70. Geburtstag: Schlöndorff – der Bürgerliche
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 31.03.2009 - 07:54Köln (RP). Heute feiert der Regisseur Volker Schlöndorff seinen 70. Geburtstag. Mit der Adaption des Grass-Romans "Die Blechtrommel" gewann er den ersten Oscar für einen deutschen Film. Danach lebte und arbeitete er jahrelang in den USA – und ist dort nach eigenen Worten "abgestürzt".
Franoise Sagan, die für ihren Roman "Bonjour Tristesse" ebenso bekannt ist wie für ihre Vorliebe, ihren Jaguar barfüßig zu fahren, zwinkerte Volker Schlöndorff nach der Vorführung der "Blechtrommel" zu. Es war 1979, die Verfilmung des Romans von Günter Grass lief im Wettbewerb der Festspiele in Cannes, und Sagan saß als Präsidentin der Jury vor. Der Hauptpreis, die Goldene Palme, war vorab Francis Ford Coppola zugesichert worden, so raunte man sich damals zu. Der Regisseur brauchte den Erfolg für "Apocalypse now", denn er hatte 50 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen investiert. Umso zerknirschter wirkte Coppola bei der Preisvergabe, als er sich die Palme teilen musste – mit dem Deutschen, der kurz danach auch den Oscar gewann. Die Sagan wird ihren Spaß gehabt haben.
Volker Schlöndorff sitzt 30 Jahre später in einem Hotel in Köln und lacht über diese Episode, ganz milde nur, nicht triumphierend oder gehässig. Man ahnt, was Sagan fasziniert haben muss: diese zerstreute Lässigkeit, die heitere Zugeneigtheit, die ins Deutsche übersetzte Nonchalance. Schlöndorff trägt Polohemd, Jeans und Slipper. Er gießt dem Gast Wasser ins Glas und trinkt selbst den Rest direkt aus der Plastikflasche. Die "Blechtrommel", sagt er, könne er sich wieder und wieder ansehen, sie sei frisch und authentisch geblieben.
Wenn er spricht, schweift sein Blick oft ab; Schlöndorff scheint zu träumen. Vielleicht von Frankreich, wohin der in Wiesbaden geborene Arztsohn Mitte der 50er Jahre ging. Er traf dort den wenige Jahre älteren Regisseur Louis Malle und begleitete die Dreharbeiten zu "Zazie in der Metro" – ohne wirklich gebraucht zu werden. Schlöndorffs Mutter war elend an einer Brandverletzung gestorben, als der Sohn fünf war. Nun buhlte er "mit Hartnäckigkeit" um Aufnahme in eine andere Familie. Und bald war er drin in der Clique, die seinen Charakter geformt hat. Er wurde Regie-Assistent. "Ich, der verklemmte Deutsche, traf auf diese charismatischen jungen Männer, die so wunderbar frech waren. Ich wollte sein wie sie, also trug ich ebenfalls englische Flanellanzüge und Krawatten, und ich wollte auch Filme machen."
Die Helden in Schlöndorffs Regiearbeiten sind Erben von Taugenichts und Woyzeck. Sie rebellieren und scheitern. Aber im Misslingen liegen Schönheit und Stärke und also das Leben. Und das ist größer als alles Gelingen. Wenn man seine Filme sieht, erkennt man nicht gleich die Handschrift des Regisseurs. Schlöndorff hat ein Thema, aber keinen Stil. Er ist an der Gegenwart, am Gesellschaftlichen interessiert. Aber ihm fehlt das Selbstzerstörerische und Radikale seiner Generations-Genossen Fassbinder, Kluge und Schröter.
"Ich wollte eigene Drehbücher verfilmen", sagt Schlöndorff, "aber ich merkte: Dazu habe ich kein Talent." Also adaptierte er literarische Vorlagen: Frischs "Homo Faber" mit Sam Shepard, Prousts "Liebe von Swann" mit Alain Delon, Bölls "Katharina Blum" mit Angela Winkler. Schlöndorff wurde ein bürgerlicher Regisseur, ein Beobachter, der zwischen Leben und Film unterschied und sich, wie er zugibt, dem Anspruch unterwarf, Kunst zu machen. Er selbst fällt Urteile wie "zu ausgedacht" über "Ulzhan – Das vergessene Licht" von 2007 und "ein wenig aufgesetzt" über "Törless" von 1966.
"Ich habe mich nie gehen lassen, erst in meiner Autobiografie habe ich gewagt, ich zu sagen." Das Buch "Licht, Schatten und Bewegung", das er schrieb, nachdem er vom Produzenten der Roman-Verfilmung "Die Päpstin" gefeuert wurde, ist ein Ereignis – charmant und pointiert erzählt. Schlöndorff berichtet über Verfehlungen, Freunde wie Max Frisch, der ihm kurz vor seinem Tod seinen Jaguar schenkte, und Probleme beim Liebesspiel. Diese Arglosigkeit sei das Erbe der Zeit in Frankreich, sagt er und lässt den Blick schweifen. Über seine fünf Jahre in Amerika nach dem Erfolg mit der perfekten "Blechtrommel" schreibt er, er habe dort einen gelungenen Film gedreht: "Tod eines Handlungsreisenden" mit Dustin Hoffman. Ansonsten sei er privat wie beruflich "abgestürzt".
Als Abbruch der Karriere bezeichnet er die Rückkehr nach Berlin. "In den USA war ich ein Versprechen. Hier bin ich der Altmeister." Zwar habe er so seine jetzige Ehefrau kennengelernt und die Tochter aufwachsen sehen. "Aber als Regisseur habe ich den Anschluss verpasst." Warum er so gelassen ist? "Es war eine wunderbare Zeit." Er lächelt, verschränkt die Arme vor der Brust. Wie ein Maler, wenn das Bild fertig ist.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






