Neues Museum in Essen: Folkwang wird ein großer Wurf
VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 12.05.2009 - 20:29Essen (RP). Eine demonstrative Öffnung zur Innenstadt, hellgrün schimmernde Glasfassaden und eine treppenlose Ausstellungsfläche – so wird sich das Essener Museum Folkwang künftig darbieten. Der 55 Millionen Euro teure Neubau von David Chipperfield hat bereits Konturen gewonnen.
Wenn der weltweit beschäftigte britische Architekt David Chipperfield von seinem heranwachsenden Neubau des Essener Museums Folkwang spricht, streut er oft ironisch das Wort "shopping list" ins Gespräch. Damit meint er jene lange, einkaufszettelartige Liste von Vorgaben, die Museumschef Hartwig Fischer ihm auf den Weg gab, bevor der Brite seinen Entwurf notierte.
Ganz oben auf der "shopping list" stand der Wunsch, das Museum mit seinem bislang von der Stadtmitte abgewandten Eingang möge sich der Innenstadt öffnen; es soll die Besucher schon auf der Straße durch demonstrative Offenheit ansprechen und einen Rundgang ohne Treppensteigen ermöglichen. Chipperfield musste sich also in einem denkbar engen Spielraum bewegen.
Inzwischen ist der Neubau so weit gediehen, dass man feststellen kann: Der Architekt hat die Vorgaben nicht in künstlerischem Freiheitsdrang vom Tisch gefegt, sondern sich penibel daran gehalten. Entstanden ist dennoch keine Einkaufszettel-Architektur, sondern ein offenes Ganzes, ein großer Wurf.
Grün schimmernde Fassaden aus Glaskeramik verbinden die einzelnen, über einem unterirdischen Parkhaus errichteten Baukörper miteinander – und über zwei Durchgänge mit dem denkmalgeschützten Altbau, dessen liebevolle Einbeziehung von Innenhöfen auch den Neubau bestimmt. Museumschef Fischer wird künftig von seinem Büro über eine Balustrade hinab auf die Kasse schauen können und damit in die Mitte des Foyers, von dem sich vieles erschließt. Übersichtlichkeit, Transparenz – auch solche Begriffe standen auf der "shopping list". Die neue Freitreppe, die von der Bismarckstraße zum Eingang führt, trägt dazu bei. Und ein Raster, das sich durch das gesamte Gebäude zieht, rückt das neue Museum in die stilistische Nähe von Mies van der Rohe.
Selbstverständlich hat sich auch Berthold Beitz, ehedem Generalbevollmächtigter von Alfried Krupp, im Haus schon umgeschaut. Er ermöglichte den Bau über seine Krupp-Stiftung durch die Übernahme der gesamten Kosten: 55 Millionen Euro. Warum ihm das Museum Folkwang so viel wert ist? Seine Liebe zu diesem Schatzhaus wurzelt auch in seiner Biografie. Als er nach Essen zog, nahm er auf der anderen Straßenseite für einige Zeit seinen Wohnsitz. Schon jetzt ist Beitz voll des Lobes für Chipperfields Architektur. Noch allerdings kann, wer durch das Innere des halb fertigen Museums schlendert, kaum fassen, dass der Bau schon im Oktober übergeben werden soll und dass ab Ende Januar 2010 jedermann willkommen sein wird. Noch werden Strippen gezogen, Wandverkleidungen angebracht, Teile der Klimaanlage installiert.
Wie werden die Räume aussehen, wenn erst Bilder und Skulpturen ihre Plätze bezogen haben? Museumschef Fischer will noch nicht verraten, wie Cézanne und Gauguin, van Gogh und Matisse dereinst aufeinandertreffen. Nur dies: "Wir werden den Königsweg durch die Zeiten gehen – aber mit Überraschungen." Damit wird sich das Haus in guter Gesellschaft von anderen neueren Museumspräsentationen befinden, in denen zwischen den Werken der klassischen Moderne schon mal ein Stück aus der Gegenwart hervorlugt.
Versteht sich, dass die Räume den Anforderungen von heute genügen. Die Wände auch der fotografischen Sammlung sind so hoch, dass sie mühelos Großformate von Andreas Gursky oder Thomas Struth aufnehmen. Die gesamte Ausstellungsfläche der Neubaus beträgt 3800 Quadratmeter, die des zurzeit in Sanierung befindlichen, in den Rundgang einbezogenen Altbaus 2400 Quadratmeter.
Wie die fotografische Sammlung verfügen auch das Deutsche Plakat-Museum und die grafische Sammlung über eigene Räume. Es wird eine Buchhandlung geben, ein gigantischer Aufzug verbindet die Schausäle mit dem Depot und der Lastwagen-Einfahrt, und gleich nebenan erhebt sich das Kulturwissenschaftliche Institut, mit dem das Museum Folkwang zusammenarbeitet. Alles ist auf Multifunktionalität ausgerichtet. Chipperfield hat Fischers "shopping list" Punkt für Punkt ernst genommen.
Eine Eröffnungsschau wird es nicht geben. Fischer will sein Haus allein mit der Ausbreitung der Schausammlung eröffnen. Zwei Monate später, am 20. März 2010, folgt die Ausstellung "Das schönste Museum der Welt. Museum Folkwang bis 1933", ein mit hochrangigen Leihgaben bestückter Überblick über einen Teil der Werke, die dem Museum durch die nationalsozialistische Aktion "Entartete Kunst" verloren gingen.
Erst gegen Ende des Kulturhauptstadtjahrs, am 2. Oktober, beginnt dann eine Schau, die eine Parallele zur Entstehung des Ruhr-Reviers aufweist: "Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris"; keine reine Kunstausstellung, sondern eher ein kulturwissenschaftlicher Akt, der veranschaulicht, wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Paris das moderne Großstadtleben Einzug hielt.
Die Eröffnung des neuen Museums Folkwang wird das bedeutendste Ereignis des Kulturhauptstadtjahrs an der Ruhr sein, auch eines der wenigen nachhaltigen. Kurioserweise zählt es nicht zum Programm der Kulturhauptstadt. Berthold Beitz wünschte sogar ausdrücklich eine Eröffnung außerhalb des Hauptstadtjahr-Getöses. Schließlich hat das Museum Folkwang ein ganz eigenes Gewicht.
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