem gerade erklärten "totalen Krieg" angewiesen gewesen. Nach Ansicht des Autors Richard Bessel wurden die Inhaftierten nicht deportiert, weil sich die Nazis vor "öffentlicher Unruhe" gefürchtet hätten.
Warum die Geschichte um die Rosenstraße bislang kaum Beachtung fand, erklärt Nina Schröder in ihrem Buch "Die Frauen der Rosenstraße. Hitlers unbeugsame Gegnerinnen": "Es blieb verdächtig ruhig um die Rosenstraße nicht zuletzt wohl auch deswegen, weil niemand wirklich wahrhaben wollte, was die Frauen dort bewiesen hatten: dass nicht jeder Widerstand unmöglich und von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre."
Vor der "Fabrik-Aktion" lebten nach Angaben Schröders in Berlin noch etwa 27.000 Juden. Überlebt haben den Holocaust rund 8.000, darunter auch jene, die durch den Protest ihrer Angehörigen befreit worden waren und die Zeit bis Kriegsende überstanden.
http://www.rosenstrasse-protest.de/
http://www.rosenstrasse-derfilm.de/
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