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"Toni Erdmann"
Eine Frau dreht durch

"Toni Erdmann" von Maren Ade: Eine Frau dreht durch
FOTO: Verleih
Bei den Filmfestspielen in Cannes war "Toni Erdmann" die große Überraschung. Nun kommt der Film der deutschen Regisseurin Maren Ade ins Kino - mit herausragenden Darstellern und der richtigen Mischung aus Dramatik und Humor. Von Aliki Nassoufis

Wie toll wäre es, manchmal jemand anderes zu sein, in eine Rolle zu schlüpfen und Dinge zu tun, die man sich sonst nie trauen würde. Ausbrechen aus den Konventionen und selbst auferlegten Pflichten. Würde das wirklich Freiheiten schaffen? Das beschäftigt die deutsche Regisseurin Maren Ade in ihrem Film "Toni Erdmann". Es ist eine Tragikomödie über einen Vater und dessen entfremdete Tochter - klug, komplex, berührend, wahnsinnig komisch, zurecht gefeiert.

Im Mittelpunkt stehen Winfried und Ines. Er ist ein lebenslustiger Musiklehrer, mit ausgeprägtem Hang zum Scherzen, der sein Spaß-Gebiss immer in der Brusttasche parat hat. Schon die erste Szene mit ihm verdeutlicht seinen schrägen Humor und dass er sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Viel nüchterner sieht dagegen die Welt von Ines aus. Die ist Ende 30 und erfolgreiche Unternehmensberaterin für einen großen Konzern. Sie trimmt andere Unternehmen auf Effizienz. In der von Männern dominierten Welt will sie sich bei einem Projekt in Rumänien beweisen und weiter Karriere machen.

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Dann aber kommt Winfried dazwischen. Sein Hund ist gestorben, und er sucht die Nähe zu seiner ihm fremd gewordenen Tochter. Er reist nach Rumänien, Tochter Ines passt das gar nicht, es kommt zum Eklat, und Winfried zieht scheinbar ab - um schließlich als Toni Erdmann verkleidet zurückzukehren. Schiefe Zähne, zauselige Perücke, Jutebeutel über der Schulter und ein lautes Lachen.

Dieser Toni Erdmann schert sich nicht um die Konventionen der Wirtschaftswelt und hat zu Ines' Überraschung genau damit Erfolg. Vor allem jedoch gelingt dieser überdrehten Kunstfigur, was Winfried als Vater nicht geschafft hatte: Er hält seiner Tochter den Spiegel vor und öffnet ihr die Augen. Er zeigt ihr die Absurditäten und die Leere ihres Lebens.

Das mag banal klingen, ist es bei Maren Ade aber nicht. Der Regisseurin gelingt es stattdessen, die Zuschauer auf über zweieinhalb Stunden immer wieder zu überraschen. Wohin die Geschichte geht, welche Wendungen sie nimmt, das bleibt bis zum Schluss offen. Außerdem beweist die 39-Jährige nach Filmen wie dem Beziehungsdrama "Alle Anderen" einmal mehr ihr Gespür für das richtige Tempo und die ausgewogene Balance zwischen Dramatik und Humor.

So lässt sie ihren Hauptfiguren Zeit, sich bei all ihren unausgesprochenen Konflikten anzuschweigen, nur um wenig später auf präzise pointierte Gags zuzusteuern - selten muss man im Kino bei bedrückenden Erlebnissen so laut lachen wie in "Toni Erdmann". Nebenbei spricht Ade drängende Themen unserer Zeit an wie das Verschmelzen von Beruf und Freizeit, Sexismus am Arbeitsplatz sowie Hierarchien zwischen Ost- und Westeuropa.

Getragen wird "Toni Erdmann" dabei von den beiden herausragenden Hauptdarstellern. Die Deutsche Sandra Hüller und der Österreicher Peter Simonischek, beide profilierte Theaterschauspieler, verkörpern dieses Tochter-Vater-Duo so natürlich, dass man ihnen jede abstruse Verwicklung abnimmt.

Hüller passt perfekt in die Rolle der starken und doch verletzlichen Frau, die dann ausgerechnet zum schmalzigen Whitney-Houston-Song "The Greatest Love of All" ihren Schlüsselmoment erlebt. An ihrer Seite brilliert Simonischek, der in einer Art Doppelrolle als Vater und Toni Erdmann verzweifelt versucht, wieder eine engere Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen.

Bei seiner Weltpremiere im Mai beim Filmfestival Cannes wurde "Toni Erdmann" von internationalen Zuschauern und Kritikern gleichermaßen gefeiert, ging dann aber bei der Preisvergabe leer aus. Das war höchst umstritten. So verdient eine Auszeichnung gewesen wäre - dem Erfolg des Films dürfte das letztlich nicht im Weg stehen. Denn auch wenn die Cannes-Jury damit wenig anfangen konnte: "Toni Erdmann" ist ein Kinojuwel und einer der besten Filme der vergangenen Jahre.

Toni Erdmann, Deutschland, Österreich 2016, Regie: Maren Ade, mit Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, 162 Min.

(dpa)
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