Spannender Abschluss: "Requiem" kann sich Hoffnung auf Bären machen
zuletzt aktualisiert: 18.02.2006 - 10:19Berlin (rpo). Der Abschluss der Berlinale erwies sich noch einmal als ein wahrer Höhepunkt. Der vierte deutsche Beitrag, der Film "Requiem" von Regisseur Hans-Christian Schmid, sorgte am Freitagabend für Aufsehen und kann sich berechtigte Hoffnungen auf einen Preis machen.
Die Geschichte um eine junge Frau, die sich von bösen Mächten besessen fühlt und daran zugrunde geht, beruht auf wahren Begebenheiten, weist aber weit über sie hinaus. Schmid und Hauptdarstellerin Sandra Hüller dürfte für ihre Zusammenarbeit mindestens eine Ehrung bei den 56. Internationalen Filmfestspielen Berlin sicher sein.
Die Totenmesse beginnt im Schwäbischen. In einem katholischen Dorf wächst Michaela unter der Führung ihrer strengen Mutter und der Fürsorge des Vaters auf. Die Eltern sind erzkatholisch, Kirche und Gebet prägen die familiäre Identität. Michaela ist zudem Epileptikerin, mit Tabletten wird die Krankheit in Schach gehalten. Als das Mädchen nach Tübingen zum Studieren geht, erfährt sie erste Freiheiten: Sie trinkt, küsst, tanzt.
Doch in der neuen Welt stellen sich bei der jungen Frau bald Wahnvorstellungen ein. Sie hört Stimmen und ist überzeugt, böse Mächte hielten sie von Kruzifix und Rosenkranz fern. Dem Bemühen der Freunde, Michaela in psychiatrische Behandlung zu geben, stehen Eltern und Kirche entgegen. Die hilflose Tochter kehrt in den Schoß der Familie zurück, die einem Exorzismus zustimmt. Am Ende erliegt das Mädchen den körperlichen und seelischen Anstrengungen der Teufelsaustreibung.
Schmids filmische Ausarbeitung des Falls der 1976 in Klingenberg gestorbenen Studentin Anneliese Michel bietet viele Themen an: Es geht um den Zerfall starker Werte- und Glaubenswelten, um Fundamentalismus, um psychoanalytische Zusammenhänge und um die Frage, welchen Aufbruch die westdeutsche Jugend der 70er wagen musste, um der elterlichen Enge zu entfliehen. Um Exorzismus geht es nicht.
Heute müsse man als Filmemacher nicht mehr beweisen, dass Exorzismus kein geeignetes Mittel ist, Besessenheit zu begegnen, sagte Schmid. Deshalb habe er auch den Hollywood-Film "The Exorzist of Emily Rose", der im November 2005 im Kino lief, "nicht besonders gemocht". Ihm sei es vielmehr um die Familienkonstellation gegangen, um die missglückte Abnabelung von den Eltern, um deren Unfähigkeit, der Tochter zu helfen.
Hüller, die zu Beginn des Films noch Mühe zu haben scheint, ihre darstellerische Energie im Zaum zu halten, brilliert am Ende als Heldin zwischen Opfer und Wahnsinn. Den Blick schließlich aufs ewige Licht gerichtet - dem "Lux aeterna" als Abgesang des Requiems - wird Michaela für sich und die Familie am Ende zur Märtyrerin, die "für etwas Gutes, etwas Höheres leidet".
Als Entschuldigung für Fehlverhalten versteht Schmid seinen Film nicht. Er selbst habe ohnehin spätestens seit seinem Austritt aus der Kirche vor 15 Jahren ein distanziertes Verhältnis zum Glauben, sagte er. Aber er habe zeigen wollen, warum und wie Menschen in solchen Lebenskonstellationen reagieren. Das ist ihm mit "Requiem" gelungen.
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