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Zeitreise in die frühen 80er Jahre

Richard Linklater erzählt in "Everybody Wants Some" aus einer Studenten-WG. Von Martin Schwickert

Die Fenster sind herunter gekurbelt. Der Oldsmobile Coupé braust über den texanischen Highway. Das halblange Haar des jungen Mannes flattert im Fahrtwind, und aus den Lautsprechern dröhnt "My Sharona" von The Knack. Schon in der ersten Szene von Richard Linklaters "Everybody Wants Some" steckt alles, was diesen Film im Grunde ausmacht: Sommer, Sonne, Jugend, Freiheit und Musik. Als geistiges Sequel von "Dazed and Confused" bezeichnet der amerikanische Autorenfilmer sein neues Werk. Damals, 1993, hatte Linklater das High-School-Leben der 70er auferstehen lassen, und jetzt reist er ins Jahr 1980, wo Erstsemester Jake (Blake Jenner) mit einer Kiste Langspielplatten unter dem Arm einen neuen Lebensabschnitt betritt. Das Studentenheim, in dem die Baseball-Stipendiaten untergebracht sind, hat schon bessere Tage gesehen.

Ein Gartenschlauch führt von der Küche ins darüber liegende Stockwerk, wo gerade ein Wasserbett befüllt wird und das Gebälk ächzende Geräusche von sich gibt. Drei letzte Ferientage liegen vor den Studenten, die mit ein paar Trainingseinheiten, aber vor allem mit jeder Menge Spaß gefüllt werden wollen. Und im Grunde ist die Handlung des Filmes damit hinreichend beschrieben. Denn in "Everybody Wants Some" geht es nicht um komplexe Plotkonstruktionen, sondern um die Momentaufnahme einer Lebensphase. Damit ist der Film paradoxerweise ein naher Seelenverwandter von Linklaters Langzeitstudie "Boyhood".

Lebte letzterer von der Faszination biografischer Kondensierung, streckt "Everybody Wants Some" den Augenblick eines lebensgeschichtlichen Umbruchs in ein mäanderndes Kinoformat. Der Film beschreibt den kurzen Schwebezustand und das Gefühl vollkommener Freiheit zwischen Jugend und Erwachsenwerden genauso wie die Nahtstelle zweier Dekaden: die zu Ende gehenden 70er als Jahrzehnt von Flower Power und sexueller Befreiung sowie den beginnenden 80ern mit den Totalverweigerungsposen der Punkbewegung und der herannahenden Aids-Ära. Die Leichtigkeit, mit der es den adoleszenten Kerlen hier immer nur um das Eine geht, wird wenige Jahre später nicht mehr vorstellbar sein.

Linklater beschwört mit ausstatterischer Genauigkeit und einem hinreißenden Soundtrack nicht nur Zeitkolorit, sondern schafft es, das ungestüme Lebensgefühl jener Jahre wirklich sichtbar zu machen.

Everybody Wants Some, USA 2015 - Regie: Richard Linklater, mit Blake Jenner, Zoey Deutch, Glen Powell, 117 Min.

Quelle: RP
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