"Don't Come Knocking": Wohl keine Goldene Palme für Wenders
zuletzt aktualisiert: 20.05.2005 - 11:50Cannes (rpo). Nur lauwarmen Applaus und einige Buhrufe erntete Wim Wenders bei der Präsentation seines neuen Films "Don't Come Knocking" in Cannes. Dass der deutsche Regisseur nach "Paris, Texas" (1984) eine zweite Goldene Palme mit nach Hause nimmt, gilt auf den Festivalfluren als ziemlich unwahrscheinlich. Nichtsdestotrotz war der Promifaktor bei der Premiere hoch.
Natürlich würde Wim Wenders aus Cannes gern mit seiner zweiten Goldenen Palme nach Hause reisen. Doch auch für den deutschen Routinier hängt die wichtigste Trophäe des Festivals an der Côte d'Azur diesmal ziemlich hoch. Bei der Präsentation von "Don't Come Knocking" ernteten Wenders und seine Crew um den US-Dramatiker Sam Shepard am Donnerstag vom Fachpublikum zunächst nur lauwarmen Applaus und einige wenige Buhrufe. Trotzdem zeigte sich Wenders zuversichtlich: Der Streifen, in dem Shepard einen Filmstar auf der späten Suche nach seiner Familie gibt, sei "sicher einer der besten Filme, den ich in meinem Leben gemacht habe", und er sei "sehr, sehr stolz darauf".
"Don't Come Knocking" handelt vor allem von Eltern-Kind-Beziehungen. Der Zerfall von Familien ist für Drehbuchautor Shepard "eines der wesentlichen Themen unserer Zeit". Angesiedelt ist die Story in Amerikas Wildem Westen, einer Landschaft der Mythen, die für den gebürtigen Düsseldorfer Wenders seit Kindstagen "den idealen Platz auf dieser Welt" darstellt, wie er beim Festival erläuterte.
Kritiker reagierten enttäuscht
Gut zwei Jahrzehnte nach dem Cannes-Triumph des Duos Wenders/Shepard mit "Paris, Texas" 1984 weht an der französischen Riviera indes ein rauer Wind. Der Erwartungsdruck ist spürbar hoch, zumal die Festspiele bald zu Ende gehen und der Großteil der Wettbewerbsbeiträge um die Goldene Palme bereits gelaufen ist. Nicht wenige Kritiker reagierten spontan enttäuscht auf "Don't Come Knocking": Der Film sei zu konventionell, manche Schlüsselszenen wirkten gestellt, heißt es auf den Fluren des Festivalpalastes.
Statt eine zweite Goldene Palme für Wenders erwarten viele Experten den ersten Festivalsieg von US-Kultfilmer Jim Jarmusch. Der hat sich zufällig genau dasselbe Thema - die späte Erkenntnis von Familienbanden - ausgesucht und bei der Umsetzung allgemeiner Einschätzung zufolge mehr Erfolg. Kleine Ironie der Geschichte: In Jarmuschs tragikomischem Film "Broken Flowers" spielt an der Seite von Bill Murray ("Lost in Translation") auch Jessica Lange, die wie bei Wenders eine tragende Rolle hat.
Nicht wenige Auguren halten stattdessen die erste "französische" Palme seit fast zwei Jahrzehnten für möglich: Das Drama "Caché" vom österreichischen Regisseur Michael Haneke mit den französischen Stars Juliette Binoche und Daniel Auteuil stieß auf enthusiastische Kritiken. Haneke wurde ebenso wie Jarmusch in Cannes bereits mehrfach ausgezeichnet, erhielt aber eben noch nie den Hauptpreis. Als weiterer heißer Anwärter auf die Goldene Palme wird schließlich der Kanadier David Cronenberg gehandelt, dessen "Geschichte der Gewalt" mit "Herr der Ringe"-Star Viggo Mortensen begeisterte.
Jim Jarmusch gilt als Favorit
Mit Wenders sind noch drei weitere ehemalige Festivalsieger im Rennen: Die Belgier Luc und Jean-Pierre Dardenne zeigen "L'Enfant", das sich ganz im Trend von Cannes der Vaterschaft widmet, der Däne Lars von Trier setzt mit "Manderlay" seine US-kritische Trilogie fort, und der US-Filmemacher Gus Van Sant zeichnet in seinem ganz eigenen Stil das Sterben von Rockstar Kurt Cobain nach.
Die Hauptjury des Festivals unter dem Vorsitz des serbischen Regisseurs Emir Kusturica hat ganz offenbar eine schwere Wahl. Ab dem frühen Vormittag sollen sich die Juroren - unter ihnen der deutsche Berlinale-Sieger Fatih Akin und die mexikanische Darstellerin Salma Hayek - in einer Villa zur Klausur zurückziehen, die Mobiltelefone abgeschaltet wie bei der Papstwahl. Die Würfel scheinen noch lange nicht gefallen zu sein, wie Insider versichern: Um die Auszeichnungen könnte noch bis kurz vor der Preis-Gala am Samstagabend gerungen werden.
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