Filmfestspiele in Venedig 2004: Umjubelt: "Mysterious Skin" von Gregg Araki
VON DÖRTE LANGWALD - zuletzt aktualisiert: 03.09.2004 - 19:54Venedig (rpo). Die Filmfestspiele am Lido laufen zwar erst seit drei Tagen, dennoch wurde das kleine Meisterwerk von Jungfilmer Gregg Araki („Nowhere“) bereits als bester Festivalbeitrag gefeiert. Araki, der als Enfant terrible der US-Filmszene gilt, kam mit seinen jugendlichen Hauptdarstellern Joseph Gordon-Levitt („10 Dinge, die ich an dir hasse“) und Brad Corbet nach Venedig.
Großer Beifall für einen kleinen Independent-Film – Gregg Araki, selbsternannter „Guerilla-Filmer“, zeigte sich überwältigt. „Es war eine extreme Herausforderung, diesen Film zu realisieren. Die Zustimmung hier in Venedig bedeutet mir deshalb sehr viel. Es ist ein Riesengeschenk“, sagte der Regisseur. Seine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Scott Heim erzählt die berührende Geschichte von zwei ungleichen Jungen, die durch mysteriöse Ereignisse in ihrer Kindheit zusammen geführt werden.
Der schüchterne Brian (Brad Corbet) wächst wohl behütet bei seiner Mutter auf. Ein unauffälliger Teenager, dessen einzige Extravaganz seine Vorliebe für Außerirdische ist. Insgeheim glaubt Brian, als kleiner Junge von Aliens entführt worden zu sein. Als er fünf Jahre alt war, wachte er eines Tages mit blutender Nase im Keller seines Elternhauses auf – ohne zu wissen, wo er die vergangenen fünf Stunden verbracht hat. Seither versucht Brian, den Grund für diesen rätselhaften Vorfall herauszufinden. Der homosexuelle Neil (Joseph Gordon-Levitt) ist ein charismatischer Einzelgänger, der von seinen Freunden und Freiern angebetet wird. Mit seiner Mutter (Elizabeth Shue) wohnt er in bescheidenen Verhältnissen und frischt sein Taschengeld durch Gelegenheitssex mit Fremden auf. Seine Jungfräulichkeit hat Neil bereits als kleiner Junge verloren, als er von seinem Baseballtrainer missbraucht wurde. Ein traumatisches Erlebnis, das ihn eines Tages mit Brian auf wundersame Weise zusammenführen wird.
Araki erzählt die aufwühlende Geschichte über zwei heranwachsende Männer, die sich unweigerlich mit ihrer Verangenheit auseinander setzen müssen, zwischen kindlichen Rückblenden und einer Gegenwart, die im spießbürgerlichen Kansas der Neunziger angesiedelt ist. Ein provokantes und zugleich hoch poetisches Werk. Araki bedient sich einer intensiven Bildsprache, die zwischen brachialer Ehrlichkeit und zärtlicher Ironie Kindesmissbrauch und Homosexualität im Saubermann-Amerika des stinknormalen Durchschnittsbürgers zeigt. Liegt es an der Thematik, dass Arakis Film in den USA noch keine Distributionsfirma hat? Araki: „Der Stoff ist sicher dunkel und schwer zu konsumieren, dennoch hat er auch eine universelle Seite, mit der sich jeder Zuschauer identifizieren kann, nämlich die der Kindheit. "Ich wünsche mir sehr, dass mein Film in den USA gezeigt wird, weil er etwas Essentielles über dieses Land aussagt. Kindesmissbrauch und Vergewaltigung passieren in den USA – wie auch woanders – jederzeit und in jeder sozialen Schicht. Die Geschichte, die ich erzähle, ist allgemeingültig – auch wenn ich sie auf ungewöhnliche Weise inszeniert habe“.
Hauptdarsteller Brad Corbet ergänzt: „Ich denke, dass gerade jener Teil der US-Bevölkerung, der im Film gezeigt wird, sich dieses Werk nicht anschauen wird. Wahrscheinlich wird er in den Kleinstädten von Kansas gar nicht gezeigt werden, sondern eher in großen Städten und auf Festivals. Es war sehr mutig von Greg, diesen Stoff zu verfilmen, und die schrecklichen Ereignisse aus der Perspektive kleiner Kinder zu erzählen“. Auch Joseph Gordon-Levitt ist für den Regisseur voll des Lobes: „Ich habe noch nie mit einem derart präzisen und professionellen Regisseur zusammen gearbeitet. Schon bei den Proben hatte Greg jedes einzelne Bild im Kopf. Er war beeindruckend gut vorbereitet“.
Die schauspielerische Leistung beider Jungdarsteller ist brillant. Vor allem Gordon-Levitt strahlt enormes Charisma in der Rolle des verführerischen Rebellen Neil aus. „Ich bin Greg sehr dankbar dafür, dass er mir diesen Part angeboten hat. Zum ersten Mal durfte ich auf der Leinwand sexy aussehen. Ich erkenne mich selbst kaum wieder. So cool wie Neil wäre ich gerne im wirklichen Leben“, lacht er.
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