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Kino
Wildes Porträt des Regie-Genies Sergej Eisenstein

Düsseldorf . Vielleicht muss man in Riga beginnen. In jener Straße mit den schönsten Jugendstilfassaden der Welt, die überschüttet sind von zarten Blüten und zugleich streng in der Form. Von Dorothee Krings

Sergej Eisensteins Vater hat sie gebaut, und der Sohn ist in dieser architektonischen Großzügigkeit aufgewachsen in einer großbürgerlichen Familie, die ihm wohl den Freiraum und das Selbstbewusstsein gab, jener eigensinnige, überbordende, formal revolutionäre Regisseur zu werden, der Werke wie "Panzerkreuzer Potemkin", "Oktober" und "Iwan der Schreckliche" geschaffen hat.

Anfang der 1930er Jahre galt Eisenstein bereits als Genie, doch suchte er eine neue Herausforderung und reiste mit höchst ungefähren Plänen für einen Film nach Mexiko. Das Land mit seinen üppigen Farben und einer Kultur der Lebenslust wie der Todessehnsucht nahm ihn gefangen.

Mexiko wurde Offenbarung und Krise zugleich, denn Eisenstein häufte mit seinem Kameramann Eduard Tisse großartiges Material an und verliebte sich - erstmals in einen Mann. Allerdings blieb "Que viva México!" unvollendet. Der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair hatte ihm die Reise ermöglicht, doch weil sich kein konkretes Ergebnis abzeichnete, ging ihm die Geduld und Eisenstein das Geld aus.

Diese manische Schaffensphase und die sexuellen Erlebnisse Eisensteins haben einen Regie-Exzentriker der Gegenwart gereizt, seinerseits einen virtuos montierten Film zu schaffen: Der Brite Peter Greenaway ("Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber") stürzt den Zuschauer in "Eisenstein in Guanajuato" in eine Bilderorgie, die ihn in das dämonische Mexiko führt und zugleich Eisenstein als verletzliches, impulsives, verspieltes Genie porträtiert.

Dazu hat er mit Elmer Bäck den idealen Hauptdarsteller gefunden. Bäck tobt sich aus in seiner Rolle, ist tollkühner Draufgänger, selbstbewusster Künstler und verwöhntes Kind zugleich. Man ist geschafft nach diesem Film - und hat den Kopf voller meisterlicher Bilder.

"Eisenstein in Guanajuato". Belgien u.a. 2015, Buch und Regie: Peter Greenaway. Mit: Elmer Bäck und Luis Alberti. Laufzeit: 110 Minuten

Quelle: RP
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