| 10.31 Uhr

Köln
Fischers Festspiele

Köln. Helene Fischer ist der showgewordene Kompromiss. Kuschelrock-Romantik, Discofox-Gefühl und Zirkusatmosphäre - bei der erfolgreichsten Sängerin Deutschlands ist für jeden etwas dabei. Von Barbara Grofe

Nach 75 Minuten verlassen die Menschen das erste Mal die Lanxess-Arena. Während sie zur Toilette gehen oder Cola kaufen, Blinke-Herzen und Fan-Shirts, macht Helene Fischer Pause. Eine wohlverdiente - 75 Minuten lang hat sie gesungen, getanzt und ist an Seilen in zehn Metern Höhe unter der Hallendecke herumgeturnt. Und nach der Pause geht es noch einmal 80 Minuten weiter. Zweieinhalb Stunden insgesamt, in Köln gleich an fünf Abenden. An allen diesen fünf Abenden ist die Arena voll, insgesamt werden rund 80.000 Menschen die Sängerin dort gesehen haben, wenn die Fischer-Festspiele hier zu Ende gehen und weiterziehen.

Zum Konzert der Sängerin kommen Frauentrüppchen mit rosafarbenen Plastiksektgläsern und Popcorntüten, Eltern-Kind-Duos in Helene-Fischer-Partnershirts, gesetzt wirkende Senioren im zweireihigen Sakko, junge Männer mit Barbour-Jacke und sehr akkuratem Scheitel. Jedes Alter, jeder Style - Helene Fischer scheint der showgewordene Kompromiss. Sie bietet für jeden etwas, der bei Schlagerpop nicht sofort schreiend davonrennen muss: ein bisschen Sauber-Sex, viel Kuschelrockromantik, ein Gefühl von Weltverbesserei, Discofox-in-der-Großraum-Disco und Zirkusbesuch. Mit einer Helene-Fischer-Show verhält es sich ein wenig wie mit "Wetten, dass..?" früher - irgendwas war da auch stets für jeden dabei.

Immer wenn die Sängerin, die zu Beginn des Abends im Glitzerbody auf die Bühne schwebt, ein kurzes "Köln!" oder ein langes "Köööööööln" ins Mikro ruft, tobt die Halle. Die Ränge, der große, bestuhlte Innenraum, der kleinere Bereich der Stehkartenbesitzer ganz vorne. Und wie auch immer man zu Helene Fischers Musik steht: Niemand dürfte bestreiten können, dass die gebürtige Russin und ihre 20 Tänzer eine perfekte Show abliefern. Für ihre Tour hat die ausgebildete Musicaldarstellerin mit Artisten von "Cirque du Soleil" im kanadischen Montreal trainiert, und das Ergebnis ist ernsthaft beeindruckend: Die 33-Jährige schwebt an Seilen durch die Halle und hält sich nur mit einer Hand fest, sie lässt sich in rund zehn Metern Höhe von einem Artisten herumwirbeln, hängt plötzlich über Kopf über der Bühne. Und zwar nicht wie ein nasser Sack. All das funktioniert nur dank unfassbarer Armmuskeln, die Madonna neidisch machen würden, einer tierischen Körperspannung und noch viel, viel mehr Disziplin. Helene Fischer ist ihre eigene russische Eiskunstlauf-Mama.

Sie habe, das hat die Sängerin im Vorfeld ihrer Tour gesagt, bewusst eine Herausforderung für sich gesucht und sie auch gefunden. Was Fischer da veranstaltet, ist nicht ein bisschen Show-Gehüpfe, sondern Akrobatik. Sie gibt kein normales Konzert, sondern ein Musical. Sollte der Eindruck richtig sein, dass Fischer in diesen Hardcore-Situationen nicht live singt, sondern sich ein bisschen vom Playback helfen lässt, würde man ihr das angesichts dieser Anstrengung nachsehen.

Helene Fischer ist unglaublich professionell. Jede Geste, jede Bewegung, vermutlich sogar jeder Blick sitzt so perfekt wie jedes der acht knappen Glitzerkostüme. Sie hat die 15.000 Menschen im Griff, bringt sie zum Mitsingen und Nachbar-Ankuscheln und zum Handyzücken. In sich ist diese Gruppe, die sich zum Köln-Auftakt in der Lanxess Arena eingefunden hat, gar nicht homogen, und doch wirken alle zusammen, als hätten sie jetzt schon den Abend des Jahres. Helene Fischer trägt ihre Songs über Liebe und Selbstverwirklichung ironiefrei vor, und ihre Fans finden das - wenn man das frenetische Feiern zugrunde legt - richtig. Die echte Welt, Liebeskummer, Jobverlust und Stress mit dem Chef, haben wenig zu suchen in diesen 155 Minuten Fischer.

Mit vier Jahren kam das Mädchen mit seiner Familie aus der Sowjetunion nach Rheinland-Pfalz. Zu Schulzeiten belegte Helene Fischer Musical-Kurse, danach ließ sie sich zur staatlich geprüften Musicaldarstellerin ausbilden, ergatterte noch während dieser Zeit ihre ersten Engagements und schnell einen Plattenvertrag. Sieben Alben hat Helene Fischer in den elf Jahren seither herausgebracht - heute ist sie die derzeit erfolgreichste Sängerin Deutschlands. Ihre fünf letzten Alben haben alle mindestens Platz zwei der deutschen Charts erreicht. Die im Mai erschienene Platte "Helene Fischer" wurde in der ersten Woche 300.000 Mal verkauft und hat damit laut Marktforschungsinstitut GfK den erfolgreichsten Albumstart der vergangenen 15 Jahre hingelegt. Helene Fischer ist emsig - neben ihrer Musik führt sie durch Fernsehshows, hat ein eigenes Parfüm und Magazin und eine Tchibo-Modekollektion herausgebracht.

Kleine, feine Risse in diesem überperfekten Bild sind selten, aber es gibt sie. Wenn sie sich für den Bruchteil einer Sekunde im Text vertut. Wenn auch ihr der Schweiß nach einer Akrobatiknummer übers Gesicht läuft und die Frisur ein wenig derangiert ist. Wenn sie mit dem Publikum spricht, das sie konsequent "meine Lieben" nennt. Manchmal haspelt sie dann ein kleines bisschen, muss Sätze neu anfangen. Dann merkt man, dass ihr das Tanzen und Darstellen und Singen deutlich mehr liegt als das Reden. Und dass auch Helene Fischer keine Maschine ist.

Quelle: RP
 
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