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Sprachwandel in der Thriller-Literatur
Krimis im Twitter-Tempo

Ben Affleck in düsterem Thriller "Gone Girl" von David Fincher
Ben Affleck in düsterem Thriller "Gone Girl" von David Fincher FOTO: 20th Century Fox
Düsseldorf. Die großen Krimi-Bestseller "Gone Girl" und "Girl On The Train" verraten viel über unsere Gegenwart. Die Sprache der Thriller klingt wie bei Twitter. Erzählt wird in der ersten Person, und im Mittelpunkt stehen häusliche Probleme. Von Philipp Holstein

Die populäre Kultur reagiert ziemlich schnell auf den veränderten Alltag. In Popsongs, Comics und Filmen finden sich jene Dinge wieder, die uns täglich beschäftigen; das Neue kommt dort schneller an. Insofern funktioniert Popkultur als Spiegel ihrer Zeit, und wer sie ernst nimmt und genau betrachtet, erfährt einiges über die Gegenwart. Sehr gut lässt sich das zurzeit am Krimi nachvollziehen.

In den vergangenen vier Jahren hat sich das Genre verändert. Es begann mit "Gone Girl", dem Welterfolg der Amerikanerin Gillian Flynn. Der Thriller erschien 2012, er gehört mit der "Shades Of Grey"-Trilogie zu den großen Bestsellern des Jahrzehnts, und er brachte einen neuen Ton in die Welt. Krimis werden nicht mehr in der Mehrzahl aus der Sicht männlicher Ermittler erzählt, Heldenfiguren sterben aus, und auch das Erzählen in der dritten Person hat ausgedient.

"Gone Girl" handelt von einem Ehepaar, Nick und Amy. Die beiden erzählen im Wechsel die Geschichte von Amys Verschwinden, jeweils in der ersten Person. Der Leser der erfolgreich verfilmten Geschichte weiß nicht, wem er vertrauen kann, und bald merkt man, dass gar nicht so sehr der Kriminalfall an sich im Mittelpunkt steht. "Gone Girl" handelt vielmehr von den Bedingungen der Beziehung zwischen Mann und Frau, gibt Einsichten in die Psyche seelisch versehrter Zeitgenossen. Der Sound ist cool, die Form clever, und während es bei männlichen Serienhelden wie Jack Reacher von Lee Child weiterhin um Waffen und körperliche Verletzungen geht, wird hier mit Sprache Gewalt ausgeübt. Jede Bemerkung kann eine Klinge sein. Sarkasmus ist das neue Gift.

Paula Hawkins aus England ist der neueste Stern am Thriller-Himmel

Wenn man sich die Krimi-Bestsellerlisten ansieht, findet man dort viele Autorinnen: Karin Slaughter aus den USA, Val McDermid aus Schottland, Tana French aus Irland und Karin Fossum aus Norwegen. Der neueste Star der Szene ist die 42 Jahre alte Paula Hawkins aus England. Ihr weltweit bisher acht Millionen Mal verkauftes Buch "Girl On The Train" macht die Verwandtschaft zu "Gone Girl" bereits im Titel deutlich. Das ist ein raffiniert komponiertes Buch, bei dem es der Leser mit drei Erzählerstimmen zu tun bekommt, und eine ist unzuverlässiger als die andere. Was die Figuren von sich geben, kann man im Grunde gar nicht mehr als Erzählen bezeichnen, es ist eher ein Teilen im Sinne der sozialen Netzwerke: Ich muss was loswerden, meine Sicht der Dinge, vielleicht gefällt sie euch.

Die zentrale Figur ist die 32-jährige Rachel, die jeden Tag im Pendlerzug nach London sitzt und auf das Haus sieht, in dem der Mann, mit dem sie Kinder haben wollte, mit einer neuen Frau lebt. Rachel ist meist angetrunken, und sie beobachtet rätselhafte Vorgänge in der Nachbarschaft. Es soll nicht zu viel verraten werden, aber wer sich nun an Hitchcocks "Fenster zum Hof" erinnert fühlt, liegt richtig.

Die Nachahmer stehen Schlange

"Gone Girl" und "Girl On The Train" haben etliche Nachahmer gefunden. Die Schauplätze sind nicht mehr die Highways oder die dunklen Ecken der Großstadt. Die neuen Verbrechen finden in der Vorstadt statt und im Ehebett, und wenn man "Woman With A Secret" von Sophie Hannah dazu nimmt, auch im Internet. In diesem Buch kann die Hauptfigur nicht mehr zwischen den Rollen unterscheiden, die sie in den sozialen Netzwerken und im echten Leben spielt.

"Domestic Noir" nennt das "Atlantic"-Magazin dieses Phänomen: Das Grauen lauert in der Doppelhaushälfte. Morde und Verbrechen passieren nur mehr beiläufig und werden im Vorübergehen beschrieben. Die Erzählerinnen geben Sätze von sich, die mitunter einschüchternd sind, manchmal anklagend, bisweilen verzweifelt, und was nicht gesagt wird, kann ebenso wichtig sein wie das Ausgesprochene.

Detektiv zu sein, bedeutet, dass man sprachphilosophisch arbeiten muss

Man merkt, dass das Schreiben von Paula Hawkins und noch stärker Sophie Hannah den Stil aufnimmt, der etwa bei Twitter gepflegt wird. Ihre Sätze sind kurz, man kann die Stimmung der Sprecherin heraushören, aber selten die Wahrheit darin erkennen. Diese Sprache führt zum Vertigo-Effekt im Kopf des Lesers, man ist verwirrt, alles dreht sich, und Detektiv zu sein, bedeutet, dass man geradezu sprachphilosophisch arbeiten muss.

Wenn man Krimis tatsächlich als Bestandsaufnahme liest, könnte man sagen, dass diese Bücher zeigen, wie schwierig es ist, der Überinformation Herr zu werden. Sie stellen Fragen: Wem kann man trauen? Warum wird etwas gesagt? Und: Welche Rolle spiele ich dabei? Gesucht wird kein Mörder mehr und auch kein Alibi. Sondern Identität.

Quelle: RP
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