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Gangsterhommage "Public Enemies": Staatsfeind in Nadelstreifen

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 06.08.2009 - 10:39

(RP). In "Public Enemies" schildert Regisseur Michael Mann die letzten Tage im Leben des berüchtigten Bankräubers John Dillinger, der die USA in den 1930er Jahren in Atem hielt. Doch er macht daraus kein psychologisches Drama, sondern einen perfekt gestylten, starren Genrefilm.

 Foto: Universal Pictures
Foto: Universal Pictures

Einmal besucht der berüchtigste Verbrecher Amerikas, der Bankräuber John Dillinger, einen Gangsterkollegen. Der empfängt ihn in einem stickigen Raum, in dem Telefonisten in engen Reihen sitzen und eifrig in Fernsprechrohre plaudern. Triumphierend rechnet der Chef dieses Gauner-Call-Centers der 1930er Jahre dem Bankräuber vor, wie schnell er mit Betrügereien am Telefon Geld macht. Ohne Schießereien, ohne Geiseln, ohne Risiko. Kühne Banküberfälle, Wilder Westen – das war einmal. In der neuen Zeit hat das Verbrechen System.

Fantasie vom letzten Raubzug

"Public Enemies", der neue Film von Regie-Perfektionist Michael Mann, erzählt von einem Verbrecher, der den Zenit seiner Gangsterkarriere gerade überschritten hat. Und das auch schon ahnt. Dabei läuft für John Dillinger anfangs alles noch glatt. Eine Bank nach der anderen räumt er aus und braust in schönen Autos über die nächste Bundesstaatengrenze der Polizei davon. Und weil gerade große Depression herrscht, im Amerika der frühen 30er Jahre, fliegen ihm dafür auch noch die Herzen seiner Landsleute zu. Überfällt Dillinger doch gerade jene Institution, in der viele ihr Vermögen verspekuliert haben. Dazu ist er auch noch ein Gentleman, der seine Anzüge zu wählen weiß und sie auch bei seinen Raubzügen anhat. Und wenn eine Geisel im Schalterraum begehrlich auf ein paar Scheine blickt, schenkt er sie dem armen Kerl und verschont dessen Leben. Ein urbaner Robin Hood, ist dieser Dillinger, der sich als erster seiner Zunft in den USA den Titel "Staatsfeind Nummer 1" einhandelte.

Doch von Anfang an unterwandert Michael Mann dieses Bild des smarten Verbrechers, der glänzend gespielt wird von Johnny Depp, der nun mal unwiderstehlich ist, wenn er den Mund so ein wenig schief zieht, bis ein paar Lachfalten ihn umspielen und dann mit seinen Kohlenaugen spöttisch in die Welt blickt. Zu oft lässt Michael Mann diesen Helden vom letzten Raubzug fantasieren, das Leben danach beschwören, und als er sich dann auch noch ein Mädchen sucht, die großäugige Marion Cotillard, um mit ihr das neue Leben zu teilen, da weiß jeder, dass es mit Dillinger kein gutes Ende nehmen wird.

Man hat mit Spannung gewartet auf diesen neuen Film von Michael Mann, dem Regisseur so stilbildender Filme wie "Heat" oder "Collateral". So ist man zunächst erstaunt, wie klischeehaft er seine Figuren anlegt, wie wenig Widersprüche er ihnen gönnt. Dillinger hat eigentlich keinen Charakterfehler, während die FBI-Leute, die auf ihn angesetzt werden, foltern und Frauen schlagen, um an Informationen zu gelangen, die sie dann doch nicht zu nutzen verstehen. Aber Mann scheint es eben auch nicht um die Psychologie dieser Verbrechergeschichte zu gehen, sondern um die Zeitenwende, vor deren Hintergrund sie spielt. Er schildert Dillingers Untergang als das Sterben des Typus edler Verbrecher, der sein Gewerbe noch mit persönlicher Note betreibt, nicht als Fließbandgaunerei wie der Call-Center-Kollege. Seine Überfälle sind Unikate und Michael Mann gibt sich Mühe, sie so zu choreografieren, dass sie souverän, elegant, sauber wirken. Dieser Regisseur kann das.

Gleichzeitig schildert er das Aufrüsten der Behörde, die den Staat verteidigen will und dafür gegen das Recht, das sich der Staat gegeben hat, verstößt. Doch er macht daraus kein Blut-Schweiß-Verzweiflungsdrama, sondern eine perfekt gestylte Genre-Mixture aus "Bonnie-und-Clyde" und Polizeifilm. Das Ergebnis ist so elegant, so stimmig, so makellos, dass einem ganz kühl ums Herz wird.

"Public Enemies" hat nichts Neues zu sagen zum Fall Dillinger, und Michael Mann erfindet auch den Neo-Noir-Thriller nicht neu. Vielmehr liefert er einen so perfekten Film, eine so glänzende Oberfläche, dass der Zuschauer nicht eintaucht, sondern zum distanzierten Beobachter wird, der weder Dillinger auf den Leim geht, noch sich über den FBI-Karrieristen empört, den Christian Bale spielt, kalt, ehrgeizig. Diesen Stilwillen mag man für eine Schwäche halten, weil er jede Irritation, jede Emphase unterbindet. Wahrscheinlich war es Michael Manns Absicht.

Bewertung: 3 von 5 Sternen

Quelle: RP

 
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