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"The Hateful 8"
Quentin Tarantino nervt

The Hateful Eight
Düsseldorf. Der neue Film von Quentin Tarantino ist eine Enttäuschung. Der 52 Jahre alte Regisseur bietet in "The Hateful 8" den x-ten Aufguss seines Schock 'n' Roll-Slapsticks. Man fragt sich, warum man drei Stunden in dieser Kunstblut-Badeanstalt verbringen soll. Von Philipp Holstein

Man sitzt schon fast drei Stunden im Kino, als man zusehen muss, wie die Frau erhängt wird. Die Schneidezähne wurden ihr ausgeschlagen, über ihr Gesicht läuft Blut, das eigene und auch das ihres Bruders, dem man in den Kopf geschossen hat, als er in ihrer Nähe stand. Stücke seiner Schädeldecke kleben in ihrem langen Haar und auch ein bisschen Hirn. Sie hängt also am Seil von einem Deckenbalken, sie zuckt und zappelt, und dabei baumelt eine Handschelle an ihrem rechten Arm. In der Handschelle steckt noch ein fremder Arm, den hat sie eben vom Leichnam des Mannes geschnitten, an den sie gefesselt gewesen ist. Nach ein paar Minuten bewegt sie sich nicht mehr. Einer der zwei Männer, die sie auf einem Bett liegend beim Sterben beobachtet haben, sagt: "Das war ein schöner Tanz."

"The Hateful 8" heißt der Film, dem die schlimme Szene entnommen ist, er kommt am Donnerst 5 ag in die deutschen Kinos. Es ist ein mit großer Spannung erwarteter Start, denn der Regisseur heißt Quentin Tarantino. Die Produktion spielt im Wilden Westen kurz nach dem Bürgerkrieg, und sie zerfällt formal in zwei Teile, es gibt nur zwei Schauplätze: Kammerspiel. In der ersten Hälfte treffen sich zwei von Samuel L. Jackson und Kurt Russell gespielte Kopfgeldjäger in einer tief verschneiten Landschaft. Der eine hat schwarze Haut, der andere weiße, der eine führt mehrere Leichen mit sich, der andere eine lebende Frau (Jennifer Jason Leigh), und der eine nimmt den anderen in seiner Kutsche mit. Im zweiten Teil haben sie sich vor einem Schneesturm in eine Hütte gerettet, dort warten weitere Männer. Einer der Männer wird vergiftet, und wie Hercule Poirot bei Agatha Christie versucht Samuel L. Jackson herauszufinden, wer der Mörder ist.

Quentin Tarantino ist 52 Jahre alt und gilt als hochbegabt. Sein Kino lebt von der Übertreibung und vom Grenzübertritt, es ist von allem ein bisschen zu viel darin, aus Prinzip "too much". Killer, die eigentlich nur killen sollen, reden stundenlang über Hamburger und Viertelpfünder, und wenn sie endlich killen, erschrickt der Zuschauer, denn er hat bei all dem Filibustern vergessen, dass er es mit Killern zu tun hat. Die ins Absurde gesteigerte Gewalt und die gedehnte Zeit bis zu ihrem Ausbruch sind Markenzeichen Tarantinos. Mit "Pulp Fiction" hat er sie 1994 in die erlesenen Kreise Hollywoods gebracht, er ist längst auf dem Olymp angekommen: Die Tanzszene mit John Travolta und Uma Thurman gehört in jene Bilder-Schatzkammer des Weltkinos, in der auch Marilyn Monroe ihr Kleid über dem Lüftungsschacht flattern lässt. Die Oscars, die Christoph Waltz für seine Auftritte in "Inglourious Basterds" (2009) und "Django Unchained" (2012) bekam, galten auch Tarantino, der Waltz als Hollywood-Star ja überhaupt erst erfunden hat.

So schaut man sich also den neuen Film an. Man hofft auf eine Entwicklung, auf Verblüffendes, aber was man in "The Hateful 8" zu sehen bekommt, ist der x-te Aufguss des Prinzips Tarantino. In der letzten Stunde des Films muss man mit ansehen, wie Männer Blut im rechten Winkel spucken, wie Menschen in die Augen geschossen wird und in den Bauch, wie eine Frau gedemütigt und verprügelt und wie einem Mann in die Hoden gefeuert wird. Einiges davon findet in Zeitlupe statt. Nun wird es Fans geben, die sagen, dass es in diesem Film um Rassismus geht, dass nun mal hart und grausam war, was damals passierte, und Frauen halt auch schlecht behandelt wurden. Hässlichkeit sei hier ein Zeichen der Integrität, heißt es dann. So zu argumentieren bedeutet indes, den Film zu überschätzen; man könnte dann auch behaupten, dass Geheimdienste wirklich so arbeiten wie in "James Bond" und Vampire echt so gut küssen wie in "Twilight". Überhaupt hatte man zuletzt den Eindruck, dass diejenigen, die so viel Gutes aus Tarantinos Filmen herauslesen, klüger sind als die Filme selbst. Bei Tarantino ist im Gegensatz dazu vieles Kulisse, auch die historischen Referenzen, er baut Themenparks für Ballerspiele.

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Dabei gibt es durchaus tolle Momente in diesem Film, der wie einst die Monumentalfilme im Breitwand-Format Ultra Panavision 70 gedreht wurde. Die sehr lange Einstellung am Anfang etwa, in der man eine Kutsche allmählich herankommen sieht und dazu die schöne Musik von Ennio Morricone hört. Oder das Gespräch zwischen den beiden Kopfgeldjägern. Es wirkt wie ein langer Rap, das regelmäßige Klopfen der Räder gibt den Rhythmus vor, die Sprache ist heutig, und Samuel L. Jackson spricht mit einem Flow und einer Energie, die an die Hip-Hop-Aktivisten Public Enemy erinnern. Überhaupt ist es großartig, wie Jackson diesen Typen spielt: intelligent bis zum Wahnsinn, verbindliches Auftreten bis zum Erreichen des Kipp-Punkts, dann zügellos bis ins Letze. Nur: Der Film kann mit so einem vitalen Auftritt überhaupt nichts anfangen, zumal alle andere Figuren bloß Pappkameraden sind.

Tarantino sind schlichtweg die Ideen ausgegangen. Er gefällt sich in eitlen Selbstzitaten, hier besonders augenfällig im Auftritt Tim Roths, der Christoph Waltz in "Django Unchained" nachahmt, wobei Waltz seinerseits damals ja auch bloß sich selbst in "Inglourious Basterds" zitierte. Die Blutorgie gegen Ende ist zum einen ekelhaft und zum anderen nervig, weil die Provokation im inzwischen achten Tarantino-Film schal ist, aufgesetzt wirkt und durch Krass-Sein und Lautstärke vom kraftlosen Rest ablenken soll. Warum muss ich mir diesen manierierten und emotionslosen Schock-'n'-Roll-Slapstick abermals ansehen?, fragt man sich. Die größte Enttäuschung ist indes das Drehbuch an sich. All die lustigen Punchlines führen an kein Ziel, es fehlt an erzählerischer Disziplin. Tarantino versucht sich mit Rückblenden zu retten, einmal muss sogar ein Erzähler aus dem Off Logik herbeireden, aber es hilft nichts, der Inhalt bleibt dünn. Das Skript wurde ohne Tarantinos Willen vor zwei Jahren ins Internet gestellt, worüber der Regisseur sich sehr aufregte und das Projekt beinahe platzen ließ. Er hat zunächst szenische Lesungen mit dem alten Skript veranstaltet, es dann aber umgeschrieben und ein neues Ende versprochen, das alle umhauen würde. Nur: Es kommt nicht, der Film führt ins Nichts, er ist leer, bloße Hülle, und das Verblüffendste daran ist die Tatsache, dass Tarantino das alles überhaupt finanziert bekommen hat.

Das Kino von Tarantino ist zur Pose erstarrt. "The Hateful 8" fällt hinter Erreichtes zurück, Tarantino ist im Kreis gelaufen. Nach 167 Minuten steht er in seiner Kunstblut-Badeanstalt, und er wirkt unter seinem Cowboyhut so ratlos wie ein Kind, das vergessen hat, weshalb es eigentlich so wütend war.

Quelle: RP
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