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Interview: Wenders lässt sich von Bush den Spaß nicht verderben

zuletzt aktualisiert: 24.08.2005 - 07:54

Berlin (rpo). Dreieinhalb Jahre schrieben Wim Wenders und Sam Shepard am Drehbuch von "Don't Come Knocking" und dachten angesichts der veränderten politischen Situation in den U.S.A. zeitweilig daran, alles hinzuschmeißen. Doch sie wollten sich "den Spaß an dieser Geschichte nicht von dieser Kanaille George W. Bush verderben" lassen.

In seinem neuen Film "Don't Come Knocking" erzählt der deutsche Regisseur mit Hauptwohnsitz in Los Angeles, Wim Wenders, die Geschichte eines amerikanischen Helden, der sich gründlich selbst demontiert. Neben Sam Shepard und Jessica Lange spielt die einsame Berglandschaft im amerikanischen Nordwesten die Hauptrolle in diesem Film. Über den amerikanischen Mythos, das Thema Einsamkeit und einen verschwundenen Hauptdarsteller sprach ddp-Korrespondentin Angelika Rausch mit Wim Wenders, der soeben seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, in Berlin.

Herr Wenders, drehen die Europäer die besseren Filme über Amerika?
In Hollywood drehen die Filmemacher lieber im Studio. Bis Montana, wo "Don't Come Knocking" entstanden ist, fahren sie nicht. Die Amerikaner kennen ihr eigenes Land manchmal nicht so gut. Sie liefern häufig Klischeebilder ab, da sie immer an denselben Orten drehen. Mit meinem neuen Film habe ich neue Bilder gezeigt und damit ein Amerikabild, das nicht klischiert ist. Ich mag die amerikanischen Landschaften richtig gerne. Außerdem macht mir das Drehen in Amerika auch deshalb so viel Spaß, weil ich gerne mit Schauspielern von dort arbeite.

Hätte die Geschichte vom verlorenen Vater, die "Don't Come Knocking" erzählt, auch in Deutschland spielen können? 
Sie wäre nicht so groß geworden, wenn ich sie hier erzählt hätte. Die amerikanische Landschaft tut manchmal etwas zum Film dazu, was ganz magisch ist.

Die Optik Ihres neuen Films erinnert streckenweise stark an die Gemälde von Edward Hopper. Haben Sie eine besondere Beziehung zur Malerei?
Als ich aufgewachsen bin, wollte ich Maler werden. Mein Lieblingsmaler war und ist immer noch Jan Vermeer. In Deutschland habe ich Caspar David Friedrich und Max Beckmann sehr geschätzt. Und Hopper fasziniert mich seit den 70er Jahren. Ich fand, wenn man einen Film macht, der mit dem amerikanischen Mythos ironisch umgeht und damit spielt, dann kann man dafür gut die klassische Optik von Hopper verwenden.

Ist das Amerikabild, das Sie zeigen, wirklich noch zeitgemäß angesichts der politischen Situation?
Mitautor Sam Shepard und ich haben dreieinhalb Jahre an dem Skript gearbeitet. Zwischendurch waren wir beide stinksauer über die politische Situation. Shepard und seine Frau Jessica Lange haben erwogen, aus Amerika auszuwandern, weil sie sehr verärgert waren über die politische Realität. Dann haben wir uns aber gesagt, sollen wir uns den Spaß an dieser Geschichte wirklich von dieser Kanaille George W. Bush verderben lassen? Wir haben dann beschlossen, dass wir uns das von ihm nicht nehmen lassen. Wir wollten die Geschichte aber auch nicht nachträglich politisieren.

Spielen die Themen Einsamkeit und Sehnsucht, die sich durch all ihre Filme ziehen, auch für Sie persönlich eine große Rolle?
Natürlich. Ich habe ja immer darauf bestanden, dass man Filme macht, die auf Erfahrung beruhen und Gelebtes und Erlebtes widerspiegeln. Ich bin im Hauptberuf Reisender und der Meinung, dass Einsamkeit eine wichtige soziale Erfahrung ist. Ich weiß, wie wenig Leute, die nicht einsam sein können, tatsächlich auch zu Beziehungen fähig sind.

In Ihrem Film erscheint der Hauptdarsteller nicht zum Dreh und verschwindet spurlos. Haben Sie so etwas als Regisseur selbst schon mal erlebt?
Bei den Dreharbeiten zu "Himmel über Berlin" ist uns der Hauptdarsteller Peter Falk ständig abgehauen. Er fand die Stadt so toll und ist in den Drehpausen immer "spazieren gegangen" - das war der einzige deutsche Ausdruck, den er kannte. Ein paar Mal haben wir ihn mit der Polizei suchen lassen, weil er einfach in Berlin irgendwo verschwunden war. Allein hätte er nicht zurückgefunden.

Hat sich eigentlich die Bildsprache des Kinos durch Videoclips und Werbung in den letzten Jahren verändert?
In der Tat ist es heute die Werbung, in der Neues ausprobiert wird. Das Kino ist künstlerisch dadurch ins Hintertreffen geraten. Diese Entwicklung ist erstaunlich, denn noch in den 80er Jahren stand an vorderster Front der Bildästhetik das Kino. Alles andere hat sich daraus abgeleitet. Das hat sich völlig umgekehrt.

Quelle: afp

 
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