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panorama avatar AP 2010
  Foto: 20th Century Fox, AP
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"Avatar" mit neun Oscar-Nominierungen: Warum James Camerons Film so viele Menschen bewegt

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 03.02.2010 - 18:01

Düsseldorf (RP). Der Kinofilm "Avatar" ist ein absluter Überflieger. Nicht nur zwei Milliarden Dollar hat er inzwischen an den Kassen der Kinos erlöst, mit neun Oscar-Nominierungen liegt er auch beim wichtigsten Filmpreis ganz vorn. Was macht diesen Film so besonders, warum schauen ihn Millionen weltweit in den Lichtspielhäusern? Eine Erklärung.

James Cameron ist ein Realitätsjäger, er hetzt der Wirklichkeit hinterher, und der Regisseur schafft es tatsächlich, sie einzuholen. Er ringt sie nieder und hält sie für einen Moment an, damit wir in Ruhe schauen können. Über seinen zwölf Jahre alten Film "Titanic" sagte der 55-Jährige kürzlich, er müsse damals "eine transkulturelle Emotion, eine elementare Wahrheit benannt haben". "Titanic" spielte 1,8 Milliarden Dollar ein, das war die Approbation, der erfolgreichste Film bis dahin – seither gilt Cameron als Internist der Gegenwart.

Sein aktuelles Werk – mit neun Oscar-Nominierungen bedacht – sahen allein in Deutschland am Wochenende rund 600.000 Menschen. Und obwohl es in "Avatar" vordergründig um blaue Wesen geht, die vier Lichtjahre von der Erde entfernt den Planeten Pandora bewohnen und ihn gegen menschliche Eindringlinge auf der Suche nach Rohstoffen verteidigen, sehen die Kinobesucher auf der Leinwand doch irgendwie auch sich selbst beim Leben zu.

"Avatar" ist eine Revolution. Zum einen natürlich wirtschaftlich, denn die 300 Millionen Dollar teure Produktion bringt anderthalb Monate nach Start noch hundert Millionen Dollar pro Woche ein und hat "Titanic" übertrumpft. Noch faszinierender ist die Haltung, die hinter diesem Action-Spektakel in 3D steht. Cameron traut sich, in seinem futuristischen Unternehmen eine semantische Antiquität abzustellen, es ist der Begriff der Moral. Cameron meint es tatsächlich ernst mit dem Job des Regieführens, also sagt er den Liebenden, wer für wen bestimmt ist, und den Zweifelnden, was gut ist und was böse.

Regisseur James Cameron (vorne r.) kontrolliert am Set von "Avatar" eine Szene. Mit dabei: Sigourney Weaver (v.l.), Joel David Moore und Sam Worthington. Foto: 20th Century Fox, AP

Freiheit und Gottlosigkeit

Der Mensch der Gegenwart treibt in einer Nussschale auf dem Meer der Zeit. Orientierung hat er kaum, Freiheit und Gottlosigkeit machen es schwer, zu erkennen und zu wählen. In "Avatar" halten sich Menschen denn auch meist in Raumstationen auf, und wenn sie mal hinaus müssen, schützen sie sich vor Fährnissen per High-Tech-Panzerung, die aus ihnen Maschinen-Krieger macht.

Lediglich die Na'vi, die Eingeborenen von Pandora, leben freizügig. Landschaft und Interieurs sind in dem Film stets Widerschein der Seelenverfassung. Der Mensch im Futteral wirkt körperlos und mittelbar. Er schlägt Schneisen in den Dschungel, will ihn und seine Bewohner vernichten, denn der Urwald ist das Symbol des Ungezügelten, des Chaos. Dabei ist in Wahrheit nur dort alles in Ordnung.

Der technische Aufwand, den Cameron trieb, sollte nicht als Verneigung vor dem Fetisch des Neuen missverstanden werden. Er dient allein dazu, eine Geschichte ihrer Zeit gemäß zu erzählen. Camerons Pandora mutet wie ein unterseeischer Kosmos an, er eröffnet eine Welt, die ihre Bevölkerung und auch die im Kino Versammelten aufhebt und birgt. Der postmoderne Film verfuhr bislang nach dem Prinzip "wir wissen, dass die Zuschauer wissen, dass alles bloß Fake ist".

Annähernd vergleichbar ambitionierte und erfolgreiche Produktionen wie das Perserkriege-Epos "300" aus dem Jahr 2007 stellen ihre Künstlichkeit in den Vordergrund, weil die Macher der Ansicht sind, dass man vor einem so auf- wie abgeklärten Publikum nicht so tun muss, als sei die Geschichte real. "300" ist ein ironischer Film, und die Ironie macht ihn überheblich und unverbindlich: Man muss über das Werk schmunzeln, man steht von vornherein über den Dingen.

Liebe und Glück sind möglich

Cameron gelingt das Gegenteil: Er bringt uns zum Staunen, wir sind mittendrin. Er verzichtet auf das Spielerische und die Anführungszeichen, weil er die Technik hat, mit der er den Respekt des medienerfahrenen Publikums zurückerobern kann. Er appelliert nicht an die Abstraktionsfähigkeit der Menschen, sondern an ihren kindlichen Glauben.

Der Kampf der gierigen Soldatenmenschen gegen die von einem zu den Guten bekehrten Ex-Marine angeführten Naturwesen ist also ein Kampf gegen den Kapitalismus der Gefühle. Der Film will nicht die Möglichkeit bieten, dem Alltag zu entkommen. Vielmehr will er eine Perspektive für das Hier und Jetzt aufzeigen. Die filmische Realität ist der echten überlegen und deshalb mitunter realer als die Welt da draußen. Liebe und Glück sind möglich, das sagt "Avatar" seinem Publikum. Die Hauptfigur, der gelähmte Marine, macht den richtigen Gebrauch von der Freiheit seiner Zeit, er wählt und entscheidet, und so wandelt er sich vom Drifter zum Siedler. Der Avatar wird echt.

Unerhört und neu

"Avatar" bricht mit konventionellen Erzählmethoden, indem er Körperlichkeit und Sinnlichkeit aufwertet. Er lässt das Herz "Om" seufzen. Über den Bilderlieferanten, der zum wiederholten Mal die Welt in den Bann schlägt, darf man sagen: Cameron ist der einflussreichste Künstler der Gegenwart. Sein Kino bewirkt den Rückfall des Publikums in eine vorzeitliche Naivität, ursprünglich wie das Verhältnis der Na'vi zur Natur.

So was ist unerhört und neu oder zumindest inzwischen wieder neu. Wir haben es noch nicht zu durchschauen gelernt, deshalb irritiert dieses Verfahren, Wahrheit zu entdecken. Auf Irritation folgt Berührtheit. Wir lernen zu sehen wie Kinder – und werden von Zynikern zu Phantasten.


 
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