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Regisseur Uwe Boll
"Je blöder meine Filme waren, desto mehr Geld habe ich damit verdient"

Uwe Boll - der angeblich schlechteste Regisseur der Welt könnte zurückkehren
Uwe Boll hat als Regisseur mehr Geld als Ruhm gesammelt. FOTO: Katie Yu
Düsseldorf. Zwei Jahrzehnte wollte Uwe Boll die Welt davon überzeugen, ein guter Filmemacher zu sein, doch bis heute gilt er als schlechtester Regisseur aller Zeiten. Wie geht es ihm ein Jahr nach dem Ende seiner Karriere? Von Sebastian Dalkowski

32 Mal hat Uwe Boll sich das angetan. Er gegen den Rest der Welt. Er machte einen Film, und im besten Fall wurde er ignoriert, im schlechtesten völlig verrissen. Er hat Videospiele ins Kino gebracht, einen Film über Auschwitz gemacht, Max Schmeling, Darfur, Amokläufe, noch mehr Amokläufe, doch den Ruf, der schlechteste Regisseur der Welt zu sein, wurde er nicht mehr los. Als dann auch noch die Einnahmen zurückgingen, beendete er 2016 seine Filmkarriere.

In seiner Autobiografie "Ihr könnt mich mal" erzählt der 52-Jährige nun, ohne sich noch andere zu schonen, die Geschichte vom Spätzünder aus Burscheid, der Deutschland verließ, um es in Hollywood zu schaffen. Immerhin landete er in Kanada, drehte Filme, die er zunächst mit deutschen Medienfonds finanzierte und später mit seinem eigenen Geld. In seinem Buch schreibt er: "So war es irgendwie immer: Ich gegen alle. Wenn ich nicht selbst eine Realität herstelle, passiert es nicht."

Journalisten haben Sie den schlechtesten Regisseur der Welt genannt und den meistgehassten. Sind Sie nicht in Wahrheit der wütendste?

Uwe Boll Es stimmt, dass ich mich in meinen Filmen über bestimmte Zustände in der Welt aufrege und das sehr drastisch zeige. Der zweite Grund für meine Wut ist, dass ich von Anfang an gegen den Widerstand einer korrumpierten Branche kämpfen musste, um überhaupt Filme machen zu können. Das hat mich zwei Jahrzehnte meines Lebens beschäftigt, aber auch vorangetrieben. Nach dem Motto: Jetzt erst recht!

Ich wundere mich, dass Sie bei all Ihrer Wut weder sich noch anderen etwas angetan haben. Abgesehen davon, dass Sie mal Ihre größten Kritiker im Boxring vermöbelt haben.

Boll Dafür ging es mir nie schlecht genug. Obwohl es manche Leute verdient gehabt hätten, einen drauf zu bekommen, weil sie nicht bestraft worden sind. Ich hatte aber auch nie Lust, angezeigt zu werden. Gewalttäter zu werden, steckt einfach nicht in mir.

Bereits in Ihrer Jugend haben Sie wenig Anerkennung erhalten. Sie waren ein klassischer Spätzünder.

Boll Alles war immer Arbeit. Ich bin nicht von selbst kräftig geworden, dafür musste ich viel trainieren. Auch in der Filmbranche ist nie jemand auf mich zugekommen und hat gesagt: Lass mich dein Produzent sein. Es war ein einziger Alleingang.

In Ihrem Buch machen Sie den Eindruck, dass selbst Sie sich in Ihrer Jugend die Anerkennung verweigert haben.

Boll Ich war keine Frohnatur und bin immer vom Worst Case ausgegangen. Damals habe ich Camus und Sartre gelesen. Auch meine Filme sind eher düster geworden. Ich bin ein Freund von gebrochenen Helden. Aber Leute, die mich kennen, empfinden mich als umgänglichen Typen.

Wann waren Sie denn selbst überzeugt, ein guter Regisseur zu sein?

Boll Nach dem Film "Heart Of America", in dem ich mich mit dem Littleton-Massaker beschäftigt habe. Das war der erste Film, mit dem ich so richtig zufrieden war. Umso schlimmer, dass er weder zur Kenntnis genommen wurde, noch Umsätze gemacht hat. Wenn ich damit Erfolg gehabt hätte, hätte ich vielleicht gar keine Videospiele verfilmt.

Die folgenden Filme wie "House Of The Dead" und "Alone in The Dark" haben Ihnen Ihren schlechten Ruf eingebracht. Bereuen Sie, diesen Weg eingeschlagen zu haben?

Boll Das war alternativlos, wie Frau Merkel immer sagt. Ich wollte mit diesen Filmen Kapital einsammeln, um später die Filme zu machen, die ich machen wollte. Noch ein erfolgloser Arthaus-Film und mir hätte niemand mehr Geld gegeben. Das wäre mein Ende als Regisseur gewesen. Gleich der erste, "House Of The Dead", lief dann finanziell sehr gut. Deshalb habe ich mit solchen Filmen weitergemacht. Wäre "House Of The Dead" gefloppt, hätte ich die Sache viel früher beendet.

Haben Sie diese Filme mit Übelkeit gedreht?

Boll Nein, Filme zu drehen, hat mir immer Spaß gemacht. Das waren technisch sehr anspruchsvolle Filme, auch wenn die Drehbücher schlecht waren. Und bei "Alone in The Dark" habe ich mit richtigen Stars zusammengearbeitet wie Christian Slater. Das war was anderes als Jürgen Prochnow. Diese Filme habe ich gemacht, weil sie sich gut verkauft haben. Mein Lebensinhalt waren sie nie. Videospiele haben mich nie interessiert. Es war ein Trauerspiel: Je blöder meine Filme waren, desto mehr Geld habe ich damit verdient.

Das muss Sie doch zum Zyniker gemacht haben.

Boll So war es auch. Sie müssen sich mal vorstellen, wie wir unsere Filme auf den internationalen Filmmärkten verkauft haben. Da kommen die Käufer im 20-Minuten-Rhythmus, um sich drei Trailer anzusehen. Die meisten sind Männer zwischen 30 und 50. Da verkaufen Sie einen Film mit Action, Knallerei und einem guten Poster.

Da passt es gut, dass Sie Ihre frühen Streifen über deutsche Medienfonds finanziert haben. In die haben keine Filmfans investiert, sondern deutsche Zahnärzte, die Steuern sparen wollten.

Boll Immerhin war ich dadurch frei. Mir saß nie ein Harvey Weinstein im Nacken. Ich war immer mein eigener Produzent.

Irgendwann hatten Sie genug von den Verrissen. Sie haben die Drehbücher Ihrer Filme wieder selbst geschrieben, mit kleinerem Budget gedreht, anspruchsvollere Stoffe. Zwar wurden Sie nicht mehr so arg verrissen, aber die Anerkennung blieb nach wie vor aus. Warum?

Boll Das hatte auch mit meiner Person zu tun. Ich habe mich nie untergeordnet, war nie Teamplayer, hatte nie einen Agenten. Und wenn ein Journalist meinen Film gut fand, traute er sich nicht, das auch zu schreiben.

Wenn Sie nie ein Diplomat gewesen sind, müssen Sie dann nicht auch mit den Konsequenzen leben?

Boll Das tue ich ja. Im Nachhinein würde ich Dinge auch anders machen, Besetzung, Drehbuch, aber es ist so gelaufen, wie es gelaufen ist. Andere mit Riesentalent sind in der Versenkung verschwunden, weil sie nie das Finanzierungsproblem gelöst haben. Da hatte ich Glück. Hätte ich zehn Jahre später angefangen, wären die Medienfonds gar nicht mehr erlaubt gewesen. Dann hätte ich nicht so viel drehen können.

Warum haben Sie es nicht mal unter Pseudonym versucht?

Boll Vor 20 Jahren hätte das noch funktioniert, aber heutzutage kommt so etwas sofort raus. Am Filmset trägt jeder ein Smartphone mit sich herum. Dann hätte es wieder geheißen: Boll, der Idiot, will die Leute verarschen. Bei anderen Regisseuren hätten es alle cool gefunden.

Sind Sie nie auf die Idee gekommen, dass die Kritiker Recht haben könnten?

Boll Mir war ja klar, dass ich Kompromisse machen musste, weil mir die Mittel und die Zeit fehlten. Ron Howard hat mir erzählt, dass er für einen Film jede Szene 20 bis 30 Mal drehen ließ, obwohl er meist den zweiten oder dritten Versuch genommen hat. Einfach um zu gucken, wie sich die Schauspieler entwickeln. Das konnte ich nicht, weil es fahrlässig gegenüber den Geldgebern gewesen wäre.

Sie haben also nie gedacht, doch nur ein mittelmäßiger Filmemacher zu sein?

Boll Von meinen 32 Filmen sind fünf bis sechs richtig gut, dann viel Durchschnittsware, weil es einfach unmöglich war, daraus Meilensteine zu machen. Aber ein paar Filmen habe ich meinen Stempel aufgedrückt. Da haben Charaktere und Story gestimmt.

Was sind Ihre Stärken?

Boll Das erste ist, dass ich als Filmemacher sehr schnell bin. Bei den großen Studios spielt die Drehzeit heute keine Rolle mehr, bei mir war das anders. Ich habe nicht ewig über Einstellungen nachgedacht. Immer im Budget, immer im Zeitplan, das hat sonst niemand hinbekommen. Dann schreibe ich fast einmalig konkrete Drehbücher. Da habe ich die politisch schärfsten Filme der vergangenen Jahre gemacht. Im dritten Teil von "Rampage" wird der amerikanische Präsident erschossen. Ein Film muss nicht Tagespolitik sein, sondern kann einen Schritt zurück machen und zeigen: Schaut, was wir mit dem Planeten gemacht haben – bald ist alles aus.

Ihr Film über Auschwitz war so konkret, dass Sie auch dafür kritisiert worden sind. Mussten Sie unbedingt voll draufhalten, um zu zeigen, wie Juden vergast werden?

Boll Der Film zeigt ja auch Interviews, die ich mit deutschen Schülern geführt habe. Es hat mich perplex gemacht, dass viele Schüler nichts über den Holocaust wussten. Gleichzeitig wird der Holocaust immer häufiger geleugnet, zum Beispiel im Iran. Ich wollte ein Dokument schaffen, das das Töten direkt zeigt, weil das in anderen Filmen nicht der Fall war. Ich wollte das Schlachthaus zeigen, das Auschwitz war. Hätte Wim Wenders das gedreht, wäre der Film besser besprochen worden. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel zeigt den Film.

Sie führen nun ein Restaurant mit gehobener deutscher Küche in Vancouver. Dort bekommen Sie die Anerkennung, die Sie als Filmemacher nie erhalten haben. Bedeutet Ihnen das was?

Boll Ich bin dort eigentlich nicht mehr nötig, weil der Laden jetzt läuft. Die guten Bewertungen sind das Resultat der Köche und des Teams. Aber ich habe nicht locker gelassen, bis wir dieses Level erreicht haben.

Aber so richtig freuen können Sie sich über diesen Erfolg auch nicht. Im Buch schreiben Sie über die Lage der Welt: "Warum reagieren wir nicht? Wir gehen unter, und ich mache in Vancouver ein Restaurant auf. Was für eine Scheiße."

Boll Stimmt. Was wir politisch erreichen müssen, ist klar: Unser Ressourcenverbrauch muss sich komplett ändern. Da erwische ich mich täglich selbst, was ich für ein Arsch bin. Fahre ich Elektroauto? Nein, ich habe Kinder und Hunde, die kriege ich in keinen Elektrowagen. Den ganzen Tag haben wir mit der Frage zu kämpfen, wie wir den Untergang der Erde verhindern können – oder zumindest verzögern. Wir haben jetzt schon alle Ressourcen für 2017 verbraucht, wir wissen, dass es eine Bevölkerungsexplosion gibt und immer mehr Leute aus Afrika fliehen. Wir müssten täglich aufschreien und sagen: Haben wir sie noch alle beisammen? Stattdessen verhalten wir uns wie ein sterbenskranker Lungenkrebs-Patient, dem alles egal ist.

In einigen Ihrer Filme beschäftigen Sie sich mit der Frage, was der Einzelne tun kann. Wenn man Ihren Filmen folgt, kann er höchstens Amok laufen.

Boll Das ist brutal. Ich will keinen Kommunismus, ich will keinen Faschismus, aber wir können nicht davon ausgehen, mit Wirtschaftswachstum alles regeln zu können. Das funktioniert nicht. Der Protagonist aus "Rampage" kommt auf die Idee, die Reichen zu erschießen. Tausend Leute auf dem Planeten besitzen mehr als die Hälfte der Menschheit. Ich will damit nicht dazu auffordern, Amok zu laufen. Aber es zeigt doch, wie schwierig es für den einzelnen ist, etwas zu bewirken, ohne zum Verbrecher zu werden.

Sie sind ratlos?

Boll Alle fragen sich doch: Wie soll es weitergehen? Wie bisher jedenfalls nicht. Wir müssen aufhören, den Regenwald abzuholzen, wir dürfen nur noch halb so viel Fleisch produzieren. Dann essen wir eben mehr Spaghetti. Die Leute sind auch bereit, Einschnitte hinzunehmen. Aber die Leute wollen sich nicht verarschen lassen. Der Dieselskandal zeigt, was in der deutschen Politik zählt: Hauptsache, die Industrie läuft. Und mit einem Faschisten wie Erdogan machen wir gemeinsame Sache, weil er die Flüchtlinge in Lagern aufhält. Wir haben die Verpflichtung, das große Ganze zu sehen, die Welt in hundert Jahren.

Wenn ein Politiker vorschlägt: Nur noch zwei Schnitzel für jeden pro Monat – wären Sie dabei?

Boll Ja. Privatflugzeuge verbieten, Kreuzfahrt begrenzen, Batterien für Elektroautos verbessern. Wir müssen jetzt beschließen, in zehn Jahren nur noch Elektroautos zuzulassen. Die Chinesen haben allerdings auch erst angefangen, sich zu ändern, als sie kaum noch atmen konnten. Wir fühlen die Bedrohung nicht. Das ist das Schlimmste. Darüber könnte ich mich aufregen. Da würde ich gerne aktiv werden. Die Frage ist bloß: Wie?

Sind Sie auf dem Weg in die Politik?

Boll Ausschließen will ich das nicht. Aber es ist in Deutschland schwierig für Außenseiter, in die Politik zu gehen.

Wohin also mit Ihrer Wut?

Boll Natürlich fehlt mir das Filmemachen. Aber ich wollte erst mal meinen Schreibtisch freikriegen. In fünf, sechs Monaten könnte ich wieder eine weiße Leinwand vor mir haben.

Wenn dann ein Produzent auf die Idee käme, Sie als Regisseur zu engagieren?

Boll Wenn endlich mal andere die Rechnung bezahlen, bin ich dabei.

 
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