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Viele Stars am Lido: Woody Allen eröffnet Filmfestival in Venedig

VON DÖRTE LANGWALD - zuletzt aktualisiert: 28.08.2003 - 05:55

Venedig (rpo). Mit seinem neuen Film "Anything Else" hat Woody Allen am Mittwochabend das 60. Filmfestival in Venedig eröffnet. Gut gelaunt und ungewohnt gesprächig erschien der Star-Regisseur mit seinen Hauptdarstellern Christina Ricci und Jason Biggs auf der Biennale, von der unsere Mitarbeiterin Dörte Langwald berichtet.

Venedig, Lido, gestern Nachmittag: Schaukelnd näherte sich am leuchtendblauen Firmament ein Bötchen, im Hintergrund spielen pittoreske Palazzi eine Kulisse zum Träumen. Fast idyllisch, diese Szene vor dem Anlegesteg der Biennale - wäre nicht der kleine Kahn von unzähligen Booten umschwirrt, in denen plappernde Paparazzi ihre digitale Augen geschäftig auf seinen prominenten Insassen richten: Es ist Movie-Magier Woody Allen, der die venezianische Lagunein Richtung Lido überquert. 

Eine Premiere. Noch nie hat der menschenscheue Regisseur das venezianische Festival persönlich besucht, obwohl seine Filme hier seit Jahren gezeigt werden. In diesem Jahr ist alles anders. Allens neuester Coup, die gewohnt wortwitzige Komödie "Anything Else", wird am Abend das Festival eröffnen -und das im Jubiläumsjahr, feiert doch die Biennale ihren 60. Geburtstag. Und so erzählt Woody Allen,  flankiert von seinen Hauptdarstellern Jason Biggs und  Christina Ricci, später auf der Pressekonferenz, er habe das Gefühl gehabt, dem italienischen Publikum etwas schuldig zu sein. Die Italiener seien große Filmliebhaber, haben seine Werke immer sehr positiv aufgenommen. Allens Venedig-Besuch sei deshalb eine Geste des Dankes.

Erstaunlich: Während der als wortkarg bekannte Filmemacher ausführlich Rede und Antwort steht, ist es ausgerechnet Christina Ricci, die sich in Zurückhaltung übt. Schüchtern haucht sie ins Mikro, schaut immer wieder unsicher zu Woody Allen, als suche  sie Unterstützung, und sitzt mit mädchenhaftem Blick scheu lächelnd auf ihrem Stuhl. Kurios, spielt doch Ricci in "Anything Else" die verführerische Femme  fatale Amanda, deren Eskapaden ihren Langzeit-Lover  Jerry (Jason Biggs) immer wieder auf die Couch seines Seelenklempners sinken lassen. Sexy Amanda,  selbstbewusst und schön - reihenweise fallen ihr die  Männer zum Opfer. So auch ihr Freund Jerry, ein  verkorkster Jung-Autor mit Dauerschaffenskrise. Dank  lahmer Ausreden von Amanda herrscht seit Monaten Ebbe  im Bett, dennoch kommt Jerry nicht von ihr los. Ebenso stoisch hängt er auch an seinem unfähigen Psychoanalytiker und einem unbrauchbaren PR-Manager. Einzig sein väterlicher Freund David Dobel (Woody Allen als herrlich kauziger Autonomie-Prediger) ermutigt Jerry, Leben und Liebe in die eigene Hand zu nehmen. 

Biggs meistert Debüt bravourös

Jason Biggs, bekannt aus der Klamauk-Trilogie "American Pie", meistert sein Allen-Debüt bravourös. Der charismatische Jungspund, der einst seine Männlichkeit in heiße Apfelkuchen tunkte, spielt er  den strauchelnden Jerry Falk überzeugend und pointiert. Woody Allen habe ihn nur fünf Minuten lang gesehen, bevor er ihn für die Hauptrolle engagiere, erzählt Biggs. Dementsprechend nervös sei er vor der Zusammenarbeit gewesen. Doch Woody Allen hält sich beim Drehen extrem zurück, lässt seinen Schauspieler vollständig freien Lauf. "Sie dürfen improvisieren, ihren Text ändern - alles, was sie wollen", erklärt Allen. "Das einzige, was ich zu einem Film beitrage, ist ein sehr gutes Casting. Den Rest machen die Schauspieler dann selbst", kichert er.

Am Abend schritt er dann haendchenhaltend mit Gattin  Soon-Yi ueber den roten Teppich,   drehte sogar eine Ehrenrunde an den Absperrungen entlang und winkte ganz entspannt. Neben ihm in einem Hauch aus schwarzer Spitze: Christina Ricci, die sichtlich selbstbewusster als auf der Pressekonferenze mit tiefem Augenaufschlag fuer die Fotografen posierte. Ganz smart im schwarzen Anzug erschien  Jason Biggs, begleitet von frenetischem Gekreische aus der Menge. Der sonst lautlose Lido als Hexenkessel - "Life is strange, just like anything else", wie Woody Allen weise grinsend philosophierte.  

Den Goldenen Löwen kann er aber nicht gewinnen: Wie viele Blockbuster- und Hollywood-Regisseure tritt auch Allen in Venedig außer Konkurrenz an. Besonderen Beifall bekam am Abend auch Salma Hayek ("Frida"). Ebenfalls am Lido erwartet werden Anthony Hopkins, Johnny Depp und Robert Rodriguez.

"Rosenstraße": der einzige deutsche Beitrag

Zu den 20 Wettbewerbsfilmen gehört dagegen "Rosenstraße" von Margarethe von Trotta (61), die italienische Kritiker fast zärtlich als "Lido-Veteranin" begrüßten. Sie hatte 1981 mit "Die bleierne Zeit" den Goldenen Löwen gewonnen. Gleich ein Jahr später, 1982, bekam Wim Wenders für "Der Stand der Dinge" den Löwen - seitdem gehen deutsche Regisseure am Lido leer aus. Jahrelang wurde das Kino "Made in Germany" in Venedig übergangen, Deutsche gar nicht erst eingeladen. Auch diesmal ist "Rosenstraße" der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb.

Der Film handelt von Frauen im Berlin der Nazizeit, die gegen die drohende Deportation ihrer jüdischen Ehemänner demonstrieren. Die Hauptrollen spielen Katja Riemann und Maria Schrader. Ein anderer Deutscher, Michael Schorr (38), tritt in der Nebenreihe "Controcorrente" an. Nach Kurz- und Dokumentarfilmen drehte er mit "Schulze get the blues" seinen ersten Spielfilm, über das Leben in einem ostdeutschen Dorf.

Während der Wettbewerb ganz im Zeichen des europäischen und des asiatischen Films steht, hat Festivaldirektor Moritz de Hadeln auch reihenweise Hollywood-Produktionen an den Lido geholt, die allerdings außer Konkurrenz laufen. "Das ist ein Festival der Gegensätze und der reichen Versprechungen", freuen sich italienische Kritiker.

"Diesmal ist einfach ein gutes Jahr"

Echter Grund zur Freude am Lido, wo Kritiker und Publikum Jahr lang unter mittelmäßigen und verstiegenen Filmen litten, ist etwa Robert Bentons Verfilmung des Philip-Roth-Romans "Der menschliche Makel", mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman. Robert Rodriguez bringt "Once upon a Time in Mexico" mit, eine pralle Thrillerstory vor exotischen Hintergrund mit Antonio Banderas, Salma Hayek, Johnny Depp, Willem Dafoe und Mickey Rourke. "Mit dem Kino ist es wie mit dem Wein", jubelt de Hadeln, "diesmal ist einfach ein gutes Jahr." Ridley Scott ("Gladiator") stellt "Matchstick Men" mit Nicolas Cage vor.

Schon am Freitag wird der erste Löwe verliehen, an Alt-Star Omar Sharif ("Doktor Schiwago"), für seine Gesamtkarriere. Der 73-jährige Ägypter mit dem feurigen Blick spielt sogar eine Rolle am Lido, in "Monsieur Ibrahim et les Fleurs du Coran" von Regisseur François Dupeyron. Darin spielt er einen alten arabischen Gemüsehändler in Paris, der eine tiefe Beziehung zu einem jungen Juden entwickelt. Dabei wollte Omar Sharif eigentlich gar nicht mehr vor die Kamera. "Ich hatte nie erwartet, dass es noch einmal einen Film oder eine Rolle geben könnte, die mich zurück an die Arbeit locken."


 
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