Interview: Ulrich Mühe über Oscar-Chancen
VON SEBASTIAN PETERS - zuletzt aktualisiert: 23.02.2007 - 09:26Berlin (RP). Das Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck ist heißer Kandidat auf einen Oscar für den besten ausländischen Film. Ulrich Mühe (53) spielt im Film grandios den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler. Dafür wurde er mit dem Europäischen und Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. In der Nacht vor der Abreise nach Los Angeles zu den Oscars sprachen wir mit dem Schauspieler.
Herr Mühe, wie bereiten Sie sich auf die Oscarverleihung vor? Das könnte der Abend Ihres Lebens werden.
Mühe: Ich bin gerade dabei, die Koffer zu packen. Ich habe lange gerätselt, was ich anziehen werde. Vor ein paar Stunden favorisierte ich noch weißes Oberhemd und Fliege. Aber damit sah ich aus wie ein Oberkellner. Jetzt habe ich mich für ein schwarzes Hemd und schwarze Fliege entschieden.
Was macht Ulrich Mühe für den Fall der Fälle, dass er in der Nacht von Sonntag auf Montag auf die Bühne gerufen wird, weil „Das Leben der Anderen“ einen Oscar gewinnt?
Mühe: Alle fünf nominierten Beiträge sind tolle Filme. Die Chancen stehen also eins zu fünf. Bei mir sind es aber im Moment gefühlte eins zu 100. Ich bin dennoch nicht der Mensch, der in so einen Abend unvorbereitet hineingeht. Natürlich habe ich mir ein paar Worte zurechtgelegt. Man muss auch vorsichtig sein. Ich habe schon erlebt, dass ich im Publikum saß, wartete und nicht aufgerufen wurde. Das ist ein sehr bescheidenes Gefühl.
„Das Leben der Anderen“ befasst sich 16 Jahre nach der deutschen Einheit mit der Geschichte der DDR. Glauben Sie, dass erst die Ostalgiewelle im Film einsetzen musste, ehe Platz für eine solch beklemmende Auseinandersetzung mit dem Stasi-Stoff war?
Mühe: Geschichte dauert. Von daher kann es schon möglich sein, dass erst die eine Art von filmischer Aufarbeitung nötig war, um unseren Film möglich zu machen. Insofern hat vielleicht erst die Ostalgie-Welle unserem Film den Weg geebnet.
Der Film ist auf dem Weg zu einem Welterfolg. In Amerika ist er schon ein Kassenknüller. Warum der Erfolg dieses Films in Übersee?
Mühe: Die Amerikaner kennen diesen Satz von Reagan: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall“ („Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder“). Jetzt sehen sie plötzlich, was wirklich hinter dieser Mauer geschah. Es ist spannend zu beobachten, wie amerikanische Intellektuelle diesen Film auf ihre politische Lage im Bush-Regime projizieren, den Patriot Act mit der Unfreiheit der Wahl in der DDR gleichsetzen. Ich kann aber den Amerikanern nur sagen: Ihr habt immerhin noch die Freiheit der Wahl.
Sie lebten früher in der DDR, und Sie waren dort Grenzsoldat an der Berliner Mauer. Ist dieser Film eigentlich auch als eine Abrechnung mit Ihrer eigenen Lebensgeschichte zu verstehen?
Mühe: Das ist lange her, die Zeit ist in unguter Erinnerung. Manchmal wird man wieder zurückgeworfen. Von einer Abrechnung möchte ich dennoch nicht sprechen.
Bemerken Sie, dass die Popularität dieses Films Ihre Rolle als Schauspieler verändert hat?
Mühe: Ich werde anders wahrgenommen. In der Wirkung ist dies sicherlich der gigantischste meiner Filme. Ich habe aber auch in vielen Kinofilmen mitgewirkt, die keine Kassenknüller waren, die kein Massenpublikum zogen. Auch dafür habe ich ein Faible. Ein paar tolle Filme will ich noch gerne machen. Ich gebe mir Mühe.
Empfinden Sie die Oscar-Nominierung als den Höhepunkt in Ihrem Berufsleben?
Mühe: Wir haben uns riesig gefreut. Das allein war schon ein Traum. Alles, was jetzt kommt, ist ein schöner Zusatz. Die Oscars waren aber nie ein Ziel. Weil man weiß, dass es selten wirklich dazu kommt.
Etliche Oscar-dekorierte Schauspieler wurden bei der Nominierung von ihren Emotionen überwältigt. Wie würde Ulrich Mühe dort oben reagieren?
Mühe: Keine Ahnung. Ich lasse es einfach über mich kommen.
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