"Ein fliehendes Pferd" kommt ins Kino: Sinnsuche am Bodensee
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 20.09.2007 - 15:57Düsseldorf (RP). Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ ist eines der erfolgreichsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur. Jetzt kommt das Beziehungsdrama ins Kino - ein grandioser Film unter anderem mit Katja Riemann und Ulrich Tukur.
Düsseldorf Katja Riemann, Ulrich Tukur und Ulrich Noethen sind eigentlich eine grandiose Fehlbesetzung. Wer die Novelle „Ein fliehendes Pferd“ verfilmen will, kommt doch an Richard Widmark und Doris Day nicht vorbei. So lautete jedenfalls Martin Walsers Traum-Besetzung, als er seine Novelle schrieb und dabei vorsorglich schon mal ans Kino dachte. Das war 1978. Fast Schnee von gestern.
Aber dieser große Zeitraum von der Niederschrift des Buches bis zur aktuellen Neu-Verfilmung lässt erahnen, wie wirkmächtig die Novelle noch immer ist - nach über einer Million verkaufter Exemplare, nach einer Fassung fürs Theater und trotz eines glücklosen ersten Filmversuchs unter der Regie von Peter Beauvais vor 26 Jahren.
Das Thema ist quietschfidel geblieben, ist seltsam zeitlos, vielleicht sogar unbewältigt - diese Geschichte von den beiden Paaren, die beim Bodensee-Urlaub einander begegnen. Walsers Personal: der melancholische, am liebsten dauerhaft inkognito lebende Lehrer Helmut Halm und seine Frau Sabine; sowie der vor Vitalität und Virilität strotzende Schul- und Unifreund von Helmut, Klaus Buch, mit seiner jungen, hübschen Frau Helene als Trophäe im Schrank des fast 50-Jährigen.
Natürlich ist das auch eine Komödie und eine Beziehungsgeschichte, eine Story über unterschiedliche Lebensentwürfe und Weltsichten. In seinem Urtext aber wird „Ein fliehendes Pferd“ zur typisch deutschen Geschichte. In ihr weht der zitierte Pessimimsus Kierkegaards und Nietzsches, in ihr treffen letztlich zwei Prototypen aufeinander: Klaus Buch ist ein Tatenmensch, der große Verführer, ein Don Juan; in Helmut Halm aber wird Faust sichtbar, der dieser Welt bloß reflektierend begegnen möchte, am liebsten ein ferner Zuschauer ist und dies - wenn es möglich ist - ein Leben lang auch bliebe.
Das eigentliche Drama dieser Novelle ist das Ringen beider Kräfte miteinander und schließlich die Verführung des Faust. Das große Finale wird auf dem Wasser ausgetragen - dem Urstoff des Unbewussten -, wenn beide Männer im Segelboot dem Sturm ausgesetzt sind, auf dem mächtig zürnenden Bodensee ums Überleben kämpfen und Klaus Buch in diesem Widerstreit der Geister scheinbar unterliegt.
Starker Tobak. Und so interpretationswillig wie eine Pflichtlektüre für den Deutsch-Leistungskurs. Aber dieses kleine Buch - und mit ihm der eineinhalbstündige Kinofilm - ist obendrein unterhaltsam, oft sehr leicht, immer ein wenig erotisch und an mutigen Stellen frivol. Ein kleines Kammerspiel für vier Personen, dessen Grundton die Ahnung von Sehnsüchten nach einem anderen, vielleicht richtigen Leben ist.
Das Buch ist eine deutsche Innenschau, eine Seelenobduktion - und der neue Film von Rainer Kaufmann ist dessen perfekte Adaption fürs Kino. Wenn Ulrich Noethen (Helmut) wieder mal sein kompliziertes Gesicht auflegt, verzieht sich alles darin zum Spott. Wunderbar Katja Riemann als seine Gattin Sabine, die sich mit ihren Enttäuschungen so lala durch den matten Ehealltag hangelt und jede kleine Aufmerksamkeit dankbar aufsaugt. Ulrich Tukur mit Schnäuz und Sonnenbrille ist ein unglaublicher und umwerfender Zampano, dem mit Petra Schmidt-Schaller als Helene ein wirklich frisches und noch unverbrauchtes Filmgesicht an die Seite gestellt wird.
Also kein Widmark und keine Day. Und doch ist Martin Walser überglücklich, wie er in diesen Tagen der Vorpremieren erklärt. Ein „Traum ist in Erfüllung gegangen“, sagt der sonst deutlich kritikfreudigere Autor. Kurz und gut: „eine vollkommene Entsprechung“. Solches Lob darf in der Regel misstrauisch stimmen, muss aber gar nicht. Denn der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ folgt jetzt eine Verfilmung, die dem Buch nichts von seiner Größe nimmt. Ein Ereignis? Vielleicht. Ein junger Klassiker? Auch dem Film wäre das zu wünschen.
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