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Kino-Ballade "Tschick"
Der beste Sommer im Leben

Tschick jetzt im Kino - Verfilmung des Romans von Wolfgang Herrndorf
Maik und Tschick machen Urlaub. FOTO: Studiocanal
Düsseldorf. Fatih Akin hat den Bestseller "Tschick" von Wolfgang Herrndorf verfilmt. Entstanden ist eine wehmütige Kino-Ballade über Freundschaft und Erwachsenwerden. Von Philipp Holstein

Freunde sein fühlt sich draußen am besten an. Maik und Tschick stehen unter freiem Himmel, sie sind weit weg von zuhause, und sie haben keine Verpflichtungen, denn es sind ja Ferien. Allerdings bekommen sie langsam Hunger, und da ist es gut, dass Maik vorgesorgt hat. Er holt Tiefkühlpizza aus dem Rücksack, zwei Stück, für jeden eine. Wie er die denn warm machen wolle, fragt Tschick. Aber auch daran hat Maik gedacht. Er hält ein Feuerzeug unter seine Pizza. Dann müssen beide lachen. Die Pizza kommt dennoch zu ihrem Einsatz. Als Frisbee-Scheibe.

Heimweh nach Momenten

Fatih Akin hat "Tschick" verfilmt, Wolfgang Herrndorfs Roman über zwei Freunde, die den Sommer ihres Lebens miteinander teilen. Man bekommt Heimweh, wenn man diesen Film sieht, aber nicht nach einem Ort, sondern nach jenem Moment, in dem man etwas zum ersten Mal erlebt hat. Akin hat schon einige Filme über Freunde gedreht, "Im Juli" zum Beispiel und "Soul Kitchen". Er weiß um die Bedeutung der stillen Gesten, wenn ein Freund den anderen umarmt etwa oder wenn er ihm einfach zunickt mit schmalen Lippen. Er kennt die Variationen von Kumpel-Poesie. Es war also klar, dass er den magischen Kern dieser Romanvorlage erkennen, dass er ihn bergen und schützen würde, auf dass er seinen Film zum Leuchten bringe. "Ich bin ein Langweiler", sagt der vergrübelte Maik. "Ich hab mich mit dir noch nicht gelangweilt", entgegnet Tschick.

Trailer: "Tschick"

"Tschick" wurde zwei Millionen Mal verkauft

"Tschick" erschien 2010. Das Buch, das sich inzwischen mehr als zwei Millionen Mal verkauft hat und längst Schullektüre ist, gehört einem Genre an, das die Engländer und Amerikaner "Coming Of Age" nennen. Im Deutschen gibt es bloß den akademischen Begriff "Entwicklungsroman". Es geht darin um das Erwachsenwerden; das sind Texte, die vom Transit erzählen, von der Schwellenexistenz. Es geht um 13- und 14-Jährige, die spüren, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. Sie erkennen, dass auch Eltern und Lehrer Schwächen haben und nicht im Besitz der absoluten Wahrheit sind. Sie erkennen, dass Erwachsene weniger wissen als geglaubt, und dass sie weniger Probleme lösen können als erhofft. Die Philosophin Susan Neiman hat über die seltsame Mischung aus Enttäuschung und Hochgefühl ein Buch geschrieben. In "Warum erwachsen werden?" charakterisiert sie diesen Augenblick als Wechsel von grenzenlosem Vertrauen zu grenzenlosem Misstrauen.

Eichendorffs "Taugenichts" gehört der Familie dieser Helden an. Kellers "Grüner Heinrich" ist einer von ihnen, Holden Caulfield aus Salingers "Fänger im Roggen" natürlich, Scout aus "Wer die Nachtigall stört" von Harper Lee und Tom Sawyer und Huckleberry Finn von Mark Twain. Wolfgang Herrndorf hat das Wunder vollbracht, die alte Geschichte für unsere Zeit neu zu erzählen: Maik hat gerade die siebte Klasse beendet, er lebt in Berlin-Marzahn, und die Mutter ist auf der "Schönheitsfarm", so lautet das Codewort für Alkoholentzug. Der Vater ist zu einem "Geschäftstermin", so nennen sie es, wenn er mit jungen Frauen verreist. Maik ist zwei Wochen alleine, er ist unglücklich verliebt in Tatjana, das schönste Mädchen der Welt. Und dann steht Tschick, der neue Mitschüler aus den unendlichen Weiten Russlands, vor der Tür. Er hat einen Lada gestohlen, und er sagt: "Steig ein."

Tschick

Herrndorf hat einen Ton gefunden, der ohne Ironie auskommt, der echt ist, heiter und melancholisch zugleich. Herrndorf nimmt seine Figuren ernst, er nimmt diejenigen ernst, die seine Figuren lieben, und er befreit die Handlung zwar nicht vom Gegenwartsbezug, aber doch von allen Moden und erhöht damit ihre Gültigkeit. Fatih Akin hat das erkannt. Besonders schön sind bei ihm denn auch die feinen, ruhigen Momente. Da finden die Jungs im Auto eine Kassette von Richard Clayderman. Sie legen sie ein, es erklingt "Ballade Pour Adeline", und der Wagen schwebt durch den Bodennebel der brandenburgischen Walachei. Das bin ja ich, denkt man da, und obwohl man genau das nie erlebt hat, erinnert man sich an Situationen, die sich ebenso angefühlt haben.

Erwachsenwerden ist eher eine Frage des Mutes als des Wissens

Herrndorf und Akin sind zu der Erkenntnis gekommen, dass Erwachsenwerden eher eine Frage des Mutes als des Wissens ist. Man muss Mut haben, um mit dem Riss leben zu können, der unsere Leben als Erwachsene durchzieht. "Ideale der Vernunft sagen uns, wie die Welt sein sollte, die Erfahrung sagt uns, dass sie selten so ist", schreibt Susan Neiman. "Erwachsenwerden verlangt, sich der Kluft zwischen beidem zu stellen, ohne eines davon aufzugeben." Eine der großartigsten Szenen ist die, in der Tschick das Bild entdeckt, das Maik von Tatjana gezeichnet hat. Es hat einen Riss, weil Maik es zerstören wollte, als er nicht zu Tatjanas Geburtstag eingeladen wurde. "Du hast ja Gefühle", sagt Tschick. Und dann fahren sie zur Geburtstagsparty, und Tschick fordert Maik auf, Tatjana das Bild zu überreichen. Fatih Akin, der Buddy-Poet, lässt Maik zu Tatjana schweben, in Zeitlupe, und alle anderen und alles andere sind in diesem Augenblick egal.

Wer sich auf die Welt einstellen soll, muss etwas von ihr gesehen haben. Das ist der Grund, warum die Helden aus Coming-Of-Age-Romanen meist auf Wanderschaft gehen. Odyssee. Grand Tour. Der lange Lauf zu sich selbst. Die Reise bietet die Möglichkeit zu staunen, Hingabe zu erproben und zu lernen, wie man seinen Idealen näherkommt. Da sieht man also Maik, Schnäuzerflaum liegt auf seiner Oberlippe, und Tschick hat ihm gerade erzählt, dass er sich aus Mädchen nichts macht, weil er Jungs besser findet. Fatih Akin zeigt Maik in Großaufnahme, und er lässt ihn aus dem Off sprechen: "In diesem Moment wünschte ich, ich wäre schwul. Es wäre die Lösung aller Probleme."

Alle Urlaube, die man als Erwachsener macht, sind ein Abglanz der ersten Ferien

Die Figuren des Films sind gut besetzt, Anand Batbileg als Tschick ist großartig, er krempelt eine Schachtel Zigaretten in den Ärmel seines T-Shirts und hält der Ordnung der Welt lässig und stoisch sein Anderssein entgegen. Einmal zündet er sich eine Kippe an und springt mit der brennenden Zigarette im Mund in einen See. Tristan Göbel als Maik passt gut an seine Seite, und die Ur-Szene dieser Freundschaft ist der Dialog nach der ersten Spritztour im Lada. Maik: "Sehen wir uns morgen? Tschick: "Okay, ich kann um 10." Maik: "Und wenn wir einfach weiterfahren?" Dann fahren sie tatsächlich weiter, und man begreift, dass alle Urlaube, die man als Erwachsener macht, ein Abglanz der ersten Ferien sind, dass man in allen Neuauflagen stets das erste Mal sucht, und dass die Zeit, die auf der Leinwand ins Bild gesetzt wird, jene ist, die uns charakterisiert, zu Persönlichkeiten macht. Sie ist der Grund von allem.

Wolfgang Herrndorf war bereits todkrank, als "Tschick" erschien. Er litt an einem Hirntumor, er führte über sein Sterben Tagebuch im Internet, und er nahm sich am 26. August 2013 am Ufer des Berliner Hohenzollernkanals das Leben. Er rang der Krankheit zwei weitere Bücher ab, und eines davon nimmt auf "Tschick" Bezug. In "Bilder deiner großen Liebe" (posthum 2014 erschienen) erzählt er von Isa, dem Mädchen, das Maik und Tschick auf einer Müllhalde treffen. Isa ist etwas Besonderes, das weiß natürlich auch Fatih Akin. Bei ihm ist Isa eine Mischung aus roter Zora und George aus den "Fünf Freunden", eine Sehnsuchtsfigur, die alles Müssen und Sollen einer Revision unterzieht. Sie fahren ein Stück des Weges zu dritt, Isa lockt mit Abgründigkeit, Maik darf sie küssen, aber dann ist sie fort. Isa ist ein Luftgeist, sie duftet und spricht, aber sie ist nicht zu fassen. Sie ist das Gespenst der Jugend, die Schutzpatronin des ersten Mals.

Erwachsenwerden geht in den meisten Coming-Of-Age-Texten einher mit dem Gefühl, betrogen worden zu sein. Simone de Beauvoir hat einmal all das Umwerfende aufgezählt, das sie in ihrem Leben erfahren, gesehen und gefühlt hat. Und doch, schreibt sie, sei all das eine Enttäuschung gegen die Verheißung, die sie einst als junges Mädchen gespürt habe, "als ich diese Goldmine zu meinen Füßen betrachtete, ein ganzes Leben, das vor mir lag". Isa ist die Versicherung dagegen, dass die Realität Grenzen hat, dass dereinst alle Geheimnisse enthüllt werden. Sie verabredet mit Maik und Tschick, dass sie einander in genau 50 Jahren wiedersehen. Sicher wird Isa versuchen, bis dahin die Luft anzuhalten.

In dem Film "Der Zauberer von Oz", der sozusagen die psychedelische Variante einer Coming-Of-Age-Geschichte ist, gibt es eine schöne Stelle, die ins Bild bringt, wie man sich am Ende von "Tschick" fühlt. Dorothy sagt da dieses: "Aber es war kein Traum, es war ein Ort. Und du und du und du warst da. Aber du konntest nicht dort gewesen sein, oder? Das war ein wirklicher, wirklich existierender Ort. Und ich erinnere mich daran, dass nicht alles dort sehr schön war, aber das meiste war wunderbar."

Quelle: RP
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